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22/02/11

Tracks - Afrikaan Rap - Rap in der Muttersprache!

Eine Reportage von Aldo Lee

Die südafrikanischen Rapper singen wieder in ihrer Muttersprache!

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Jaak ist kein Rapper wie jeder andere: er schreibt seine Texte zu 100% auf Afrikaans, der Sprache, die vom Apartheid-Regime instrumentalisiert wird und lange als Sprache der weißen Unterdrücker gilt.

Jaak : Afrikaans resultiert aus dem Versuch der Europäer, uns ihre Sprache beizubringen.
Holländisch, Deutsch, Französisch, Portugiesisch…
Jetzt drehen wir den Spieß um. Die ehemalige Regierung benutzte die Sprache des Volkes, um uns auseinanderzureißen, indem sie sie uns aufzwangen.
Aber du solltest die Wahl haben, Afrikaans zu sprechen. Wenn du es möchtest, okay, cool, aber es darf kein Zwang sein.

In “Apartheid“, dem bekanntesten Wort der Afrikaans-Sprache, steckt die Bedeutung “getrennt“. Apartheid steht für zahlreiche Rassentrennungs-Gesetze, die Hendrik Verwoerd verfasste, und die Südafrika von 1948 bis 91 zerreißen.

Apartheidsgesetze machen aus Zusammenleben Getrenntleben. Schwarz und weiß benutzen weder dieselben Bänke und Toiletten, noch dieselben Strände, Busse oder Aufzüge.

Hendrik Verwoerd, Anhänger der nationalsozialistischen Rassenlehre, hat an alles gedacht. Als südafrikanischer Premierminister führt er von 1958 bis 66 auch getrennte Bildungssysteme ein. Afrikaans wird einzige Unterrichtssprache.

Die Umsetzung dieses Gesetzes führt am 16. Juni 1976 in Soweto zu einer Massen-Demonstration schwarzer Schüler. Die Polizei schießt auf die Kinder und löst so mehrtägige Unruhen aus, die über fünfhundert Todesopfer fordern.

Jaaks Debütalbum Fletse Maniere, also “Fletse-Lebensart“, erzählt von seiner Kindheit im sogenannten Mestizen-Viertel von Paarl, unter dem Joch der Apartheid.

Zwanzig Jahre nach Aufhebung der Rassentrennungsgesetze ist hier zwar kaum noch Polizei unterwegs, aber es wohnen wie gehabt ausschließlich Schwarze hier, die noch genauso arm sind wie früher. Jaaks erstes Album erscheint auf dem Indielabel Pionnier Unit. Hier landen alle südafrikanischen Sänger, die in ihrer Muttersprache performen und von Afrikaans bis Xhosa ist alles dabei.



Dass Jaak heute in seiner Muttersprache rappen kann, verdankt er Pionieren wie Jabulani Tsambo alias Hip Hop Pantsula. Bereits 1997, auf seinem Debütalbum, hört man ihn auf Zulu und Sotho.

Hip Hop Pantsula : Als ich in Südafrika aufgewachsen bin, war das Bildungssystem geteilt in öffentliche Bantu-Schulen und englische Privatschulen. HipHop war nur was für Weiße, weil auf Englisch gerappt wurde. Bis jemand sagte: Versucht es mal in eurer Muttersprache, das würde diese Musik um all das, was den farbenfrohen südafrikanischen Sound ausmacht, bereichern.

Hip Hop Pantsula nennt seinen vom Englischen emanzipierten Rap Motswako, was auf Setswana “Mischung“ bedeutet. Jabulani Tsambo ist im Bantustan Bophuthatswana geboren.
Bantustans sind Gebiete der Schwarzafrikaner, denen die Apartheid-Regierung eine gewisse Autonomie zugesteht, im Gegenzug aber die Staatsbürgerschaft aberkennt.
Die einzigen Einkünfte der meist arbeitslosen Bevölkerung stammen aus Spielkasinos und dem Geschäft mit Sex. Beides illegal in Südafrika. Aus dem Nichts sprießen so mitten in der Pampa ganze Vergnügungsstädte wie Sun City, vor deren Pforten Hip Hop Pantsula aufwächst.

