Tracks - Happy Takeshi, Dirty Kitano – Unbeständig sein ist alles
Eine Reportage von Yves Montmayeur
Achilles und die Schildkröte, der letzte Teil seiner autobiographischen Trilogie, ist seit kurzem im Handel erhältlich. Das Pariser Centre Pompidou widmet ihm nun auch noch eine Retrospektive und bis einschließlich September können Sie in der Fondation Cartier weitere Werke von ihm sehen.
Denn wenn er mal nicht vor der Kamera steht, mimt Kitano den zeitgenössischen Künstler, wie man in der Ausstellung „Malerssohn“ („Gosse de peintre“) bis 12. September sehen kann. Hier stellt der Regisseur nämlich seine barocken und ironischen Werke aus.
„Ich mache ein bisschen von allem, Fernsehen, Theater oder Kino. Vielleicht mache ich es deswegen, weil ich das Gefühl habe, dass nichts davon funktionieren wird. Ich bin nie glücklich. Deswegen fange ich permanent etwas Neues an. Aber ich finde immer, es ist schlecht.“
Kitano wollte nicht immer Künstler werden, sondern Nachfolger des Marinebiologen Cousteau. Der Einfluss seines Vaters Kikujiro, der sich als Hobbymaler für die Yakuzas ab und zu ein bisschen was dazuverdiente, könnte da mitgespielt haben… Aber wie dem auch sein, Kitano hat sehr schnell die Uni verlassen und zwischenzeitlich sogar in einem Stripschuppen gearbeitet.
Mit seinem Freund Kaneko Jiro hat Kitano dann ab 1974 das Duo "Two Beats" gegründet und mit grotesker Komik und provokant-rasantem Humor sofort Einzug ins japanische Fernsehen gehalten. Dies war der Beginn einer steilen Karriere, die gleichzeitig einen dunklen und genialen Filmregisseur aber auch einen schmierigen Fernsehmoderator aus ihm gemacht hat.
Denn obwohl es viele nicht wissen: Kitano ist so eine Art japanischer Thomas Gottschalk. In seinen Sendungen, einer Mischung aus „Wetten, dass…?“ und Monty Python’s Flying Circus, hat er jede Woche fünfzehn Millionen Japaner zum Lachen gebracht.
„Die Japaner mögen es nicht, wenn man über sie lacht. Doch in meiner Sendung pfeifen wird auf die Konventionen. Die Teilnehmer kommen, damit man sie verarscht – und sie freuen sich richtig darüber. Sie wollen uns um jeden Preis zum Lachen bringen. Indem sie zum Beispiel auf die Fresse fliegen. Wir haben die Würde des Menschen mal anders interpretiert und belohnen jene, die sich lächerlich machen.“
1983 hat er sich mit 36 Jahren erstmals als Schauspieler versucht – und zwar in Nagisa Oshimas Furyo, in dem er unter anderem an der Seite von… David Bowie steht. Ein guter Start! Aber das kann noch viel besser klingen : sechs Jahre später führt er beim ausgezeichneten Violent Cop Regie, 1997 erhält er für seine Mafia-Liebesgeschichte Hana-Bi den Golden Löwen in Venedig und steht kurz darauf ist der in den offiziellen Auswahl von Cannes für Ein Sommer.
Seine Filme sind extrem brutal, poetisch, absurd und blutig, aber vor allem unkonventionell. Nichtsdestotrotz ist er einer der beliebtesten Regisseure Japans. Doch der Mann, der sich schneller ändert als sein Schatten, wollte noch weiter gehen: Seit 1994 malt Kitano nun, vielleicht als besondere Hommage an seinen Vater.
Und da es unmöglich für ihn ist sich auf die Dauer ernst zu nehmen, tut er es den Kandidaten seiner Sendung gleich und lacht in der Ausstellung in der Fondation Cartier über sich selbst… und veralbert dabei das gesamte Establishment seiner Kunstkollegen.
Tracks
Dienstag 13. April 2010 um 05.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Frankreich, 2010, 52mn)
ARTE F