(USA, 2004, 103 Min.)
mit Sean Penn, Naomi Watts, Don Cheadle, Jack Thompson…
Wettbewerb Un Certain Regard
Kritik: Niels Mueller ließ sich für sein Erstlingswerk von der wahren Geschichte eines Mannes inspirieren, der sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlte und im Jahr 1964 einen Mordversuch gegen den amerikanischen Präsidenten Lyndon Baines Johnson unternahm. Der Film hält der Konsumgesellschaft und dem American Way of Life mit ihren perversen Auswüchsen, mit all ihren schmerzhaften Verzerrungen und Neureusen unmissverständlich einen Spiegel vor. Sam Bicke kämpft unablässig gegen die grausame und doch fast banale Verachtung durch seine Familie, seine Umgebung und seinen Vorgesetzten an. Niemand ist ihm wohl gesonnen, nicht einmal sein Ex-Hund in seinem Ex-Haus oder seine Ex-Kinder, die von der Schwäche ihres zu verletzlichen Vaters bitter enttäuscht sind.
Subtil und präzise seziert der Regisseur Szene für Szene den freien Fall dieses Mannes in die Leere, die sich vor ihm auftut. Wie ein klebriger Schleier der Traurigkeit liegen die aschgrauen, von Chefkameramann Emmanuel Lubezki inszenierten Schatten auf ihm. Dieser rührende, sanfte und idealistische Familienvater reagiert nicht wie andere auf die verstümmelten sozialen Codes, aus denen Lügen, Erniedrigung und Ausbeutung sowohl im Berufs- als auch im Privatleben gemacht sind. Er bauscht die Probleme auf und dramatisiert sie – ganz wie ein noch zu sensibles Kind, dass die Grausamkeiten dieser Welt kennen lernt und sich weder an sie gewöhnen noch sie akzeptieren kann.
Sam Bicke hat den Kopf voller naiver und rührender Ideen davon, wie er ehrliches Geld verdienen kann: Er wird halbe-halbe mit dem Kunden machen oder sich mit den Black Panthers zusammenschließen, um aus weißen und schwarzen Mitgliedern die „Zebras“ zu gründen für den Kampf gegen die Unterdrückung der Schwachen durch die Starken! Tatsächlich lebt Sam ohne jegliche Form der Anerkennung, geschweige denn der Liebe. Nach und nach verwandelt sich sein Schmerz in Verfolgungswahn. Spätestens hier macht Sean Penns darstellerisches Vermögen den Zuschauer sprachlos. Einen solchen Schauspieler gibt es nur alle Jubeljahre. Er allein trägt den Film mit der ganzen Bandbreite seiner künstlerischen Ausdruckskraft: von den Selbstgesprächen Sams über dessen Zärtlichkeit bis hin zum unkontrollierbaren Zorn des Mannes, der nicht für diese Welt geschaffen ist.
Von Travis Bickle zu Sam Bicke ist es nur ein kleines „l“, einen winzigen Schritt weit. In einer umgekehrten Hommage an die berühmte Spiegelszene aus „Taxi Driver“ versucht Sam mit Autosuggestion, sich beliebt zu machen und erfolgreich zu werden: „Gestatten, Sam Bicke, hocherfreut Sie kennen zu lernen... Ich glaube an meine Arbeit.“ Doch dieser künstliche, zermürbende Glaube weckt schnell ganz andere Gedanken in ihm: „Eines Tages wird ein heilsamer Regen diese Stadt von allem Schmutz befreien...“ Einen solchen Satz könnte Sam in einem seiner Briefe an sein Idol Leonard Bernstein schreiben, für ihn einer der letzten „reinen“ Menschen. Doch im Gegensatz zu Scorseses apokalyptischem Todesengel bemächtigt sich die Wut seiner erst im letzten Moment, als letzte Chance, als ein Schrei der Verzweiflung.
Letztlich ist Bicke nichts anderes als ein Mann, der schreit – der stumm schreit.
Delphine Valloire






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