Hier steht das größte Hotel des afrikanischen Kontinents mitsamt künstlich angelegtem Strand, internationalem Golfplatz und einem Klein-Afrika aus Pappmaché.
Hier haben schon Michael Jackson und Mariah Carey logiert, doch heute gilt die ganze Aufmerksamkeit Hip Hop Pantsula.



Hip Hop Pantsula : Ich hatte nicht kapiert, was Englisch ist. Irgendwann sehen mein Vater und ich die American Music Awards, als Will Smith auf die Bühne geht und rappt. Ich frage meinen Vater „Was ist das denn?“. Da war ich elf oder zwölf. Es war wie Singen, aber eben doch nicht. Oder wie Sprechen, aber auch wieder nicht. Und mein Vater meint: „Das ist der neueste Spleen der Yankees. Sie nennen es Rap. Du machst alle drei Zeilen „Yo, yo“, und das ist Rappen“.

Direkt nach dieser Fernsehsendung beginnt auch Hip Hop Pantsula mit dem Rappen. Er versucht sich auf Englisch, doch der Erfolg kommt erst, als er auf Setswana umsteigt, die Sprache des Nachbarlandes Botswana. Bald ist der Lokalmatador auch in Reality-Shows und Fernsehfilmen zu sehen. Als er vor zwei Jahren seine eigenen Sendung aufzieht - eine Castingshow für Tänzer, Bühnenbildner und Look-A-Likes, die in seinen Clips mitspielen wollen – kommt auch der internationale Durchbruch.

In Zeiten der Apartheid gibt es zwei Amtssprachen in Südafrika: Englisch und Afrikaans. Inzwischen sind es elf anerkannte Sprachen, und jede hat ihren eigenen HipHopper.
Manche erfinden sogar ihren eigenen Jargon, wie Jitsvinger, der in einem Mix aus Kapstadt-Slang und Fantasie-Wörtern rappt. Sein Ziel: Das Afrikaans zurückerobern.

In Kapstadt gibt es eine der größten sogenannten Mestizen-Gemeinden Südafrikas. Die meisten leben noch immer in den Vierteln, die unter der Apartheid entstanden sind, wie dem District 6 oder Kraaifontein, wo auch Quintin Goliat, alias Jitsvinger geboren ist. Er ist der neue Stern am Raphimmel, und außerdem … Lyrik-Professor.



Afrikaans – also die Sprache der Weißen? Ganz so einfach ist es nicht. Aus dem Dialekt der holländischen Siedler, die 1652 in Afrika von Bord gehen, wird eine Misch-Sprache, mit der die Sklaven instruiert werden. Ein vereinfachtes Holländisch mit Wörtern, ganzen Sätzen, Dialekten und Akzenten aus dem Xhosa oder Zulu… Also alles andere als eine “Reine Sprache“, wie rassistische Gruppierungen sie gerne darstellen. Genau dieser Ethnomix ist es, der schwarze oder sogenannte coloured Rapper veranlasst, Afrikaans als Teil ihrer Geschichte einzufordern.

Jitsvinger : Ich möchte nur eins klarstellen: Sobald die Sprache europäisiert war, wurden Ureinwohner als falsche Afrikaanssprecher betrachtet, weil die Nationalisten angaben, ihres sei das echte, das „wahre“ Afrikaans. Und sprachen so ganz bewusst den afrikaans-sprechenden Völkern den Anspruch auf richtiges Afrikaans ab. Und ich drehe jetzt die Geschichte hunderte von Jahren zurück und sage „Sorry, aber das stimmt so nicht“.

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Dienstag 18. Mai 2010 um 05.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Frankreich, 2010, 52mn)
ARTE F

Erstellt: 06-05-10
Letzte Änderung: 22-02-11