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Cannes 2008

Internationale Filmfestspiele Cannes 2008 - Un Certain Regard - 21/08/08

Tokyo!

Ein Film von Michel Gondry, Leos Carax, Joon Ho Bong


TOKYO!, ein bemerkenswerter Episodenfilm, birgt einen Goldklumpen, dessen Titel so amüsant wie falsch ist: „Merde“, eine kleine Bombe voller Dada-Punk-Poesie, mit der Leos Carax sich zurückmeldet.

Synopsis: Der Film besteht aus drei Kapiteln, Interior Design, Merde und Shaking Tokyo, ein jedes frei inspiriert von Tokio und im Herzen der Stadt gedreht.
TOKYO! ist eine Symphonie in drei Sätzen, geprägt von dissonanten Akkorden, ganz wie die Stadt selber.

Im Gespräch mit Michael Gondry und Joon Ho Bong

Der Trailer zum Film
(Windows Media Video)


Kritik: Das ist nun also die große Rückkehr des Episodenfilms, einem Mischgenre, dessen Blütezeit die 60er-Jahre waren. Das in der Theorie begeisternde Konzept hat sich auf der Leinwand immer wieder als voller Reinfall erwiesen. Ein typisches Beispiel unter vielen anderen ist der Film „Histoires Extraordinaires“, der eine perfekte Gleichung für das Genre aufstellt: ein großes „Toby Damitt“-Meisterwerk von Fellini mit einem Louis Malle, der nicht immer gleich gut ist, aber Kult und eine misslungene Anthologie von Vadim. Vor zwei Jahren stand „Paris je t’aime“ am Anfang dieses katastrophalen Trends und TOKYO! schien mit einem ziemlich ähnlichen Konzept nicht gerade die besten Voraussetzungen zu haben. Doch weit gefehlt, der Film ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt, und bildet ein wunderschönes Ganzes, stimmig und gleichzeitig erstaunlich gut.

Alle drei Episoden spiegeln die Originalität ihrer Autoren wieder: Gondry und Joon Ho Bong machen ihre Sache gut, sogar mit einem gewissen Scharfsinn! "Shaking Tokyo" von Bong Joon-ho verbindet eine Liebe auf den ersten Blick und ein Erdbeben, die das zwangsgesteuerte Leben eines Hikikomori (Bezeichnung für jemanden, der freiwillig Cocooning betreibt und vollkommen zurückgezogen in seiner Wohnung lebt) erschüttern. Der Regisseur von „The Host“ erzählt seine Fabel zu verspielter Gitarrenmusik und mit anrührender Bescheidenheit, etwas Poesie und dem nötigen Maß an Auseinandersetzung mit der verhängnisvollen Entwicklung von Neurosen in einem städtischen Umfeld, das diese noch zu verschlimmern scheint. „Interior Design“ von Michel Gondry erzählt die langsame Verwandlung eines verträumten und etwas weltfremden Mädchens im Kontakt mit „der großen Stadt“. Der gondrinische Trödelkram passt wunderbar ins japanische Fantasygenre mit seinen flachen Gespenstern, einem Stuhl-Mädchen und Amphibien-Menschen.

Das Enfant terrible Leos Carax, das sich freiwillig vom Kino zurückgezogen hat, ein Einsiedler der schwarzen Legende, dessen Rückkehr mit Ungeduld erwartet wurde, wartet in dieser Glanzleistung mit einer doppelten Überraschung auf: eine absurde, schwarze und beißende Komödie gepaart mit einer ordnungsgemäßen Sprengung der politischen Korrektheit, die unser Zeitalter bis hin zum Gehirntod lähmt. Perfekt ausgewählt für den Jahrestag des Mai 68! Es ist lange her, dass jemand auf so schamlose und urkomische Weise die Regeln des Anstands verspottet hat, der letzte war vielleicht Luis Bunuel und sein „Gespenst der Freiheit“... Hier zeigt sich Carax wirklich Godard überlegen, denn ihm gelingt es, zum Lachen zu bringen. Dieses bösartige Märchen à la Alfred Jarry ist durch und durch vom nihilistischen Punk-Geist geprägt: Ein Dada-Film, in dem ein zum Tode Verurteilter „Blumen und Geld isst“. Man könnte sich vorstellen, dass Tokyo das anarchistische Tier in Carax geweckt hat: Angesichts des Klischees des vernünftigen, ehrgeizigen Japaners, der sich an die Regeln des Anstands hält und fast manisch auf Hygiene bedacht ist, dürften sich ihm die Haare mehr als nur gesträubt haben. Der Film heißt übrigens „Merde“ was den Ulk ins Endlose treibt, bis hin zum Abspann mit Aufzählungen wie „Costumes de Merde, Son de Merde… und bald auch „Merde in den USA…“ Carax mokiert sich zudem über die exzesshaft betriebene Mediatisierung, über Fernsehnachrichten, Nicolas Sarkozys Sicherheitspolitik, und als Bonus gibt’s noch ein paar dreiste Verweise auf die mit einem Handy gefilmte Hinrichtung Saddam Husseins. Sein Held namens Merde (ein toller Denis Lavant), eine Art grüner einäugiger Kobold, so naiv wie ein frisch geborener Teufel, verkörpert perfekt die Lebensweisheit von W. C. Fields: „Ein Mensch, der Hunde und Kinder hasst, kann nicht ganz schlecht sein“. In der Mitte des Films wird Merde von seinem Ältesten angefahren, Maître Voland, gespielt von einem hervorragenden Jean-François Balmer, und zwar in einer Fantasiesprache ohne Untertitel, in der man sich anknurrt, mit dem Fingernagel an die Zähne klopft und sich gegenseitig ohrfeigt: ein unvergessliches Schauspiel, das 10 Minuten andauert und umso unglaublicher ist, als man alles perfekt versteht.
Zusammenfassend kann man sagen, dass es in „Merde“ von genialen Ideen nur so wimmelt, gleich mehreren pro Minute; mathematisch gesehen bedeutet das also, dass Carax in dreißig Minuten mehrere Regisseure von Wettbewerbsfilmen auf einmal toppt. Was zu beweisen war.
Genialität ist wirklich eine große göttliche Ungerechtigkeit.

Delphine Valloire
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Tokyo!
Ein Film von Michel Gondry, Leos Carax, Joon Ho Bong
(Frankreich, Japan, Südkorea, Deutschland, 2008, 110 min.)
Mit Yu Aoi, Teruyuki Kagawa, Jean-François Balmer, Denis Lavant, Ayako Fujitani…
Un Certain Regard


Erstellt: Fri May 16 09:01:46 CEST 2008
Letzte Änderung: Thu Aug 21 10:59:11 CEST 2008