Drehbuch: Wes Andersen, Roman Coppola und Jason Schwartzman
Kamera: Robert Yeoman
Mit: Owen Wilson (Francis), Adrien Brody (Peter), Jason Schwartzman (Jack), Amara Karan (Rita) und Anjelica Huston (Mutter Patricia)
Synopsis: Nach der Beerdigung ihres Vaters wollten sich die drei ziemlich verschiedenen Witman-Brüder Francis, Peter und Jack eigentlich möglichst aus dem Weg gehen. Als Draufgänger und Besserwisser Francis jedoch bei einem schweren Motorradunfall eine Art Nahtod-Erlebnis hat und dabei an seine Brüder denken musste, beschließt er die Familienzusammenführung per Bahnreise. Also beziehen die Brüder ein Abteil im indischen „Darjeeling Limited“ – eine nostalgische Mischung aus Orient Express, Transsibirischer Eisenbahn und dem New Yorker 20th Century Limited – um auf der gemeinsamen Reise durch den riesigen Subkontinent zu sich und zueinander zu finden und schließlich ihre Mutter Patricia in einem entlegenen Bergkloster zu besuchen. Nur um dort allerdings feststellen zu müssen, dass die auf ihrem Selbstfindungstrip vom Helfersyndrom befallene eigentlich gar nichts von ihren Söhnen wissen will. Die Reise hat sich natürlich trotzdem gelohnt.Kritik: Wes Andersen hat mit seinen skurrilen Familiengeschichten (z. B. „The Royal Tenenbaums“, 2001) auch in Deutschland inzwischen eine schnell wachsende Fangemeinde, und das wunderbar unkonventionelle Railroad-Movie „The Darjeeling Limited“ zeigt erneut, das es sich hier um einen der originellsten jüngeren Hollywood-Regisseure handelt, mit Kultfilmerqualitäten.
Vorausgesetzt man lässt sich auf diese Filmreise ebenso unvoreingenommen und schicksalsergeben ein, wie die drei psychisch und physisch vom amerikanisch-westlichen Lebensstil beschädigten Brüder in ihrem engen Zugabteil quer durch die indische Wüstenprovinz Rajasthan. Wobei deren eigentliche Reise erst richtig beginnt, als der Zugführer sie wegen ihres ziemlich ungebührlichen Verhaltens im Kolonialherrenstil irgendwo im Nirgendwo an die Luft setzt. Nachdem sie ihren klimatisierten Schutzraum unfreiwillig gegen die indische Realität eintauschen, fangen sie wirklich an, wieder miteinander zu sprechen, und in der Konfrontation mit einem anders ritualisierten, spirituellen Alltag, ihre eigenen Familienrituale wieder zu entdecken. Diesen Zusammenprall der Kulturen inszeniert Andersen mit ebenso hintergründiger Komik wie untergründiger Traurigkeit und anrührender Melancholie.
Diese Balance zu halten und dabei weder die Rituale der einen noch der anderen Seite bloß zu stellen, oder sich über sie lustig zu machen – das ist die Kunst des Films, die ihn weit über die absurd-komische Ebene hinaus interessant macht. „What’s wrong with you?” wird Jack beim Abschied von der indischen Zugbegleiterin Rita gefragt, mit der er eine spontane Affäre hat. Seine Antwort „I will think about it“ ist zwar lustig, zeigt aber auch, dass in seinem Gefühlsleben so einiges wohl nicht ganz richtig ist. Um das besser zu verstehen, sollte man auf keinen Fall den ebenfalls von Andersen stammenden Vorfilm „Hotel Chelsea“ verpassen, der mit einer großartigen Natalie Portman als Jacks eigentlich große Liebe wie ein Vorspiel funktioniert, und die widersprüchlichen, hoffnungslos verkorksten Gefühlslagen zweier Großstadtnomaden in einem Pariser Luxushotel sarkastisch auf den Punkt bringt. Schon da könnte man auf die Idee kommen, dass es nicht nur für Jack höchste Zeit ist, mal zu einer längeren Indienreise aufzubrechen, um den Psychohaushalt wieder ins Lot zu bringen.Andersens schräger Humor hat viele Facetten und Ebenen, eine davon ist, dass man die komischen Selbstfindungsanstrengungen der Brüder trotz allem mit großer Sympathie begleitet. Den Rest muss man einfach selbst gesehen haben.
Thomas Neuhauser






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