Das „Swing Kid“ Günter Discher (80) wird als ältester DJ Deutschlands gefeiert, der „Godfather of Techno“ Sven Väth (40) ist als DJ schon lange über die heimatlichen Grenzen hinaus berühmt. Das ARTE Magazin wollte wissen, was die Discjockeys selbst für ein Bild von sich haben und hat sich mit beiden getroffen.ARTE: Wie würden Sie einen DJ definieren?
Sven Väth: Ein DJ ist für mich ein Entertainer, der das Talent besitzt, einen musikalischen Abend aufzubauen und dabei Menschen zum Tanzen zu bringen.
Günter Discher: DJs gibt es überhaupt erst, seitdem es Langspielplatten gibt. In den 1950ern, als die Lokalbesitzer die Big Bands nicht mehr bezahlen konnten, da ist der Beruf des Discjockeys entstanden.
ARTE: Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?
Günter Discher: Angefangen hat alles, als ich in Rente ging. Da ist man wegen meines riesigen Schallarchivs auf mich zugetreten: eine halbe Million Platten, historische Aufnahmen der Swing-Orchester der 1930er und -40er Jahre. Die wollte man der Öffentlichkeit zugänglich machen. Dann kam der NDR und 1996 habe ich mit meiner Radioshow „Das gab’s nur einmal“ begonnen.
ARTE: Sie waren in Ihrer Jugend Teil der Hamburger Swing-Bewegung, kamen für ihre musikalische Vorliebe sogar ins KZ …
Günter Discher: Die Swing-Jugend verweigerte sich dem Nazi-Regime und das war gefährlich. Wir kleideten uns anders als die Hitler-Jugend, wir trugen Nadelstreifenanzüge und einen Regenschirm über dem Arm, um eine englische Noblesse zu demonstrieren. Mit Kanus sind wir auf der Alster gefahren und haben unter den Brücken möglichst laut Louis Armstrong gespielt, mit dem Grammofon! Natürlich wurden wir von der Gestapo beobachtet. 1942 bin ich dann verhaftet worden.
ARTE: Ist der DJ immer auch ein Rebell?
Sven Väth: Bei uns war es keine Antihaltung, aus der die ganze Technobewegung entstanden ist. Eher ein Trend, eine Entwicklung, die mit der Disco-Bewegung in den 1970ern begonnen hat.
ARTE: Wie sind Sie DJ geworden, Herr Väth?
Sven Väth: Meine Eltern hatten eine Diskothek bei Frankfurt und eines Tages rief mich meine Mutter an und sagte „Unser DJ ist krank, du musst einspringen“.
ARTE: Das Instrument des DJs sind die Schallplatten und das Mischpult mit seinen technischen Raffinessen. Muss man sich als DJ für Technik begeistern?
Günter Discher: Das Interesse an der Mechanik ist das eine. Ich weiß noch, wie wir 1945 mit zwei Trichtergrammofonen das erste Mal stereo gespielt haben, zeitlich noch ein wenig versetzt (lacht). Heute ist die Technik komplizierter, aber die Masche ist letztlich dieselbe geblieben, es geht darum, das Publikum zu begeistern.
Sven Väth: Im Vordergrund sollte die Begeisterung für die Musik stehen. Technik ist Beiwerk. Natürlich gibt es auch DJs, die Akrobaten sind, die vor allem scratchen und die Technik dazu nutzen, einen ganz eigenen Stil zu entwickeln. HipHop zum Beispiel hat dort seine Wurzeln. Aber am Ende muss der Song überzeugen. Für mich war es immer das Wichtigste, musikalisch etwas rüberzubringen.
Günter Discher: Die Hände auf die Platten legen, um sie zu bremsen und die Geschwindigkeit zu regulieren, so etwas mache ich als alter Opa ja nicht.
Sven Väth: Die Geschwindigkeiten zwischen den Songs anzugleichen, um gute Übergänge zu schaffen, muss ein DJ einfach drauf haben. Speziell, wenn er Tanzmusik spielt, bei der sich das anbietet. Es gibt natürlich auch DJs, die verschiedene Stile spielen, da passt es schon rein rhythmisch nicht, die Songs übereinander zu legen.
ARTE: DJs legen oft vor großen Menschenmengen auf. Welche Beziehung haben Sie zum Publikum?
Günter Discher: Ich sehe mich als DJ, der für das Publikum spielt. Ich hämmere nicht einen Swing-Titel nach dem anderen herunter, sondern spiele auch mal einen Tango oder ein Lied von Hans Albers. Oft singen die Leute dann richtig mit. Während die jüngeren DJs ja häufig nur einen Stil spielen und sich ihr Publikum die ganze Nacht lang dasselbe anhören muss.
Sven Väth: Ich sehe das so: Das Publikum schenkt mir das Vertrauen, mir musikalisch zu folgen. Generell ist es so, dass sich durch die Songs, die ich auflege, ein roter Faden zieht. Das Ganze ist quasi ein Stück – eine Reise.
ARTE: Legen Sie die Dramaturgie des Abends schon vorher fest?
Sven Väth: Nein, die entwickelt sich. Mit dem Publikum, mit der Atmosphäre. Je nachdem, ob ich open air spiele oder in einem Club. Letztlich geht es nur ums Tanzen. Die Menschen zum Tanzen zu bringen, so nah an sie heranzukommen, dass sie sich zu der Musik, die ich spiele, bewegen und gehen lassen – als DJ kann ich unheimlich starke Emotionen aufbauen.
Günter Discher: Es ist wichtig, mit dem Publikum zu kommunizieren. Ich nehme immer Wünsche entgegen und sage auch oft etwas zu den Titeln, die ich auflege. Das ist alles eher locker. Es geht nicht darum, einfach eine CD einzulegen und Start zu drücken.
ARTE: Kann ein DJ als Musiker bezeichnet werden?
Sven Väth: Als moderner Musiker, ja. Er hat andere Ins-trumente: Schallplattenspieler, Computer … Viele DJs machen gute Musik, weil sie verstehen, wie Tanzmusik funktioniert. Die gehen da mit einem ganz anderen Kopf heran als es ein klassischer Musiker machen würde.
Günter Discher: Vielleicht bin ich da anspruchsvoller, aber ich glaube, DJs kann man nicht als Musiker einstufen. Aber es ist wohl so, dass jede Generation andere Ideen hat und das ist auch ganz gut. So gibt es immer wieder einen Erneuerungsprozess.
Sven Väth: DJing ist ein zeitloser Job, weil die Menschen immer tanzen wollen. Das ist das Schöne.
Das Gespräch führte Corinna Daus
Sven Väth:
Cocoon Club, avantgardistisches Clubkonzept mit multimedialem Tanzbereich und zwei Restaurants, Carl-Benz-Straße 21, Frankfurt/Main, +49 (0) 69 / 900 200
>> www.cocoon.net
Günter Discher:
Radioshow „Das gab’s nur einmal“ an jedem letzten Montag im Monat, 19.05 bis 21.00 Uhr auf NDR 90.3
Edition Günter Discher: 28 CDs mit Swing- und anderen Hits der 1930er und 40er. Erschienen bei Ceraton.
>> www.ceraton-shop.de






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