Berlinale 2005 - Wettbewerb - 15/02/05
Tickets
Ein Film von Ermanno Olmi, Abbas Kiarostami & Ken Loach
Tickets ist mehr als eine Neuauflage des italienischen Episodenfilms. Tickets ist ein großer, politischer Film von heute.
Die Filme - Berlinale 2005
Synopsis: Tickets erzählt in drei Episoden von den Begebenheiten einer Zugreise, die von Osteuropa nach Rom führt. Die erste Episode handelt von einem melancholischen, schon etwas älteren Geschäftsmann, der sich zu seiner Assistentin hingezogen fühlt und in Gedanken an sie Rückschau auf das eigene Leben hält. In der zweiten Episode wird ein junger Mann an die Verpflichtungen, die er im Leben gegenüber einer älteren Dame hat, erinnert. Die dritte Episode erzählt von drei schottischen Jugendlichen und ihren Schwierigkeiten auf der Fahrt zu dem Fußballspiel ihrer Träume.
Kritik: Drei Regisseure mit zum Teil sehr unterschiedlichen Stilen und Motivationen, drei Drehbuchautoren, drei Kamera- und drei Beleuchterteams haben an diesem Film mitgewirkt. Heraus gekommen sind drei in sich geschlossene Episoden, deren Gemeinsamkeit sich darauf reduziert, zu zeigen, wie eine einzige Zugreise das Leben vieler Menschen verändern kann. Insofern ist Tickets ein politischer Film. In der Episode um den älteren Geschäftsmann sehen wir schöne, poetische, mit Umsicht und Sorgfalt komponierte Bilder, wie sie für Ermanno Olmi typisch sind. Der schnörkellose klare Stil von Abbas Kiarostami spiegelt sich im Minimalismus und der Geradlinigkeit der zweiten Episode wider, während im spöttischen Ton der dritten, etwas abgehobenen Episode unschwer die Handschrift von Ken Loach zu erkennen ist, dessen Stil sich darüber hinaus durch eine große Nähe zu den Protagonisten auszeichnet.
Doch die innere Einkehr des Geschäftsmannes wird durch andere Reisenden gestört, denen es in Ermangelung eines komfortablen Sitzplatzes nicht vergönnt ist, sich romantischen Betrachtungen hin zu geben. Das angespannte Verhältnis des jungen Mannes zu der älteren Dame in der zweiten Episode ist Ausdruck eines Machtspiels (nebenbei zeichnet Kiarostami hier zwei verblüffende, rätselhafte Charaktere, die den Zuschauer noch lange nach dem Verlassen des Kinosaals verfolgen). Hier geht es ganz eindeutig um das Verhältnis zur Ordnung, zur Autorität und um die Differenzierung zwischen den sozialen Klassen. Letztere zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Film. Man könnte meinen, dieser Zug sei auf dem Weg quer durch Europa unterwegs, um die nach wie vor herrschende, offenkundige soziale Ungleichheit anzuprangern. Noch deutlicher kommt dies (Dank dem klaren Stil von Ken Loach) in der letzten Episode zum Ausdruck. Drei vergnügungssüchtige, egoistische junge Fußballfans, wild entschlossen, sich keinen Spaß entgehen zu lassen, treffen hier auf eine mittellose albanische Familie, für die Geld (einschließlich das des Nachbarn) ausschließlich dem Überleben und nicht dem Erleben oder Reisen dient.
Jede Episode dieses Films führt uns mitten hinein in die Realität des heutigen Europa. Jede zeigt dabei auf ihre Weise die Kraft (und den Wert) der filmischen Darstellung in Inhalt und Form. Um dies zu erreichen, mussten sich die Filmemacher mit strenger Logik auf das Thema einlassen. Dafür verdienen Ermanno Olmi, Abbas Kiarostami und Ken Loach Achtung und Anerkennung.
Julien Welter
Tickets
Regie: Ermanno Olmi, Abbas Kiarostami, Ken Loach
(Italien 2005, 1 Stunde 55 Minuten)
Darsteller: Carlo Delle Piane, Valeria Bruni-Tedeschi Silvana de Santis Martin Compston…
Erstellt: 15-02-05
Letzte Änderung: 15-02-05