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Tschernobyl - 20 Jahre danach

Das Ausmaß der Katastrophe, die am 26. April 1986 durch eine Explosion im Atomkraftwerk der ukrainischen Stadt Tschernobyl ausgelöst wurde, ist bis heute nicht abzusehen.

> "Noch lange nicht zu Ende"

01/10/08

"Tschernobyl - noch lange nicht zu Ende"

Eine neu vorgelegte Studie der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW und der Gesellschaft für Strahlenschutz hat die 2005 vorgelegten Zahlen des Tschernobyl-Forums unter Federführung der  Internationalen Atomenergie Organisation (IAEO) Lügen gestraft. Diese Unstimmigkeiten könnten nicht verwundern, so Frau Dr. Claussen von der IPPNW. Schließlich habe die IAEO laut ihrer Satzung das Ziel zur Förderung der Atomenergie.

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Dr. med. Angelika Claußen ist seit 1987 Mitglied der IPPNW und seit 2005 Vorsitzende der deutschen IPPNW-Sektion.

ARTE : Die IPPNW hat zu den gesundheitlichen Auswirkungen der Katastrophe von Tschernobyl soeben eine neue Studie vorgelegt. Sie kommen in großen Teilen zu anderen Zahlen als das Tschernobylforum 2005…

Dr. Claussen: Das Tschernobylforum 2005 ist eine Gruppe von Organisationen, deren Federführung die internationale Atomenergie-Organisation hat. Die IAEO spricht in ihrer Presserklärung von nur 50 Strahlentoten und 4000 noch zu erwartenden Krebs- und Leukämietoten. Diese Zahlen sind nachweislich falsch. Zudem fallen Unstimmigkeiten in der Studie auf: Der originalen Langfassung der Studie ist die Zahl von 9000 zu erwartenden Toten zu entnehmen, in der zitierten Originalstudie, aus der diese Zahl stammt, ist von 10 - 22 000 Toten die Rede. Drei unterschiedliche Zahlenangaben durch die selbe Organisation - Das ist unserer Meinung nach reine Politik und hat nichts mehr mit Wissenschaft zu tun !
Diese Empörung war für uns Anlass, selber nachzuforschen, andere Literatur mit einzubeziehen – insbesondere bisher nicht übersetzte Literaturstudien aus den betroffenen Gebieten selber.

Welches sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Studie ?

600 000 bis 1 Million "Liquidatoren" waren direkt nach dem Unfall damit beauftragt, den Reaktor aufzuräumen. 50 000 bis 100 000 von ihnen sind bereits gestorben. Die Registraturbehörden in Russland, der Ukraine und Weissrussland geben übereinstimmend an, dass 90 % (bis zu 900 000) der Aufräumarbeiter heute schwer krank sind: Neben Krebserkrankungen sind diese Menschen von hirnorganischen Erkrankungen, Erkrankungen der Sinnesorgane, Atemwegserkrankungen, Erkrankungen der Verdauungsorgane und Erkrankungen des endokrinen Systems (Schilddrüse und Bachspeicheldrüse) betroffen.

Auch die Kinder dieser Aufräumarbeiter und anderer Menschen aus den kontaminierten Gebieten sind häufig schwer erkrankt – was eindeutig belegt, dass wir es mit einem transgenerationellen Schaden zu tun haben. Tschernobyl ist noch lange nicht zu Ende. Aus der genetischen Forschung ist bekannt, dass die Schäden in der ersten Generation lediglich zu 10 % zu sehen sind, in den nachfolgenden sieben Generationen kommen die übrigen 90 % zum Tragen. Wir sehen heute erst die Spitze des Eisberges…

Links:
  • IPPNW
    Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges
  • BMU
    Atomkraft, ein teurer Irrtum - Die Mythen der Atomwirtschaft
  • Global 2000
    Umfangreiche Informationen zum Thema Tschernobyl
Welche Strahlungsschäden können für Westeuropa verzeichnet werden ?

In Westeuropa ist mit 53 % insgesamt mehr an Strahlung heruntergekommen als in den unmittelbar betroffenen Ländern. Bereits bekannt ist der Anstieg der Säuglingssterblichkeit in mehreren europäischen Ländern. In Bayern, wo sehr viel Strahlung heruntergekommen ist, gab es 1000 bis 3000 zusätzliche Fehlbildungen, für Europa insgesamt wird mit bis zu 10 000 schwerwiegenden Fehlbildungen gerechnet. Unter Bezug auf UNSCEAR, dem wissenschaftlichen Strahlenkommitee der UNO, kommt man auf 12 000 bis 83 000 mit genetischen Schäden geborene Kinder in der Tschernobylregion und auf 30 000 bis 207.500 weltweit.

