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Kunstbuch des Monats - 09/04/04

Thomas Ruff: Nudes

Ein listiges Unterfangen: Die erotische Photographie von Thomas Ruff


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Der Altmeister der erotischen Photographie, Helmut Newton, hat einmal gesagt, dass ein gutes erotisches Bild zuallererst "scharf" zu sein habe. Bei dem Düsseldorfer Photokünstler Thomas Ruff ist aber gerade die Unschärfe ein Kennzeichen in seinem ersten erotischen Bildband. Ulrich Krempel, Direktor des Sprengel-Museums in Hannover, stellt Ihnen "Nudes" vor:

Thomas Ruff, Fotograf und konzeptueller Künstler, hat nach seinen großformatigen fotografischen Suiten wie den Porträts seiner Künstlerfreunde vom Beginn der 1980er Jahre, den Sternenhimmeln, großformatigen technischen Fotografien von nächtlichen Himmeln im Großformat, sich in den letzten Jahren einem kalkuliert gewählten Thema zugewandt, das in seiner ausführlichsten Formulierung schließlich in diesem Künstlerbuch vorliegt. 149 Abbildungen zeigen Nudes, Akte, nackte Paare, die der Künstler dem Internet entnommen hat, elektronisch bearbeitet, verwischt und weichgezeichnet. Ruff legt mit dieser Folge einen kritischen Blick auf die Warenwelt der pornografischen Bilder vor, wie sie uns heute in den elektronischen wie Printmedien in breitester Fülle umgibt. Auf fast melancholische Art wird diese veränderte Bilderwelt von einem Text von Michel Houellebecq begleitet, der die Veränderungen der Szene in einem französischen Swinger-Club und das schließliche Entschwinden dieser Tauschbörse für sexuell aktive Paare beschreibt.

Thomas Ruff spielt, und das tut auch sein Buch, durchaus bewusst mit dem, was die Erwartung des Publikums bei einem Buchtitel wie "Nudes" oder "Akte" ist. Die Eindeutigkeit der Erwartungen, die Sicherheit, beim Blättern in einem solchen Buch oder beim Besuch einer gleichnamigen Ausstellung erotisch stimulierende Szenen, sorgfältig komponierte animierende Ansprache und pornografische Inspirationen vorgeführt zu bekommen, ist deutlich. Ruff enttäuscht diese; er zitiert nicht, vielmehr verwendet er die Bildvorlagen als Ausgangspunkt eines eigenen künstlerischen Angangs; er löst die Schärfe der Bilder auf, verwischt sie, koloriert sie digital, vergrößert sie, nimmt sie heraus aus der Flüchtigkeit ihrer digitalen Existenz und druckt sie schließlich aus in großformatigen Fotografien. Und auch in diesem Buch gibt er ihnen eine dauerhafte Existenz, die sie aus ihrer Flüchtigkeit im elektronischen Medium herausnimmt, in der ja auch die Sicherheit der Anonymität des Betrachters liegen mag, und gibt ihnen Form, Maß, Ordnung und Abfolge. Angesichts der Verweigerung der motivischen Eindeutigkeit, fühlen wir uns erinnert an malerische Konzepte, wie sie etwa aus den Gemälden Gerhard Richters in Erinnerung sind; vorgefundene Bilder aus den unendlichen Bildwelten unserer Medienwelt werden auch hier als Vorlage und Ausgangspunkt benutzt, verändert und uneindeutig gemacht, schließlich gar zu vieldeutigen Kompositionen und Bildern im eigentlich künstlerischen Sinne vorwärts- oder zurückentwickelt. Ein solcher Akt wird die Freunde des pornografischen Sehens enttäuschen, gibt aber dem Betrachter, der sich dem steigenden Vergnügen der Verweigerung und Veränderung hingibt, eine Autonomie des Sehens zurück, die uns angesichts der dienenden Rolle von Fotografie und Bild in unserer Gesellschaft weitgehend abhanden gekommen ist.

Das Buch ist ein reines Vergnügen, ein listiges Unterfangen; es ist eine große Infragestellung des einfachen Glaubens an die Abbildqualität von pornografischen Bildern oder erotischem Text. Die spürbar gemeinsame Haltung in den Bildern des Fotografen und seines Wunschautors Michel Houellebecq ist eine kleine Larmoyanz angesichts einer Wirklichkeit, die in keiner Hinsicht sicher ist, in der sich die Dinge verändern, weil wir uns vor ihnen verändern und unsere zeitliche Existenz mit den Fiktionen ewiger Jugend und Erregung nicht mehr identisch ist. Ein kluges Buch, ein Künstlerbuch mit einem klar konzipierten Aufbau, das deutlich macht, das den Korpus des Werkes begreifbarer macht als die Vereinzelung dieser Fotografien in Ausstellungen und Sammlungen.

Ulrich Krempel

Thomas Ruff
Nudes
Mit einer Short Story von Michel Houellebecq
168 Seiten, 99 Farbtafeln
ISBN 3-8296-0041-0

Prof. Dr. Ulrich Krempel, 1948 geboren und in Bochum aufgewachsen, promovierte nach einem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie und Publizistik über russische politische Kunst des 20. Jahrhunderts. 1988 bis 1993 leitete er die Ausstellungsabteilung der Kunsthalle Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, seit 1993 das Sprengel-Museum in Hannover.

Erstellt: 27-05-04
Letzte Änderung: 09-04-04