Synopsis
Im April 1607 landeten drei englische Schiffe an der amerikanischen Ostküste. Die Mannschaft errichtete in der „Neuen Welt“ den Vorposten „Jamestown“. Nichts ahnend waren Kapitän Newport und seine Leute zu einem hoch entwickelten Indianerreich vorgestoßen, dem der mächtige Häuptling Powhatan vorstand. Alsbald unternahmen sie einen Feldzug gegen die Ureinwohner. Dabei geriet der rebellische 27-jährige Offizier John Smith in Gefangenschaft. Er wurde von der Lieblingstochter des Häuptlings, Pocahontas, gerettet. Sie führte ihn in die Indianerkultur ein. Zwischen beiden entspann sich eine folgenreiche Liebesgeschichte.
- Der Kommentar zum Film
Terrence Malick hat in dreißig Jahren nur vier Filme gedreht, umso erwartungsvoller fiebert ihnen sein Fanpublikum entgegen. Oft entfesseln seine Filme schon einen leidenschaftlichen Meinungsstreit, bevor sie überhaupt in die Kinos kommen. Der Regisseur selbst ist ein Geheimnis und versteht es, sich dem Medienrummel zu entziehen.
Diesmal zeigt er seine Version der Pocahontas-Legende, auch wenn der Name der Indianerprinzessin niemals ausgesprochen wird. Die Geschichte der jungen Frau, die zwischen zwei Männern und zwei Kulturen steht, ist ein Gleichnis für die Geschichte des Kontinents. Die Begegnung der beiden Zivilisationen symbolisiert das Ende eines Zeitalters und den Beginn eines neuen, mit allem, was es an Widersprüchlichem birgt.
Der Regisseur, ebenso detailbesessen wie Stanley Kubrick, hat am Originalschauplatz gedreht: am James-Fluss in Virginia. Die Indianerrollen besetzte er mit einheimischen Schauspielern, die verschiedene Indianervölker vertreten und Algonquin sprechen, das bewusst nicht untertitelt wurde. Die weibliche Hauptrolle spielt ein junges Talent, die großartige Q'Orianka Kilcher, zur Zeit der Dreharbeiten erst fünfzehn Jahre alt. Ihre Präsenz, Unschuld, Zurückhaltung und stolze Schönheit machen aus ihr eine Aristokratin, eine Heldin. Dekor, Kostüme und Soundtrack - sogar der Ruf des seit 1920 in Carolina ausgestorbenen Papageienweibchens wird imitiert! - bilden ein eigenständiges Werk. Kameramann Emmanuel Lubezki verwendet nur natürliches Licht, und seine Bilder scheinen zu atmen. Die Farbe der Erde, der hohen Gräser, das Funkeln des Wassers, die durch die Zweige hindurchlugende Sonne, die Geräusche des Waldes – alles ist von atemberaubender Schönheit und macht den Film zu einem Erlebnis.Malick beschäftigt sich hier mit der Kolonisierung Amerikas, dem Mythos der praktisch aus dem Nichts hervorgegangenen Supermacht. Es zeigt den latenten Konflikt zwischen zwei Welten; der Krieg ist ebenso absurd und unaufhaltsam wie der Fortschritt. Ähnlich wie Rousseau in seiner „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ (1755) macht er das verlorene Gleichgewicht zwischen Natur und Mensch deutlich Malick vermeidet jede Schwarzweißmalerei, glaubt aber trotzdem an die aufrechten Menschen in jeder Gesellschaft. Klischees vermeidend, gestaltet der faszinierende Utopist hier einen Traum, vielleicht die Erinnerung an sein Leben auf den Straßen der Welt.
