Schriftgröße: + -
Home > Zitaten - Ballade > Neue Trennungslinien > Sontag, Susan (USA)

Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

Zitaten - Ballade

05/11/08

Susan Sontag (USA)

analysiert den Bruch zwischen den Vereinigten Staaten und Europa


Die Autorin Susan Sontag wurde 1933 in New York geboren und ist dort am 28. Dezember 2004 verstorben. Sie ist für ihre Essays über Kunst und Literatur, für ihre kritische Analyse des Okzidents und für ihre engagierten Stellungnahmen im Diskurs über zeitgenössische Ideen bekannt. Die Titel einiger ihrer Werke verraten etwas über ihre Interessensschwerpunkte: Über Fotographie (2000), Selected writings of Roland Barthes (1983), Reise nach Hanoi (1969) oder Krankheit als Metapher/Aids und seine Metaphern (2003).
Sie ist ohne Zweifel von allen amerikanischen Schriftstellerinnen die am meisten „europäische“.

„Es existiert schon immer ein latenter Antagonismus zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, der mindestens genauso komplex und ambivalent ist wie die Beziehung zwischen Eltern und Kind. […] Europa repräsentiert die Vergangenheit und Amerika wurde auf der Idee eines Bruchs mit der Vergangenheit aufgebaut, einer als beengend, hinfällig empfundenen Vergangenheit […], die grundsätzlich nicht demokratisch ist oder für die „elitär“ in unserer Zeit als gängiges Synonym gilt. Doch der Gegensatz zwischen dem „Alten“ und dem „Neuen“ ist authentisch, nicht reduzierbar, er stellt das Zentrum dessen dar, was wir als Erfahrung verstehen. […] Ohne das Alte können wir nichts tun, weil sich in dem, was gewesen ist, unsere Vergangenheit befindet, all unsere Weisheit, all unsere Erinnerungen, all unser Kummer, all unser Sinn für die Realität. Wir können nichts tun, wenn wir nicht an das Neue glauben, weil im Neuen all unsere Kräfte liegen, all unsere Fähigkeit optimistisch zu sein, all unsere blinden biologischen Verlangen, all unsere Fähigkeit zu vergessen – diese Fähigkeit der Heilung, ohne die keinerlei  Versöhnung möglich ist. […]

Man sagt uns, wir müssen uns entscheiden: das Alte oder das Neue. Tatsächlich müssen wir uns für beides entscheiden. Was ist das Leben, wenn nicht ein fortwährender Austausch zwischen Alt und Neu?“
Auszug aus einer Rede, die sie anlässlich ihrer Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2003 gehalten hat.

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 05-11-08