USA, 2004, 88’
Nebenreihe „Quinzaine des Réalisateurs“
Kritik: Vielleicht12, höchstens 13 Jahre alt ist Jonathan Caouette -. es sind die frühen 80er Jahre in Houston, Texas - als er sich zum ersten Mal selbst inszeniert vor seiner Videokamera in der Wohnung seiner Großeltern, mit geschminkten Lippen und sich nervös an den in die Stirn fallenden Haaren zupfend. Da spielt er eine lebensmüde, nervenkranke Frau, die von ihrem Mann geschlagen und mit ihrem Neugeborenen allein gelassen wird. Trotz übertriebenen Pathos in der Stimme und melodramatischen Gesten rührt einen diese Szene bis ins Mark - – hier versucht ein Jugendlicher verzweifelt, über die Kamera Kontakt zu seiner Mutter aufzunehmen, das Trauma seiner Kindheit zu begreifen.
Mittels Super-8-Filmen und als imaginärer Star in selbst geschriebenen Rockopern flieht Jonathan Caouette früh in seine eigene Welt. Nicht um sich als Einzelkind einfach nur zu beschäftigen, sondern um zu überleben.
Fast 20 Jahren später montiert er, ermutigt durch einen befreundeten Filmemacher und mit Executive Producer Gus van Sant als künstlerischer Back-Up, die unzähligen Videoschnipsel, Tonbandaufnahmen, Super-8-Filme und aufgezeichneten Anrufbeantworteraufzeichnungen zu einem Porträt über sich und seine psychisch kranke Mutter zusammen.
Caouettes Film beginnt im Jahr 2003, als sie nach einer Überdosis Lithium unheilbar geisteskrank wird. Von hier holt er mittels kurz hintereinander montierten Bildsplittern und Texttafeln etwas umständlich aus, um ihre Herkunft zu beleuchten: Renée Caouette war selbst noch ein Kind, gerade nach einem Schönheitswettbewerb entdeckt für Werbung und Fernsehspots, als sie nach einem Unfall das erste Mal in eine Klinik eingewiesen und danach auf Anweisung der Eltern regelmäßig mit Elektroschocks behandelt wurde. Eine in den USA der 60er und 70er Jahre beliebte Methode, um mit psychischen Abnormalitäten aller Art umzugehen.
In immer kürzeren Abstanden wird Caouettes in der Folge manisch-depressive Mutter nach schizoiden Schüben in die Psychiatrie geschickt. Die Trennung von der Mutter und die anschließenden traumatischen Aufenthalte bei diversen Gastfamilien führen bei ihm selbst zu einer Persönlichkeitabspaltung– die ihn umgebende Wirklichkeit erscheint ihm zunehmend irrealer, der eigene Körper spaltet sich ab.
Dementsprechend folgt auch Caouettes Montageprinzip dem eigenen assoziativen, ins Irreale abschweifenden Denken. Oft sieht man sein Gesicht in Prismen aufgesplittert oder das Gesicht in den eigenen Splatterfilmen blutüberströmt.
Gleichzeitig ist „Tarnation“ mehr als ein therapeutisches Selbstporträt, eine Liebeserklärung an die eigene Mutter und der Versuch, das Leben seiner Familie zu ordnen. Diese experimentelle und dennoch hoch emotionale Collage ist zugleich aufschlussreiches Dokument über den amerikanischen Umgang mit seinen psychischen Kranken, über die Popkultur der 80er Jahre, über den New Yorker Underground und über das Überleben.
Martin Rosefeldt






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

