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Cannes 2006 - Un Certain Regard - 17/09/08

Taxidermia

EIn Film von György Palfi


Aus Ungarn kommt eine bemerkenswerte Allegorie über den menschlichen Körper.
Blicken Sie jetzt in die ARTE-Sterne!

(2006, Ungarn – Frankreich – Österreich, 1’31)
Mit Csaba Czene, Gergely Trocsanyi, Gabor Maté…
ARTE-Koproduktion

Synopsis: Drei Männer aus drei Generationen im Ungarn des 20. Jahrhunderts: der Offiziersbursche Morosgovanyi, der als Prügelknabe eines Hauptmanns im Zweiten Weltkrieg herhalten muss, Kalman, ein Profisportler der anderen Art, seines Zeichens Wettesser, der während der kommunistischen Ära zu einigem Ruhm gelangt ist, und schließlich Kalmans bleichgesichtiger und dürrer Sohn Lajos, der seinem Erzeuger ob seiner Gestalt zur Schande gereicht und sich als junger Erwachsener der Kunst der Taxidermie verschreibt.

Der Trailer zum Film


Kritik: Der gemeinsame Nenner der drei Porträts, die György Palfi in seinem Film zeichnet, ist der geradezu obsessive und permanente Bezug zum menschlichen Körper. Einige rote Fäden, die sich mehr oder weniger sichtbar durch den Film ziehen, wecken die Neugier. Morosgovanyi, der erste Protagonist, verzehrt sich in seiner Fleischeslust, die wie ein Ausbruchsversuch aus seinem Dasein als wertloser, der Willkür anderer ausgesetzter Befehlsempfänger scheint und ihn zu einer quasirituellen Organisation seines Tagesablaufes führt. Das bekommt schon fast etwas Mystisches, wenn er beharrlich versucht, eine Kerzenflamme zu verschlucken – um so eine feuerwerksartige Ejakulation herbeizuführen. Das Ergebnis einer solchen ist Kalman, dessen Hauptbeschäftigung ihm mit der Zeit ein grauenhaftes Äußeres verleiht und der aufgrund mangelnder Anerkennung seiner merkwürdigen Sportart in Bitterkeit versinkt. Als Jüngster der Ahnenreihe scheint Lajos auf die Gefräßigkeit seines Vater bereits zu reagieren, noch bevor er das Licht der Welt erblickt. Später entfernt er die Organe aus toten Tieren und entwickelt dabei eine Leidenschaft, die dem libidinösen Wahn seines Großvaters Morosgovanyi würdig ist.

György Palfi lässt den Interpretationsspielraum, den diese drei witzigen, überspitzten und oft auch erschreckenden Geschichten bieten, so geschickt offen, dass auch andere Konstellationen denkbar wären, und stellt damit einen hinreißenden Einfallsreichtum unter Beweis. Taxidermie kommt zunächst wie ein schwungvoller, spinniger und typisch slawischer Film à la Emir Kusturica daher und endet dann in der düsteren und schauderhaften Atmosphäre von „Das Schweigen der Lämmer“. Palfis rekonstruiertes Ungarn der kommunistischen Ära ist bevölkert von unförmigen und feindseligen Katzen, und der gelegentlich komisch anmutende Überfluss an Essbarem lässt noch nichts von den verdorbenen, zerlegten oder verschlungenen Fleischmassen erahnen, die im letzten Teil im Zentrum stehen.

Unbestreitbar hat Palfi hier die künstliche Systematik hinter sich gelassen, die seinen ersten Spielfilm „Hic“ kennzeichnete, jene schwarze, auf einer Zeitungsmeldung beruhende, dialoglose Komödie über die kollektive Vergiftung der Bewohner eines kleines ungarischen Dorfes aus dem Jahr 2002. Sein neues, mosaikartiges Werk dagegen ist anstößig und verschroben, meisterlich gemacht, doppeldeutig und wunderbar idiotisch und wirkt weniger abgekapselt als sein Vorgängerwerk, nie prätentiös und nie wie die Schöpfung eines neuen kleinen Genies, das glaubt, gänzlich Neues erfunden zu haben und von seinem allegorischen, unbestreitbaren Diskurs schon ganz berauscht ist.

Julien Welter

Erstellt: 20-05-06
Letzte Änderung: 17-09-08