Wer bin ich?Coming-of-Age- mal anders
Synopsis: Justin ist 17 und lutscht noch immer Daumen. Weil seine gesamte Umwelt auf ihn einredet, dass dies „orale Obsessionen“ seien, versucht er verzweifelt seine liebste Angewohnheit loszuwerden. Als sein Kieferorthopäde und Hobbypsychologe Dr. Lyman (Keanu Reeves) mittels Hypnose zu helfen versucht, da fangen Justins Probleme erst an.
Kritik: In der Anfangssequenz sitzt Justins Mutter (Tilda Swinton)grübelnd über einem Blatt Papier, auf dem eine einzige Frage steht: Was macht mich einzigartig? Eine Antwort fällt ihr schwer, und auch Sohn Justin ist ihr dabei keine grosse Hilfe. Auch er ist auf der Suche nach Antworten über seine eigene Existenz. Weil er so spät noch Daumen lutscht wird ihm unterstellt, er sei nicht ganz normal. Er versucht sich zu ändern, doch auch dadurch wird die Welt um ihn nicht freundlicher.
Regisseur Mike Mills zeigt auf meisterhafte Weise, wie jeder der Charaktere in THUMBSUCKER in seiner eigenen Welt lebt, in der es sehr schwierig ist mit anderen zu kommunizieren. Darum ist auch keiner dem anderen eine Hilfe, denn niemand weiss um die wahren Bedürfnisse der Mitmenschen.
Ohne dass er es ahnt, wir Justin von dem Mädchen, das er liebt, benutzt. Als er sie bittet, endlich einmal ohne Augenbinde mit ihr Sex zu haben, ist ihre Antwort wie ein Schlag ins Gesicht. Sie eröffnet ihm, dass sie nur mit ihm „übe“, aber gar nicht mit ihm „zusammen sei“. Die Affäre seiner Mutter mit einem bekannten Schauspieler – in einer Entziehungskur – hat er sich dagegen nur eingebildet, denn ihr vermeintlicher Liebhaber ist schwul – wie er selbst feststellen darf.
Die Besetzung, u.a. mit Tilda Swinton als Mutter auf dem Weg zur eigenen Neuorientierung, Vince Vaughn als Lehrer Justins und Keanu Reeves als Hippi-Kiefer-Orthopäde ist hervorragend gelungen. Irgendwie lässt seine Rolle als esoterisch angehauchter Arzt mit „Krafttier“ an Tom Cruise als Sextherapeut in MAGNOLIA denken. Lou Taylor Pucci gewann grade erst den Newcomer Preis auf dem Filmfestival in Sundance.
„Nichts ist wie es scheint“. Wittgensteins kluger Satz ist die Essenz des Films. Eine einzige, gemeinsame Wahrheit gibt es nicht, denn jeder der Charaktere hat seine eigene. Regisseur Mike Mills spielt leichtfüssig und unterhaltsam mit dieser Erkenntnis, so dass es für den Zuschauer eine wahre Freude ist. Auch wenn dies sein Debütfilm ist, so überrascht sein Talent nicht wirklich. Die letzten Jahrzehnte hat sich Mills ausgiebig mit Schein und Sein beschäftigt. In zahlreichen Werbespots und Videoclips - u.a. für Moby und die französische Band Air – kreiierte das Multitalent eigene Welten. Auch als Grafikdesigner zeichnete verantwortlich für gelungene Cover von Sonic Youth, Beastie Boys, Pizzicato 5 und Beck – um nur einige zu nennen. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis Mike Mills wie so viele andere Werberfilmer die grosse Leinwand für sich entdeckte. Aber angenehmerweise hat er etwas zu erzählen - in einer Art, die absolut sehenswert ist.
Nana Rebhan
Ein moderner unkontroverser amerikanischer Kleinstadtfilm – ein idealer Beitrag zum Auftakt des WettbewerbsSynopsis: Justin Cobb ist 17 und lutscht immer noch am Daumen. Doch hinter dem Daumenlutschen steckt natürlich mehr. Justin ist schüchtern und unsicher. Und verliebt in seine Klassenkameradin Rebecca. Justin traut sich nicht, Rebecca seine Gefühle zu gestehen, die im Übrigen nicht erwidert werden. Rebecca mag ihn, mehr aber nicht. Justin weiß nicht so recht, was er mit sich und seiner Zeit anfangen soll. Also hängt er rum, in seiner langweiligen kleinen amerikanischen Heimatstadt, wo nie was los ist. Justin fühlt sich als Außenseiter und leidet. Deshalb geht er zum Psychiater. Der verschreibt ihm Pillen und aus Justin wird ein „Winner“. So ein Typ, den man in Amerika liebt: schlagfertig, cool und entschlossen. Doch dann kommt das Missverständnis mit dem Freibrief......
Kritik: Der Amerikaner Mike Mills hat einen Namen als Regisseur von Video-Clips, unter anderem für die Beastie Boys, als Plattencoverdesigner für Air und Sonic Youth. Sofia Coppola zählt zu seinen Freunden und zur US-Szene gehört er dazu. Mike Mills hat jetzt auch einen Spielfilm gedreht. Sein Langfilmdebüt zeigt deutlich sein Bemühen, die Klippen zu umschiffen, an denen schon so mancher Videokünstler beim Wechsel vom Kurz- zum Langformat gescheitert ist. Die Methode, die er dabei anwendet, erinnert an Michel Gondry, der mit „Human Nature“ (2001) ebenfalls vom Clip zum Spielfilm umgestiegen ist. Gondry wählte für sein Langfilmdebüt die klassische, geradlinige Erzählform ohne große Ambitionen, und gab ihr den Vorzug vor einer sich im Traumhaften bewegenden doch etwas wackeligen Patchwork-Konstruktion.
„Thumbsucker“ ist amerikanisches Independant Kino. Es hat auch nicht den Anschein, als habe Mills es anders gewollt. Alle Elemente sind vorhanden: die gähnende Langeweile amerikanischer Kleinstädte, die Atmosphäre auf dem Campus und vor allem schräge Typen. Und natürlich auch die Nebenrollen, in denen die großen Stars in sorgsam dosierten Auftritten ihre Wandlungsfähigkeit beweisen können. Keanu Reeves gibt den posthippiesken Kieferorthopäden, der sich zur Zen-Psychologie berufen fühlt, Vince Vaughn den verschrobenen Lehrer mit den altmodischen Ansichten. „Thumbsucker“ hat nicht die Intensität von „Mysterious Skin“, ist nicht so abgefahren wie „Donnie Darko“ und nicht so stimmungsvoll wie „Virgin Suicides“. „Thumbsucker“ verbreitet eine harmonistische watteweiche Stimmung. Und dennoch gelingt es Mills mit einigen Kurven und Schleifen, dem Film eine – selbstredend non-konformistische - Message anzuheften, ohne sie je aufzudrängen.
Lou Pucci als schmächtiger, weicher, mädchenhafter Teenager überzeugt in jeder der sorgsam komponierten Einstellungen des Films. Mills souveränes Bildgefühl macht einen verlassenen Baseballplatz oder ein typisch amerikanisches Vorstadthaus zu einem wahren Stilleben. Das Vermischen von handfesten Problemen (Teenagerstress, Elternfrust, Drogen...) mit vermeintlichem Lakonismus hebt „Thumbsucker“ aus der scheinbaren Anekdotenhaftigkeit heraus.
Julien Welter






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