Wie kann Kunst eine Vermittlerrolle zwischen Gesellschaft, Regierung und Öffentlichkeit spielen? Im heutigen, einem rasenden Wandel unterworfenen China wird die für europäische und amerikanische Medienkünstler relevante Frage ebenfalls gestellt, aber anders: als Remake des Langen Marsches – dem zentralen Heldenmythos der Kommunistischen Partei Chinas, nach dem die kommunistischen Streitkräfte in den 30er Jahren Tausende Kilometer marschierten und so ihrer Niederlage im Bürgerkrieg gegen die Nationalisten entgehen konnten.Das von Lu Jie vorgestellte und 1999 begonnene "Long March"-Projekt zitiert Mao's Propaganda-Narration weniger als Parodie denn als eine Wiederentdeckung zentraler Sozialtheorien im Rahmen einer Kunstinitiative, die von vornherein als unendliche Performance angelegt ist: Künstler ziehen durchs Land und veranstalten auf jeder ihrer Stationen Ausstellungen und Kunstprojekte, die sich an die jeweilige lokale Bevölkerung richten und diese miteinbeziehen. Das geht von "Neuen Medien" über Video bis hin zu Papierschnitten, die für weite Bevölkerungsschichten eben das zugänglichste Kunstmedium ist.
"Wie können Künstler zwischen dem individuellen und dem kollektiven Raum vermitteln?" fragt Lu Jie. "Avantgarde hat nichts mit sozialer Avantgarde zu tun" meint er lakonisch, und in Bezug auf eine zunehmende Ausrichtung chinesischer Gegenwartskunst auf ein vermeintlich universelles Modell westlichen Zuschnitts: "Gibt es überhaupt eine internationale Sprache der zeitgenössischen Kunst? Und: Kann sie dann lokal wirksam rezipiert werden und Einfluss haben?" Kunst, die zum Nischenprivileg für Neureiche verkommt, vergrössere die Kluft zwischen Künstlern und Gesellschaft und mache so langfristig den Raum für Kunst generell kleiner, ist Lu Jie überzeugt.
Die einzelnen Projekte verkörpern derartige Denkansätze. Zum Beispiel: Eine "Wanderskulptur auf Reisen" – eine Marx-Büste wird auf Flüssen entlanggeschifft. Was passiert, wenn kulturfremdes Gedankengut und Ideologien importiert und unreflektiert übernommen werden? Marx' Odysee ist hier der metaphorische Fluss zwischen Tradition und Moderne. Oder, Fabrik Nummer 798: Stalins Geschenk an Mao, pures ostdeutsches Bauhaus-Design, dient dem "Long March" Projekt nun als Headquarter.
Glokalität zeichnet fast alle Projekte aus: so lässt der Künstler Qin Ga sich täglich per Tättowierung in der vorgezeichneten Chinakarte auf seinem Rücken die aktuelle Position des Marsches eintragen. Sein individueller Körper wird zur Einschreibefläche und zum Gedächtnis einer kollektiven Erfahrung.In anderen Aktionen konfrontieren die Künstler externe und interne China-Bilder, tragen Dokumentationen zusammen und sammeln Stereotypen und China-Klischees wie Jean-Luc Godard's "La Chinoise". Gewagter: die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, inklusive der des Marsch-Mythos' selbst. Anspielend auf jene Frauen, die am Langen Marsch der 30er Jahre teilnahmen, und, so die Überlieferung, ihre Neugeborenen abgeben mussten, hat Jiang Jie 20 Baby-Skulpturen auf dem Langen Kunst-Marsch für die Bevölkerung zur Adoption freigegeben.
Mit diesem Projekt soll eine kollektive Performance am Leben gehalten werden, in dem Publikum und Künstler gleichermassen kollektives Wissen produzieren, und Kunst im Kontext zum Status Quo machen in einem Land, wo die kapitalistische Tendenz sonst zu einer unkritischen Übernahme des westlichen Systems mit seinem Wechselspiel zwischen Kunst-Markt und –Institutionen führen könnte.
Link>> Offizielle Website des "Long March"-Projekts
Foto"Touring Exhibition" of Sui Jianguo's "Marx in China" on River
Qin Gas Tättowierung
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Jens Hauser
transmediale.06
Februar 2006
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