Schriftgröße: + -
Home > Buchmesse Frankfurt 2007 > Buch im Gespräch > Tanguy Viel

06/11/07

Tanguy Viel: Unverdächtig

Sie sind zu viert. Um sie herum nichts als Meer und Wind. Und doch drohen sie zu ersticken. Unverdächtig des jungen Schriftstellers Tanguy Viel ist ein Huis clos unter freiem Himmel, ein Ausgang ist nicht vorgesehen.

Tanguy Viel wurde 1973 in Brest geboren, einem eher feuchten Ort an der bretonischen Küste. Dort lebte er bis zum Alter von zwölf Jahren, seitdem in Nantes. Doch sein gesamtes Werk wird umspült wie ein gezeitenzerfressener Granitblock von den tosenden Wassern seiner Kindheit.

Unverdächtig, Viels vierter Roman, ist in die halb realistisch, halb literarische Atmosphäre einer rostigen Hafenstadt eingebettet. Das Provinzbürgertum dort schmort im eigenen Safte, zernagt von seinen uneingestandenen Begierden und armseligen Geheimnissen. An Figuren von Gustave Flaubert möchte man denken, verirrt in einer Landschaft Joseph Conrads. Eine der Hauptfiguren, der reiche, unglückliche Auktionator Henri Delamare, wird dann auch gleich zweimal mit dem Beinamen Charles Bovary bedacht.

Alfred Hitchcock schaut zu

Doch wie Tanguy Viels gesamtes Werk schöpft auch dieses Strandbuch seine beschwörende Kraft aus einem Bereich außerhalb der Literatur. Viels erster Roman 1998, Le Black Note, war wie eine Jazz-Partitur gebaut, beim Schreiben träumte der Autor von den unvergleichlichen Phrasierungen des Saxophonisten John Coltrane. In Cinéma nahm er sich John Mankiewicz' Meisterwerk Sleuth – Mord mit kleinen Fehlern vor, ein verblüffendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen einer Frau, ihrem Mann und ihrem Liebhaber. Mit L’Absolue perfection du crime wagte sich Viel gar an einen literarischen "Jahrhundertraub". Unverdächtig versucht sich nun an einer echten vorgetäuschten Entführung. Ein poetisches Verfolgungsrennen unter Geschwistern, atemberaubend und effizient wie ein Drehbuch von Hitchcock.

Ein schickes Hochzeitsfest am Meer. Kellner in feinen Westen. Im Garten ein Tisch, das Tischtuch nicht mehr ganz weiß. Lise hat gerade Henri geheiratet. Es ist schon spät, sie ist betrunken. In ihrem geradezu frech-jungfräulichen Kleid verdrückt sie sich in den Garten mit Sam, angeblich ihr Bruder. Kamera auf eine Champagnerflasche, die die Horizontlinie verformt. Die beiden bettelarmen Liebhaber haben einen ziemlich verwegenen Plan ausgeheckt, um ins Haus der Reichen einzudringen und dort eine Million Dollar einzusacken. Doch der nicht mehr ganz taufrische Bräutigam in den Fünfzig hat einen Bruder, einen echten diesmal: Edouard, Auktionator wie er. Golf, ein Jaguar, antike Möbel, Jacken teurer Marken, die beiden Aasvögel haben ihren Reichtum aufgehäuft, indem sie sich in Totenhäusern herumtrieben, und sie wären bereit, ihre Frauen zu versteigern, um ihn zu behalten. Eine Paarbeziehung, die notgedrungen ein schlimmes Ende nehmen muss: "Soll es doch misslingen, wir tun es trotzdem, sagte Lise oft zu mir, das Risiko muss man eben eingehen. Das ist das Risiko bei allem im Leben. Soll es doch misslingen, wir tun es trotzdem."

Der Mythos vom grandiosen Scheitern

Tanguy Viels Helden sind immer Scheiternde, kläglich oder grandios. Schon in L'Absolue Perfection du crime ging es um einen Raub, der daneben geht. Und Unverdächtig kündigt den programmierten Fehlschlag bereits im Titel an. Dennoch fiebert der Leser bis zum Schluss mit. Durch die äußerst filmische Verwendung von Sprüngen und Ellipsen wird er selbst zum Gefangenen in diesem ozeanischen Kammerspiel, in dem etwas "Unverdächtiges" in Bewegung kommt im schwer zu durchdringenden Schweigen: "Ich erinnere mich an den Klang ihrer Stimme an jenem Morgen, wir beide mit den Ellbogen auf der Fensterbank, wir beide lange Minuten still, all dies schien wie in einem Block zu uns zu sprechen, und unsere Blicke aufeinander geheftet, ich erinnere mich, wie sie irgendwann sagte: Jetzt oder nie, das ist die Gelegenheit, Sam."

Wie bereits in den vorigen, bisher nicht übersetzten Büchern des Autors besticht auch in diesem kurzen Roman vor allem die ganz eigene Weise, mit der Tanguy Viel sich dem Anschein nach auf eine Parodie des Film noir stützt, nur um sich umso besser daraus zu befreien und weit hinaus bis zum Horizont zu blicken. Überzeugend auch seine sehr charakteristische Art, die französische Syntax zu verbiegen zu einer zerklüfteten bretonischen Küste aus langen, zerrissenen Sätzen. Und ganz wie Lise, die irgendwo über hunderttausend „vielleichts“ balanciert und sich ein besseres Leben vorstellt, beginnen auch wir zu träumen, dass es „vielleicht“ etwas gibt jenseits des Meeres.


Eine Rezension von Christine Lecerf

Erstellt: 08-10-07
Letzte Änderung: 06-11-07