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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

30 Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 12/03/07

The Art Ensemble of Chicago: "Urban Bushmen"

von Günther Huesmann

Jahrhundertaufnahmen des Jazz


Das 1969 aus der Chicagoer Musikerorganisation AACM (Association for the Advancement of Creative Musicians) hervorgegangene Art Ensemble of Chicago (AOC) zählt zu den bestintegrierten und unverwechselbaren Bands des Jazz. Auf „Urban Bushmen“ gewinnt das AOC eine klangliche Beweglichkeit wie sie bis heute in Kleingruppen des Jazz ohne Parallele ist. Jeder Musiker in diesem Ensemble bedient eine Vielzahl unterschiedlicher Instrumente, wobei eine besondere Neugier für die Outsider des Jazzinstrumentariums auffallend ist: für Oboen, Muschelhörner, Xylophone, Hupen, Sirenen, das Basssaxophon etc. Kurz: hier wir einem Multiinstrumentalismus gefrönt, der ins Megalomanische zu weisen scheint. Erstaunlicherweise aber zeigt sich das AOC beim Einsatz dieses instrumentalen Universums von einer seltenen Sparsamkeit, Zielgerichtetheit und inneren Logik.

Nie waren die tobenden Materialschlachten des Free Jazz ferner als hier, nie wurde das energetische Powerplay kunstvoller in fließende, pausenreiche Strukturverläufe eingebettet.
Es ist daher nicht in erster Linie die instrumentale Vielfalt, die überrascht. Faszinierend an „Urban Bushmen“ ist vielmehr das Gespür für den „Flow“ der Musik, hier herrscht pure Magie, ein unglaublicher Sinn für dramatische Entwicklung. Die Improvisationen und Kompositionen auf „Urban Bushmen“ sind fesselnde musikalische Zeitreisen durch Gefühls- und Seinsmomente der „Great Black Music“ –„From Ancient to the Future“ wie das Motto dieser Gruppe heißt.

Was auf „Urban Bushmen“ stattfindet, ist ein einzigartiger Zusammenbruch von klaren Genre-Zuordnungen. Das ist kein Free Jazz mehr im engeren Sinne, sondern eine bewusste Lösung von festen Idiomen, ob sie nun Cool oder Bebop heißen. Stattdessen gibt es viele neue Freiheiten: expressiv, eklektisch, klangbewusst, groovend, manchmal auch satirisch und theatralisch. Freie Improvisationen und feste Formen schließen sich nicht mehr gegenseitig aus in dieser selbstbewussten hoch inspirierten afroamerikanischen Musik. Zugleich ist es ein Sound, der weit über den Blues und die Demarkationslinien der Black Diaspora hinaus weist. Denn neben magischen Klangschichtungen aus Black Culture gibt es genauso Raum für post-serielle Klänge („Uncle“), für Marsch-Persiflagen („Bushmen Triumphant“) und für das ambitionierte Geräuschspiel a la Edgar Varese.

„Urban Bushmen“ ist eine Musik des ständigen Übergangs und der unablässigen Verwandlung. Nicht von ungefähr wurde die Maske zu einem Symbol des AOC – Joseph Jarman, Don Moye und Malachi Favors bemalten sich ihre Gesichter mit afro-archaischen Mustern und traten in afrikanischen Kostümen auf. Hier spielt kein Quintett, hier zelebriert ein Ensemble ein Ritual.

Die ungeheure Geschlossenheit dieser Band ergibt sich aus dem Zusammenhalt von disparaten und doch komplementären Persönlichkeiten. Der Trompeter Lester Bowie ging im gebügelten weißen Arztkittel auf die Bühne – ein Medizinmann der Postmoderne (noch bevor das Wort Postmoderne überhaupt in Mode war) und der große Humorist und Satiriker des AOC. Er bleibt immer Teil des Ensembles – ist aber mit Abstand der wandlungsfähigste Solist. Seine Linien und Sounds (etwa in „Sun precondition Two/Theme for Sco“) umfassen mit enzyklopädischer Wucht eine Vielzahl von Trompetenstilen des Jazz. Einzigartig ist seine Fähigkeit, den Trompeten-Ton zu „sprachähnlichen“ Sounds von schillernder Vielfalt zu modulieren.

Man hat die Spielweisen der beiden Saxophonisten Joseph Jarman und Roscoe Mitchell (wegen ihres Soundreichtums) oft miteinander verwechselt. Dabei könnten ihre Ansätze kaum unterschiedlicher sein. Die beiden Bläser ergänzen sich als Widerparts auf ideale Weise. Während Jarman seine Klarinetten und Saxophone mit einer starken „afrikanisierenden“ Tongebung phrasiert - mit sehr scharfen, expressiven Sounds - tendiert Roscoe Mitchell zum ruhigeren Klangfluss, der neben der afroamerikanischen Tradition auch viele Elemente der neuen europäischen komponierten Musik umfasst.

Der Kontrabassist Malachi Favors spielt (etwa in „Bush Magic“) solistisch eher unspektakulär. Aber gerade er, der stoische Anwalt des Naturklanges, ist es, der mit seinem perkussiven Basston und mit seinen magisch pendelnden Afro-Figuren dem expandieren Klanguniversum des AOCs ein fundiertes Gravitationsfeld gibt.

Dass der Schlagzeuger Don Moye ein „Nachzügler“ in dieser Band war - er stieß erst 1970 zu der Gruppe – merkt man „Urban Bushmen“ nicht an. Moye erweist sich als ein Spieler, der Entwicklungen entscheidend mitgestaltet. Seine stilistische Wendigkeit geht mit einer Tendenz zu bissigen Rhythmen einher. In seinem brillanten Solo in „Soweto Messenger“ entpuppt er sich als ein „Art Blakey der AACM“ – mit einer ähnlichen vibrierenden Heftigkeit und Vitalität und einem besonderen Drang, den Ursprüngen der Musik Afrikas nachzuforschen.

„Promenade: Cote Bamako I“ und „II“ sind Fanale des kollektiven Power-Drumming - Beispiele eines urbanen Ritual Drumming mit bewussten Anspielungen auf die Klänge westafrikanischer Trommelensembles. Den Abschluss der Doppel-CD bildet „Odwallah“, ein munter swingendes Afro-Riff, das zur Erkennungsmelodie des AOC avancierte.

„Urban Bushmen“ bringt kein postmodernes Gemetzel, sondern eine leidenschaftliche Reise durch die Mythen der „Great Black Music“ und andere Klänge dieser Welt – von den folkloristischen Wurzeln bis zu den avancierten Verästelungen des Free Thing und der Neuen Musik. Diese teils frei improvisierte, teils durchkomponierte Musik hat Fokus, sie besitzt rituelle Kraft und eine seltene Magie beim Entwickeln von neuen Klangfeldern.

Text: Günther Huesmann

The Art Ensemble of Chicago: Urban Bushmen
(Doppel-CD, ECM)

Erstellt: 20-03-06
Letzte Änderung: 12-03-07