Rezensionen zu "Sterbenskalt "
- Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau 22.12.2010
KrimiBestenliste Januar 2011
Die 1973 in den USA geborene Tana French ist gelernte Schauspielerin, sie wuchs außerdem in so unterschiedlichen Ländern wie Irland, Italien und Malawi auf, was eine erhebliche kulturelle Anpassungsleistung erfordern muss. Vielleicht ist es da nicht verwunderlich, dass Tana French so hervorragende Kriminalromane über Menschen schreibt, deren Beruf das Sich-Verstellen ist, das Schauspielern im wahren, harten Polizistenleben. Ihre Ermittler arbeiten undercover und sind verdammt gut darin. Und es beschert ihnen die Menge Adrenalin, die sie brauchen wie Luft zum Atmen.
In Tana Frenchs drittem Roman „Sterbenskalt“ heißt dieser Undercover-Cop Frank Mackey (im Buch zuvor war er der Chef am Rande des Geschehens, nun ist er zum Ich-Erzähler geworden). Sein größtes Talent ist das Manipulieren von Menschen; die Rückblicke auf seine Dubliner Kindheit und Jugend legen nahe, dass er damals bereits mehr als genug Gelegenheit zum Üben hatte. Frank hatte einen meistens arbeitslosen, saufenden, gewalttätigen Vater, eine hart und zornig gewordene Mutter, einen ebenfalls hart und zornig gewordenen älteren Bruder. Als der Roman beginnt, hat er sie und auch seine drei anderen Geschwister seit 22 Jahren nicht mehr gesehen, seit jener Nacht, in der er vergeblich auf Rosie wartete, die große Liebe, mit der er heimlich nach England wollte. Dann wird bei Bauarbeiten Rosies Koffer gefunden, inklusive der beiden Tickets für die Fähre. Frank Mackey kann sich nicht mehr vormachen, dass sie einfach ohne ihn nach London gegangen ist. Bald werden auch die Reste ihrer Leiche gefunden.
Die Geschichte vom Mord, der viele Jahre später aufgeklärt werden muss, ist ein beliebter, eigentlich ziemlich ausgelutschter Krimi-Topos. Doch beeindruckend ist, mit welcher Souveränität sich Tana French alle Zeit der Welt nimmt, ein plastisches Bild jenes Verlierer-Viertels entstehen zu lassen, das sie ironisch „Faithful Place“ nennt (so auch der Originaltitel des Romans). Wie sie außerdem jede Konfrontation, jeden Dialogsatz plausibel macht in diesem bösen Spiel, in dem der gewinnt (den Täter findet), der besser lügt. Frank Mackey ist ein ungewöhnlich unsympathischer Krimi-Held, aber es fasziniert, wie er – bei seiner Familie, die er nun zwangsläufig wiedersehen muss, bei seinen Kollegen vom Morddezernat – an den Fäden zieht.
Es sind die Zeiten hoher Risiken und erheblicher Ängste in einer Gesellschaft, die den Krimiautor inspirieren, so Tana French in einem Interview. Das war noch ehe der keltische Tiger als Bettvorleger endete. In „Sterbenskalt“ deutet sich das Platzen der Immobilienblase bereits an. Und gibt – so leid es einem für die Iren tut – Anlass zu den schönsten Hoffnungen, was Tana Frenchs nächsten Roman betrifft.
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Rezensionen zu "Grabesgrün"
- Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau August 2008
Spätestens auf Seite 121, als Detective Rob Ryan erzählt, dass ihn „wie aus dem Nichts“ eine Welle der Freude durchfährt, spätestens in diesem Augenblick wird man selbst von einer kleinen Freuden-Welle ergriffen: Weil dieser Kriminalroman so viel Platz findet für das normale Leben seiner Protagonisten (und damit eigentlich: für unser Leben). Weil er einen langen ruhigen Atem hat und trotzdem spannend ist. Weil er auf kein Schema F baut und auch nicht so tut, als gebe es immer einen schlauen, intuitiven Kopf, der weiß, wie man den Deckel wieder drauf macht auf das Böse – und es auf den letzten Seiten auch verlässlich tut.
Das Leben ist komplex im ersten Roman der Irin Tana French, und manchmal ist es furchtbar. Aber es hat eben auch diese „wie aus dem Nichts“ kommenden Momente der Erkenntnis und der Freude; letzteren begründet Frenchs Ich-Erzähler Rob Ryan (auf Seite 121) so: „Da war meine Partnerin, die sich auf den Händen abstützte, während sie geschmeidig vom Tisch glitt, da war die flotte, einstudierte Bewegung, mit der ich meinen Notizblock einhändig zuklappte, da war mein Superintendent, der sein Jackett überstreifte und unauffällig nach Schuppen absuchte, da war das grell beleuchtete Büro mit einem schiefen Aktenstapel in der Ecke“. Das Vertraute kann ja ein verdammtes Glück sein.
Tana French „wuchs in Irland, Italien und Malawi auf“, so der Klappentext, ist gelernte Schauspielerin und lebt in Dublin. Auch ihre Hompage verrät ihr Alter nicht (sie sieht wirklich jung aus), beinhaltet aber bereits eine lange Liste von Nominierungen für Krimi- und Erstlingsromanpreise sowie Länder, in die die Rechte verkauft wurden. „Into the Woods“ (dt. „Grabesgrün“) erschien im vergangenen Jahr im Original, zügig flutschte er auf die Bestseller-Listen, und im Leserforum der Times diskutierten Enthusiasmierte und am Ende ein wenig Enttäuschte (weil halt nicht alles aufgelöst wird), ob ein wichtiger Hinweis übersehen wurde und sie das Buch vielleicht nochmal lesen sollten.
