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18/01/05

Tanger - Die Legende einer Stadt

Ein Film von Peter Goedel


Poetischer Filmessay über einen vergangenen Mythos

Synopsis

In seinem filmischen Essay versucht Regisseur Peter Goedel den längst vergangenen Mythos der 40er und 50er Jahre der Hafenstadt Tanger noch einmal heraufzubeschwören. Damals war das Tor Europas zu Afrika internationale Zone: ein internationaler Tummelplatz von Millionären und Künstlern, Schmugglern und Geheimagenten, Spekulanten und Hasardeuren. 

Die Kritik zum Film

Gertrude Stein war im Wesentlichen Schuld daran, dass Paul Bowles sein Exil in Tanger suchte und nicht anderswo, und damit der erste war, der eine ganze Reihe weiterer Schriftsteller und anderer Künstler anschleppte, denn sie sagte ihm: „Jeder geht nach Villefranche, wie langweilig, geh nach Tanger, das ist cool!“ Er tat wie ihm geraten, und Truman Capote, Jean Genet, Allen Ginsburgh, der zweite Sohn des Earl of Pembroke und William S. Borroughs folgten.

Goedels Idee ist es, alle diese Prominenten entweder persönlich zu Wort kommen zu lassen, oder Zeitzeugen zu deren ausschweifenden Leben und den dazugehörigen Partys zu befragen. Leider geben die meisten Interviewpartner nur uninteressante Plattitüden von sich, etwa David Herbert, ehemalige „Partyqueen“, heute ungefähr 90 Jahre alt: „Es gibt nichts besseres, als Leute zu amüsieren. Das ist mein Leben.“ Sultan, ein ehemaliger Schmuggler meint: „Es wurde alles geschmuggelt, jeder schmuggelte.“ Paul Bowles: „Es gab jede Nacht Partys.“ Der Autor Mohamed Choukri: „ Es war ein kleines Paradies.“ Die ehemalige Prostituierte Dona Anita fasst zusammen: „Ich wurde in Tanger geboren. Was soll ich sagen. Es war großartig. Das kann man nicht beschreiben.“ Nun denn. Warum eigentlich nicht? Einem gelang es jedenfalls, seine vielseitigen Eindrücke in einem einzigen Satz unterzubringen: „Schriftsteller werden, reich und berühmt sein, in Tanger oder Paris rumhängen und über Proust reden, während man bekifft eine zahme Gazelle streichelt oder einen glutäugigen Araberjungen!“

Doch leider wartet man vergebens auf espritreiche Äußerungen wie diese des amerikanischen Ausnahmeautors Borroughs. Wahrscheinlich glaubte Goedel selbst auch nicht ganz an die Tragkraft seiner Interviews, und schuf deshalb eine fiktive Rahmenhandlung mit drei Co-Autoren, die den Film vollends ruiniert. Filmstar Armin Mueller-Stahl spielt mehr schlecht als recht einen ehemaligen Geheimagenten, der in seiner Altersnostalgie an den Ort zurückkehrt, an dem er einst seine große Liebe  fand, aber beruflich gezwungen war, sie unwissend im Stich zu lassen. Im Tropenanzug (!) schlurft er durch die Gassen und sieht sich schmachtend im Hotelzimmer ihr Foto von einst an, während eine weibliche Off-Stimme ihre Liebesbriefe an ihn vorliest: „Chérie, ich kann nicht schlafen…Chérie, unser erster Tanz, erinnerst Du Dich… Chérie, ich liebe Dich.“ Jeder weitere Kommentar dazu erübrigt sich wohl.
Nana A.T. Rebhan
Tanger - Die Legende einer Stadt
Deutschland 1999
Regie: Peter Goedel
Darsteller: Armin Mueller-Stahl, Paul Bowles, Mohamed Choukri, Isabelle Gerofi

Erstellt: 14-01-05
Letzte Änderung: 18-01-05