Cannes 2005 - Semaine de la Critique - 19/05/05
The Great Ecstasy of Robert Carmichael
Ein Film von Thomas Clay
In einer kleinen englischen Küstenstadt geraten
drei Jugendliche in einen Sog der Gewalt und der Versuchungen.
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(Großbritannien, 2005, 96 Min.)
mit Danny Dyer, Lesley Manville, Dan Spencer, Ryan Winsley, Charles Mnene…
Synopsis: In einer kleinen englischen Küstenstadt geraten drei untätige, verstörte und von der Gesellschaft ausgeschlossene Jugendliche, denen moralische Regeln weder etwas sagen noch etwas bedeuten, in einen Sog der Gewalt und der Versuchungen. Ihr gefährliches Treiben mündet unerbittlich in eine grausige Tat, die die ruhige Gemeinde erschüttert.
Kritik: Noch radikaler als Ken Loach schlägt Thomas Clay mit seinem ersten Kinofilm zu, den er im Alter von nur 24 Jahren gedreht hat. Newhaven, eine englische Kleinstadt an der Küste ohne Perspektiven für seine Bürger, hat den jungen Regisseur zu einer zerstörerischen Symphonie mit dem Titel „The Great Ecstasy of Robert Carmichael“ inspiriert. Der kunstvoll spiralförmig konstruierte Film läuft gnadenlos auf eine Schlussszene zu, die sich unweigerlich ins Gedächtnis einbrennt. Die Handlung erstreckt sich über vier Tage. Diese werden von den Nachrichten auf den Fernsehbildschirmen strukturiert: Kriegsausbruch im Irak, Tony Blair rechtfertigt sich für seine Entscheidungen. Die Jugendlichen scheinen durch die Bilder hindurch zu sehen. Desillusioniert haben sie sich innerlich abgemeldet.
Unempfänglich für die äußere Welt, die auch nur von Einsamkeit, Verzweiflung und Arbeitslosigkeit geprägt ist, flüchten sie sich in die Welt der Drogen – zuerst aus angeberischem Trotz, dann aus Langeweile. An die Stelle kleiner, zerknitterter Joints treten schnell Ecstasy und Kokain. Haben sich die Jungen einmal in ihren Hass auf die Reichen hineingesteigert, kann eine kleine unbedachte Äußerung zur Eskalation, zum Wahnsinn und zum Tod führen. Zwar beschreibt „The Great Ecstasy“ vordergründig das Dasein einer Gemeinde, doch dreht sich letztlich alles um drei Jungendliche. Zunehmend gerät dabei Robert Carmichael ins Zentrum des Blickfeldes, ein schüchterner, introvertierter Junge mit guten Schulzeugnissen, der ohne Vater aufwächst, sozial etwas höher steht als die anderen, hervorragend Cello spielt und von Sade träumt. Schließlich gerät er von seinen schlimmsten Trieben gesteuert in einen Rausch unbeschreiblicher Brutalität.
Noch nie waren die langen, grauen Strände und die weite Landschaft, in denen diese Kids herumirren, so erschütternd wie in diesen Bildern. Zu verdanken ist das Angelopoulos’ und Claire Denis’ Chefkameramann Yorgos Arvanitis, der das melancholische Licht der Umgebung herausdestilliert hat. In Schlüsselmomenten setzt Thomas Clay nach Art Stanley Kubricks, auf den er sich hierbei beruft, Musik von Purcell, Elgar und Harvey als Unheil verkündendes Stilmittel ein. In der Mitte des Films kommt es zu einer gemeinsam begangenen Vergewaltigung, die sich jedoch nicht vor der Kamera abspielt. In der letzten Szene hält diese dann aber mitten auf das Geschehen – wenn auch aus einer gewissen Distanz, doch nimmt dies nichts von der schockierenden Wirkung des Ganzen. Dies ist so nah an der Grenze des Unerträglichen, dass Reaktionen im Publikum nicht ausbleiben. Thomas Clay hat diesen Höhepunkt mit beinahe abartiger Finalität durchkonstruiert und erteilt damit eine Lehrstunde über die Gesellschaft, dass es nur so kracht. „The Great Ecstasy“ ist ein polemisches Pamphlet über politisch und sozial bedingte Gewalt und verlorene Kinder, die zu grausamsten Peinigern werden.
Delphine Valloire
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The Great Ecstasy of Robert Carmichael
ein Film von Thomas Clay
(Großbritannien, 2005, 96 Min.)
mit Danny Dyer, Lesley Manville, Dan Spencer, Ryan Winsley, Charles Mnene…
Cannes 2005 - Semaine de la Critique
Erstellt: 19-05-05
Letzte Änderung: 19-05-05