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Das ARTE Magazin - 21/08/08

Tracks: 10 Jahre jung

ARTE Musik


Tracks – Spezial
Geburtstag: 10 Jahre jung
Tracks Freaky Birthday
Donnerstag • 19. April • 22.20 Uhr
Tracks Hit: Die Zuschauer stellen ihr Programm zusammen
Donnerstag • 19. April • 23.10 Uhr
Tracks Night:
50 Jahre Musikgeschichte
Donnerstag • 19. April • 00.15 Uhr


Downloads für alle!
Das ARTE Magazin gratuliert dem Musikmagazin „Tracks“ zum 10. Geburtstag und wirft einen Blick in die Zukunft: Musikmanager Tim Renner erläutert, wie sich die Musikindustrie im Internetzeitalter dem veränderten Konsumverhalten anpassen muss.

Tim Renner ist sicher eine der schillerndsten Persönlichkeiten der deutschen Musikbranche. Für eine Undercover-Story stieg er als Musikmanager getarnt bei Polydor ein, wo dann seine steile Karriere begann.
Unter seiner Führung wurde die 1994 gegründete Motor Music Ltd. mit Gruppen wie Tocotronic, Element Of Crime oder Rammstein zum deutschen Vorzeigelabel, 1998 wurde Renner Vorstand von Universal Music Deutschland. 2004 trat er spektakulär ab und rechnete in dem Buch „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ mit der Musikbranche ab, der er eine zu geringe Wandlungsfähigkeit vorwirft. Mit Motor FM und Motor TV gründete er in Berlin zwei Sender, die als Zukunftslabor für die digital integrierte Vermarktung von Musik gelten. Sein Motor Label betreut vor allem deutschsprachige Musiker wie Klee, Peter Licht oder Polarkreis 18.

ARTE: Was hat sich in der Musikbranche im Vergleich zu früher verändert?
Tim Renner: Die Gewichte haben sich verschoben. Früher hatten die Plattenfirmen drei Kernkompetenzen: die Produktion, die Kommunikation und die Distribution. Seit der Digitalisierung hat sich das demokratisiert. Die Produktion kostet nicht mehr die Welt, auch ein Demoband kann heute dank Computertechnik klingen wie eine professionelle Produktion. Die Kommunikation ist jedem Künstler schon sehr frühzeitig möglich, sei es direkt über das Internet oder über Podcasts. Und die Verbreitung kann in kleinem Rahmen auch bei ihm liegen. Das heißt, der Künstler ist sehr viel stärker geworden, die traditionellen Platten-
firmen deutlich schwächer. Man muss sich fast schon fragen: Ab wann braucht ein Künstler eigentlich eine Plattenfirma? Erst dann, wenn er richtig erfolgreich ist.

ARTE: Führen das Internet und gesunkene Produktionskosten zu einer größeren musikalischen Vielfalt?
Tim Renner: Ja, es führt zu einer größeren Vielfalt – das Problem der Vielfalt ist nur, dass der Konsument dann wieder Orientierungspunkte braucht. Man braucht die Assoziation mit guten Marken, um die Musik einordnen zu können. Dadurch haben dann auch Labels wieder eine ganz wichtige Funktion.

ARTE: Welche Bedeutung hat die Haptik des Tonträgers heute noch? Hat die klassische CD noch eine Zukunft?
Tim Renner: Auf Dauer muss man sich fragen, ob die CD nicht generell ein überholtes Medium ist. All das, was bei ihrer Einführung als Wettbewerbsfaktor gegenüber der Vinyl-Platte angeführt wurde – sie ist kleiner, klingt auf kleinen Anlagen gut, ist nahezu unzerstörbar – all diese Argumente schlägt MP3. Und umgekehrt, bei allem, wo die CD besser ist als MP3, das haptische Erleben, die Optik der Verpackung, der Klang, da ist
wiederum die Vinyl-Platte besser. In Berlin haben wir plötzlich 32 Vinyl-Geschäfte.

ARTE: Bis zu zwei Drittel der auf MP3-Playern der Jugendlichen befindlichen Songs sind illegal aus dem Internet geladen. Wird dieser Generation je wieder der Geldwert von Musik bewusst werden?
Tim Renner: Das wird schwierig. Möglich ist es nur, wenn der bezahlte Erwerb von Musik spontan und so einfach wie möglich wird. Denn auch diese Generation wird älter und eines Tages keine Lust mehr haben, stundenlang herumzusurfen, um sich Songs runterzuladen. Stattdessen wird sie ihre Musik auf möglichst einfache Weise beziehen wollen.