Welche Faktoren erschweren in der Tschernobyl-Katastrope die Erhebung von Daten ?

Der erste grundsätzliche Fehler bestand darin, dass die Sowjetunion ihre Daten drei Jahre lang geheimgehalten hat. Sie hat zudem Anweisung gegeben, Kranke nicht zu registrieren und dafür gesorgt, dass falsche Eintragungen erfolgten. Darum liegen heute keine korrekte Zahlen zur Menge der entwichenen Strahlung vor.. Auch aus den später durchgeführten Bodenmessungen kann man nur schwer schließen, wie viel Strahlung die dort lebenden Personen tatsächlich aufgenommen haben. Zur Berechnung der Daten werden Umrechnungsfaktoren und Schätzfaktoren verwendet, das Ergebnis können immer nur Annäherungswerte sein. Zudem hat auch die Strahlenwissenschaft mit der Zeit dazugelernt und ihre Umrechnungsfaktoren von Tschernobyl bis heute teilweise bis um das vier-fache erhöht. Auch aus diesem Grunde wird es die "wahren" Zahlen nie geben.

Muss man davon ausgehen, dass auch im Westen wissentlich fehlinformiert wurde ?

Leider ja. Mehrere Beispiele belegen, dass auch die internationale Atomenergiebehörde Informationen unterschlagen hat. Auf der ersten Tschernobylkonferenz 1991 hieß es, dass es bei Kindern keine Erhöhung von Schilddrüsenkrebserkrankungen gäbe, zu diesem Zeitpunkt lagen dem Experten des Komitees bereits entsprechende Unterlagen über die Krebserkrankungen der betroffenen Kinder vor. 10 Jahre später sagte die IAEO, dass es außer ein paar behandelbaren Schilddrüsenkrebsfällen keine weiteren direkt auf Tschernobyl zurückzuführenden Erkrankungen gäbe. Bekannt waren jedoch sowohl die genetischen Schäden als auch die anderen schweren Erkrankungen der Liquidatoren, entsprechende Studien wurden schlichtweg ignoriert. Was die IAEO zur Bewertung der Atomenergie und zu ihren Folgen unternimmt, ist aus unserer Sicht katastrophal.

Wie steht es um die Sicherheit der angeblichen risikofreien Reaktoren in Europa ?

In jedem Atomkraftwerk kann jederzeit ein Unfall geschehen. Man sollte nicht immer nur von den „scheußlichen“ osteuropäischen Reaktoren sprechen – alleine in Deutschland gibt es mit Biblis A und B, Brunsbüttel und Neckarwestheim 1 vier sogenannte „Schrottreaktoren“, die sofort abgeschaltet werden sollten, weil sie keinen aktuellen Sicherheitsnormen mehr entsprechen. Tatsache ist aber, dass das Energieversorgungsunternehmen RWE, das unter anderem Biblis A unterhält, für den Reaktor einen Antrag auf Laufzeitverlängerung stellen möchte…
Unserer Meinung nach gehören alle Atomkraftwerke ab sofort ins Technikmuseum und nirgendwo anders hin.

Sind die Nahrungsmittel in den ehemals kontaminierten Gebieten heute strahlenfrei ?

Es gibt relativ schadstofffreie Nahrung, aber leider auch noch viel kontaminierte Nahrung. Die Menschen dort haben vielfach über lange Zeit kontaminierte Nahrung zu sich genommen. Diese „innere Strahlung“ spielt bei der Bewertung der Tschernobylfolgeerkrankung heute eine große Rolle, oft ist sie sehr viel gefährlicher als die äußere Strahlung, weil sie dichter am Gewebe ansetzt und die Zellen direkter schädigt. Bis heute gab es kaum internationale Maßnahmen, die sich dafür einsetzen, dass die dort lebende Bevölkerung sich mit gesunder Nahrung ernähren kann, und die Opfer eine kostenlose medizinische Versorgung bekommen können. Die meisten Menschen sind bettelarm und nach wie vor darauf angewiesen, kontaminiertes Obst zu essen und kontaminierte Pilze und Beeren im Wald zu sammeln. In diesem Zusammenhang ist es aus unserer Sicht nur zynisch, dass die IAEO den Betroffenen Opfermentalität vorwirft und ihnen auch noch selber die Schuld daran gibt, dass es ihnen so schlecht geht. Alkoholismus und Tabakkonsum, so eine kürzliche Verlautbarung, seien noch viel schlimmer als die Strahlen von Tschernobyl…

Das Interview führte Nicola Hellmann

Erstellt: 13-04-06
Letzte Änderung: 01-10-08