Das wird nicht helfen (schaden aber auch nicht). Tana French versagt ihren Lesern die an Genre-Erwartungen geknüpften Gewissheiten. Auf den ersten Seiten schon gesteht Detective Ryan, dass er gern und gut lügt („das ist mein Job“). Außerdem kann er sich nicht erinnern an den Tag, als er – da war er zwölf – mit zwei Freunden in den Wald lief und Stunden später allein gefunden wurde, traumatisiert und mit Blut in den Schuhen. Die beiden anderen blieben verschwunden, bis heute. Wenn in Ryans Kopf jetzt Bilder auftauchen der Kindheitsspiele und -gefühle, dann ist er nie sicher, ob er diese Erinnerungen nicht – unbewusst – erfunden hat.
Die Dinge entgleiten ihm, seine Kollegin Cassie Maddox muss die Hauptlast der Ermittlung schultern. Mit ihr soll es im nächsten French-Krimi weitergehen, auf Englisch erscheint er schon im August. Und enthält womöglich den ein oder anderen wichtigen Hinweis.
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- Ingeborg Sperl/ Der Standard August 2008
Eine Debütantin schreibt einen originellen, 670 Seiten starken Krimi ohne Durchhänger. Das Kunststück ist der in Dublin lebenden Autorin Tana French gelungen. Sie entwickelt eine klassische Krimihandlung mit einem Mord am Beginn und den nachfolgenden Mühen der Aufklärung, aber sie löst nicht alles restlos auf, Geheimnisse bleiben - vor allem die des Ich-Erzählers und Ermittlers. Detective Rob Ryan leidet an einer Amnesie. Er weiß, dass seine zwei kleinen Freunde aus dem Wald, der ihr täglicher Abenteuerspielplatz war, nie mehr aufgetaucht sind. Rob wurde vor 20 Jahren ohne Erinnerung, aber unverletzt gefunden. Jetzt kehrt er als Erwachsener an den Schauplatz des Dramas zurück, denn auf dem Gelände, auf dem sich nun Archäologen tummeln, wurde ein Mädchen ermordet und auf einem archaischen Opferaltar abgelegt. Rob müsste sich für befangen erklären und sich aus den Ermittlungen zurückziehen. Aber er ist von dem Fall gefesselt und hofft, dass sich niemand an die alte, unaufgeklärte Geschichte erinnert.
French entwickelt komplizierte Charaktere, sie legt subtile Spuren, die scheinbar im Sand verlaufen. Das Unbehagen, das die Familie des ermordeten Mädchens auslöst, wird zum Leitthema, als herauskommt, dass der Vater der Toten als Jugendlicher ein Mädchen vergewaltigt hat. Indessen verschwindet der unheimliche Wald unter dem Angriff der Bulldozer; die Archäologen versuchen zu retten was zu retten ist, denn das Gelände wird demnächst unter dem Asphalt einer Straße begraben sein. Was wird noch alles verschwinden? Eine gute Story, ein eigener Stil - erfreulich: Fortsetzung in Aussicht!
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Rezension zu "Totengleich"
Mit dem aus England stammenden Autorenduo, das seine gänsehautträchtigen Thriller unter dem Pseudonym Nicci French veröffentlicht, hat die in den USA geborene und in Irland lebende Tana French sehr viel mehr gemein als bloß den Nachnamen. „Totengleich“, der gleichfalls bei Scherz erschienene Nachfolger ihres viel umjubelten Debüts „Grabesgrün“, ist wie die Krimi-Fiktionen ihrer Namensvetter voller fataler Volten, reich an Höchstspannung – und geadelt durch einen Plot, der individuelle Schuld in den Exzess sowie die Hauptfiguren beinahe in den Wahnsinn treibt. Unter der raffinierten wie perfiden Versuchsanordnung von French, die am Trinity College in Dublin eine Schauspielausbildung absolviert hat, muss diesmal die Polizistin Cassie Maddox leiden.
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- Hendrik Werner/Die Welt, August 2009
Als in einem abgewirtschafteten Cottage nahe Dublin der Leichnam einer jungen Frau gefunden wird, ist die junge Ermittlerin schockiert, weil die Tote ihr ähnelt. Und zwar so frappierend, dass sie kaum an einen Zufall oder eine ihr unbekannte Zwillingsschwester glauben mag. Cassie greift zu einem ungewöhnlichen Fahndungsmittel: Sie gibt ihr eigenes Leben auf – und schlüpft in die Identität der Toten. Zwischen spinnerten Freunden, mit denen die Ermordete in einem unheimlichen Herrenhaus gelebt hat, und argwöhnischen Dorfbewohnern entspinnt sich eine dichte Geschichte, in der zusehends fragwürdig wird, wer nun der Jäger ist und wer der Gejagte. Dabei ist das in der Schauerromantik bewährte Motiv des Doppelgängers nur einer von vielen Verstörungstricks der begnadeten Spannungserzählerin Tana French. Weiterer Bonus: Ein solches Preis-Seiten-Leistungsverhältnis findet man hierzulande äußerst selten.







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