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US-Wahlen 2008

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20/10/08

Traum von Öffnung und Dialog: Junge Amerikaner

Interview


Sie sind zwischen 18 und 25 Jahre alt, studieren Mathematik, Literatur oder Maschinenbau, sind Obama- oder McCain-Anhänger, bekennende Homosexuelle oder Abtreibungsgegner und alle vertreten ihre Sache mit größtem Engagement. Wovon träumen junge Amerikaner - welcher politischen Couleur auch immer - kurz vor der Präsidentschaftswahl? Was wünschen sie sich für ihr Land, und für die Welt nach George W. Bush? Regisseur Julien Leconte hat dazu Studenten der Universität von Berkeley, Kalifornien, befragt. Seine Dokumentation "American Paradox" beweist die ungeheure Vitalität der US-amerikanischen Demokratie.

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ARTE: Amerikaner sein – was bedeutet das für junge Erwachsene in den USA heute ?
Julien Leconte: Für die Jugendlichen, die wir an der Uni von Berkeley getroffen haben, bedeutet « Amerikaner sein » - unabhängig von der politischen Überzeugung - vor allem die etwas mythische Vorstellung, als Individuum alles erreichen zu können. « Amerikaner sein » heißt für sie auch, innerhalb einer großen Gemeinschaft vielen Kulturen gleichzeitig anzugehören. Das erklärt auch die Tatsache, dass sich viele von ihnen in der Person Obamas und seinem multikulturellen Hintergrund wiederfinden. In Berkeley unterstützen 60 % aller Studenten seine Kandidatur.

Hat der legendäre amerikanische Patriotismus im Selbstbild junger Amerikaner noch seinen Platz ?
Ja, Patriotismus gibt es nach wie vor, aber es besteht auch viel Enttäuschung, gerade hinsichtlich des negativen Bildes der USA in der Welt, nach acht Jahren unter George W. Bush. Die junge Generation von heute ist geprägt durch den 11. September, den Afghanistan- und Irakkrieg, die Ereignisse rund um den Hurrikane Katrina. Aber trotz allem haben wir einen großen Optimismus erlebt, einen starken Willen, in die Zukunft zu schauen und die negative Bilanz der letzten Jahre als Herausforderung anzunehmen.


"American Paradox" wird auf ARTE am Dienstag, den 21. Oktober um 21 Uhr ausgestrahlt
Welches ist ihr größter Traum für die nächsten Jahre ?
Über die Figur Obamas hinaus träumen die 18 bis 25-jährigen von einer multikulturellen und weniger rassistischen Welt, von Öffnung und Dialog. Ich glaube, dass viele junge Amerikaner in den letzten acht Jahren ein Bewusstsein dafür entwickelt haben, dass wir auf einer internationalen Bühne leben, und die Partner von morgen neben den Europäern auch Chinesen oder Inder sein werden. Die Jugendlichen haben große Lust zu reisen und möchten dabei ohne Vorbehalte angenommen werden. Sie möchten erneut stolz auf ihr Land sein können - egal welcher politischen Partei sie angehören.

Die 18 bis 25-jährigen sind auch in Amerika traditionell die am wenigsten politsch aktive Gruppe, dies scheint sich also geändert zu haben ?
Ja, die Zahlen sprechen zumindest dafür. Ich hatte eher mit Resignation gerechnet und nicht mit einem solchen Engagement. Die Jugendlichen kennen die politischen Programme heute besser als man meint und ich glaube, dass dahinter nicht nur eine momentane Begeisterung für Obama steht. Die jungen Amerikaner von heute sind in einer Welt aufgewachsen, die sich vor ihren Augen radikal verändert hat. Sie wissen, dass bei den aktuellen Wahlen extrem viel auf dem Spiel steht, dass es jetzt an ihnen liegt, das Amerika von morgen in die Hand zu nehmen. Es besteht eine große Bereitschaft, in die Zukunft zu schauen, die Probleme anzugehen – und auch die wirkliche Überzeugung, als Individuum dazu beitragen zu können, dass sich etwas ändert.

Sie haben an der Elite-Universität Berkeley gefilmt – warum diese Wahl ?
Auch wenn Berkeley zu den besten Universitäten in den Vereinigten Staaten zählt, steht die als halb öffentliche Uni theoretisch allen Studenten offen. Mit 30000 Studenten hat sie uns ein vielfältiges Reservoir geboten, sowohl in politischer als auch in ethnischer, kultureller und sozialer Hinsicht. Berkeley war außerdem die Wiege einer großen Studentenbewegung, wir wollten wissen, für welche Werte die jungen Leute sich heute einsetzen.

Was bedeutet der Titel Ihrer Dokumentation, "American Paradox" ?
Die Vereinigten Staaten sind aufgrund ihrer ethnischen Vielfalt, ihrer unterschiedlichsten Facetten einfach schwer zu fassen. Man glaubt nach einigen Reisen, die Schlüssel in der Hand zu halten, um die USA zu begreifen, und letztendlich ist alles viel komplizierter und paradoxer als man glaubt. Die Realität hinter den großen amerikanischen Idealen ist eine ganz andere als man denkt, das Land befindet sich in ständiger Auseinandersetzung mit sich selbst : eine lebendige Demokratie von großer Vitalität, in der vielleicht wirklich alles möglich ist.

Das Interview führte Nicola Hellmann

Erstellt: 20-10-08
Letzte Änderung: 20-10-08