ARTE: In England sind die Downloadcharts nicht mehr von den traditionellen Verkaufscharts getrennt. Sollten auch in Deutschland aus dem Internet heruntergeladene Songs für die Chartswertung zählen?
Tim Renner: Ich würde auch für Deutschland dringend empfehlen, mit den Erhebungsmethoden in der Realität des 21. Jahrhunderts anzukommen. Das bedeutet, dass die Charts wirklich den Markt abbilden. Der Musikkonsum im Internet ist, wenn auch zum Teil illegal, sehr wichtig. Downloads gar nicht oder nur mit Verzögerung in die Charts einfließen zu lassen, ist marktfremd und diskriminierend, fast so, als hätte man bei Olympischen Spielen die Ergebnisse farbiger Läufer nicht berücksichtigt, weil diese immer besser und dominanter wurden.

ARTE: Wie wird der Vertrieb von Musik in der Zukunft konkret aussehen?
Tim Renner: Ich glaube, in fünf Jahren wird die Musikindustrie die Chimäre Kopierschutz aufgeben und somit wird in Sachen legaler Internet-Distribution von Musik ein zweiter Boom eintreten. Die Industrie ist dann so weit, dass sie alle Systeme, in denen der Konsument selbst Händler wird, unterstützt, statt Einstiegshürden zu bauen, wie das bisher der Fall ist. In zehn Jahren wird Musik spontan beim Fernsehen oder Radiohören durch einen Klick auf die Fernbedienung oder das Handy gekauft. Sowohl Fernsehen als auch Radio werden dann digital und damit rückkanalfähig sein, d.h. dass der Konsument auch mit dem Programm- anbieter in Kontakt treten kann.

ARTE: Wie wird Fernsehen in Zukunft Musik präsentieren? Welche Rolle spielen Musikvideos heute noch?
Tim Renner: Im Moment sind Musikvideos im TV vergleichsweise unterrepräsentiert. Musik im Fernsehen sieht zunehmend so aus wie in den 1950er Jahren. Sie dient als Unterbrecher in einem Programmfluss – quasi zum Durchatmen. Internet und digitales Fernsehen bieten nun die Chance eines Revivals des Clip-Fernsehens. Ich glaube, dass wir durch die Digitalisierung und die damit gesunkenen Produktionskosten durchaus ein Revival des Musikvideos erleben können, aber nicht in der Form der Hollywood-Choreografie mit Special Effects à la „Thriller“, sondern eher in Form kleinerer künstlerischer Improvisationen.

Das Gespräch führte Michael Hopp für das ARTE Magazin


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Arte PLUS

Tracks im Internet
Zum Geburstag wird es bei „Tracks“ interaktiv: Wählen Sie unter www.arte.tv/tracks den Beitrag aus, den sie noch einmal sehen wollen. Zeigen Sie in ihrem eigenen Video, was Sie über Tracks denken. Und ab jetzt neu: Laden Sie sich den „Tracks“-Podcast runter!

„Tracks” hat auch bei Musikern Kultstatus. Das ARTE Magazin hat zum Geburtstag ein paar Stimmen eingefangen

Mark Tavassol (Wir sind Helden): Tracks wird zehn! Und genau diesen Grund nehmen wir zum Anlass, herzlich zu gratulieren. In einer Zeit, in der die Musikindustrie taumelt, haben es auch oder gerade „kleine“ Künstler nicht leicht. Immer weniger wird von den Firmen gewagt. Gerade Sendungen wie „Tracks" kämpfen dagegen an: „Tracks“ bestärkt nicht nur die Künstler, sondern auch die letzten mutigen Mitarbeiter in den Plattenfirmen und erleichtert so vielen Künstlern ihr Weitermachen.

Stereo Total: Ihr seid unser Liebliiiingstrack. Hoffentlich existiert ihr noch, wenn sich niemand mehr erinnert, was das Wort „Tracks“ bedeutet.

Bela B.: Herzlichen Glückwunsch zu 10 Jahren „Tracks“. Jede Musiksendung jenseits von MTV und VIVA ist wichtig als Forum für Musik, besonders für Musik außerhalb des Mainstreams und der großen Plattenfirmen. Jedes Mal, wenn ich „Tracks“ schaue, bekomme ich mehr Informationen und Einblicke in Themen als bei anderen Musiksendungen.

Thurston Moore (Sonic Youth):
Das wird eine Geburtstagsparty wie „La Boum“, das haben wir in Americato nicht!

Karl Bartos (Ex-Kraftwerk): Gratulation zu den 10 vergangenen Jahren und alles Gute für die kommenden 90! „Tracks“ ist ein Refugium der ernsthaften Beschäftigung mit Musik! Ich schaue mit Begeisterung die exzellenten Berichte.
Die redaktionelle Auswahl ist von einer Qualität, die im Musikjournalismus heute selten geworden ist – es wird jenseits des Mainstreams ein Einblick in die musikalische Entwicklung verschiedener Länder gegeben. Herzlichen Glückwunsch!

Joy Denalane: „Tracks“! Die beste Musiksendung, die wir hier in Deutschland zu sehen und hören bekommen. Danke für Vielfalt, Info, Tiefe und Inspiration. So soll es bleiben.

Erstellt: 21-08-08
Letzte Änderung: 21-08-08