Malick hält nichts von Dialogen, ihn interessiert nur das Innenleben seiner Figuren. Die allgegenwärtigen Kommentarstimmen gehen eine Symbiose mit dem Wasser des Flusses und der verrinnenden Zeit ein. Mittels dieser inneren Stimmen, der Bewegungen und Ausdrucksweisen gestaltet der Regisseur seine Geschichte in impressionistischen Pinselstrichen. Er ist einer der wenigen, die Gefühl, Angst, Zweifel und Liebe heute im Film so rückhaltlos offen zeigen. Damit leistet er in unserer Welt voller zynischer Schamlosigkeit natürlich der Kritik Vorschub. Worte hält er für trügerisch: Um die Wahrheit aufzudecken und zur „Seele“ der Dinge vorzudringen, verfolgt er lieber die Blicke, Bewegungen und Empfindungen seiner Protagonisten.Delphine Valloire
- Das Bonusmaterial
Die Reaktionen auf Malicks romantische Version des Pocahontas-Mythos um den Entdecker John Smith, der 1607 mit drei Schiffen auf dem Potomac in Virginia ankam und dort die Siedlung Jamestown gründete, um gleichzeitig in Liebe zu einer Häuptlingstochter zu entbrennen, konnten unterschiedlicher nicht ausfallen – den einen galt das opulente Werk des genialischen Ausnahmeregisseurs als Eingeborenen-Edelkitsch, andere verfielen der um größtmögliche Authentizität bemühten Rekonstruktion längst in Vergessenheit geratener indianischer Lebensweisen und deren Aufeinanderprallen mit den Außenposten des britischen Kolonialreiches sowie vor allem dem ursprünglichen Charme der erst 16-jährigen Pocahontas-Darstellerin Q’Korianka Kilcher.
Was die große künstlerische Ausnahmestellung Terrence Malicks unter den amerikanischen Regisseuren jedoch unumstrittenermaßen ausmacht, macht die knapp einstündige Original-Dokumentation auf der DVD plastisch erfahrbar. Mallicks Streben nach größtmöglicher Wahrhaftigkeit erreicht in der Rekonstruktion ausgestorbener indianischer Lebensweisen wie der Pwhatan oder der Algonquies eine neue Dimension. Sprache, Lebensutensilien, Kostüme, Werkzeug, kulturelle Riten: all das ließ Mallick von den besten seines Fachs rekonstruieren. Um zugleich wie gewohnt auf künstliche Lichtquellen vollkommen zu verzichten und so größtmögliche Nähe zum Sujet herzustellen. Die Dörfer der Indianer wie das primitive erste Siedlerfort von Jamestown wurden mit Originalmaterialien der Umgebung hergestellt, anstatt die typischen Filmkulissen herzustellen. Indianer aus ganz Nordamerika wurden gecastet, um mit Hilfe eines indianischen Trainers spezielle Tänze, Pictogramme und Kommunikationsformen der Ureinwohner einzustudieren.
Auch die erst nach 8 Monaten Casting gefundene Hauptdarstellerin, die in Neuseeland geborene Q’Orianka Kilcher musste als Pocahontas die 400 Jahre alte, ausgestorbene indianische Kultur verinnerlichen. Ihr indianisch-stämmiger Trainer widerlegt während einer Probeanweisung an die junge Schauspielerin an einer Stelle diejenigen Kritiker, die Malick eine romantisierende, Altherren-Fantasien bedienende Verkitschung des Pocahontas-Mythos vorwerfen – bei der Darstellung von Häuptlings-Tochter nämlich ginge es nicht um keineswegs um den (aus westlicher Perspektive assoziierten) tragischen Verlust der Unschuld – ein Begriff, der den Ureinwohnern ohnehin fremd gewesen sei - sondern stellvertretend um die Verwandlung eines in kompletter Harmonie mit Erde und Universum lebendes Volkes, das sich den neuen Lebensbedingungen anpassen musste, um die eigene Identität ins neue Zeitalter hinüberzuretten.
Martin Rosefeldt

The New WorldEin Film von Terrence Malick
Darsteller: Colin Farrell, Christopher Plummer, Christian Bale, Q’Orianka Kilcher
USA, 2005, 130’
Warner Brothers
Technische AngabenSprachen: Deutsch/Englisch (DD 5.1), Untertitel Deutsch/Englisch, Untertitel für Hörgeschädigte
Extras: Original Dokumentation „Making The New World (59 Minuten), USA-Kinotrailer, USA-Teasertrailer






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Ein bewegendes Werk
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