KurzSchluss
"KurzSchluss - Das Magazin" zeigt die neuesten Kurzfilme aus aller Welt - und wirft einen Blick hinter die Kulissen: mit Porträts, Drehberichten, aktuellen Festival- und Filmtipps und vielen spannenden Interviews.
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Überwachung und Kurzfilm - was hat das miteinander zu tun? Die New Yorker Gruppe "Surveillance Camera Players" agiert vor den Kameras, die den öffentlichen Raum und zumehmend die Privatsphäre kontrollieren in ein- bis zwei-minütigen Aktionen. Ihre kurzen Filmarbeiten haben mittlerweile sogar den Weg zu Filmfestivals und ins Museum gefunden.

Sehen und gesehen werden
Die Surveillance Camera Players weisen auf die schleichende Erosion der Privatsphäre in der Öffentlichkeit hin.
Von Friedrich Tietjen.

Times Square, New York: Kinos und Fast Food, Elektronik und Musik, Leuchtreklamen in Hauswandgröße und Fernsehstudios, Autos und dazwischen Einwohner und Touristen auf der Suche nach Arbeit und Attraktionen: Wenn kapitalistische Kulturindustrie irgendwo in ihrer Essenz sichtbar wird, dann hier. Und so ist es kaum überraschend, wenn die Öffentlichkeit am Times Square nicht bloß Subjekt, sondern auch Objekt des Konsums wird.

Kontrollraum Öffentlichkeit
Neben neuesten Errungenschaften der Unterhaltungselektronik werden hier auch die der Überwachungstechnik ausprobiert. 156 Kameras haben die Surveillance Camera Players (SCP) hier im vergangenen November gezählt, und mittlerweile sind wieder ein paar dazu gekommen.

Führungen
Die Theatergruppe veranstaltet in diesem Winter Führungen am Times Square, um auf die schleichende Erosion der Privatsphäre in der Öffentlichkeit hinzuweisen. Wie Pilze nach einem warmen Regen verbreiten sich die Überwachungskameras hier, weil sie ohne Erlaubnis installiert werden können und kein Betreiber Rechenschaft über die Verwendung der Aufnahmen ablegen muss.

Theater für die Überwacher
Die SCP gehen weder mit Gewalt gegen die Kameras vor noch mit den tradierten Mitteln der amerikanischen Bürgerrechtsgruppen wie Klagen, Petitionen und Demonstrationen. Sie benutzen statt dessen den Gehsteig als Bühne. Ihre Stücke schreiben sie selbst, oder sie adaptieren Texte von Jarry und Poe. Ihr Publikum sind die zufälligen Passanten - und vor allem die anonymen Betrachter an den Kontrollmonitoren.
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Mit ironischem Mitleid schreiben die SCP: "Die Überwacher haben nur dann einmal Spaß an der Arbeit, wenn etwas Illegales passiert. Aber weil die Kriminalitätsrate unten ist und die U-Bahnen so sicher wie vor 30 Jahren sind, gibt es für sie immer weniger zu sehen. Und so haben wir also eine Gelegenheit und ein Problem. Die Gelegenheit ist, den Überwachern etwas anderes zum Sehen zu geben als Sex und Gewalt. Und das Problem ist, dass ein gelangweilter Überwacher ein unaufmerksamer Überwacher ist. Und ein unaufmerksamer Überwacher ist ein Vergeudung von Raum, Zeit und Geld."
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Kameras und Kontrolle
Für gefährlich halten die SCP an den Überwachungskameras, dass sie kaum je ihrem vorgeblichen Zweck gerecht werden. Ihrer Ansicht nach dienen sie weniger der Verbrechensbekämpfung und sind eher als Instrumente sozialer Kontrolle.
Bill Brown von den SCP erklärt: "Ob es an einem Ort Kameras gibt oder nicht ist meist irrelevant, solange die Leute denken, es wären welche da. Eine Kamera kann auch eine Attrappe sein, und trotzdem ändern die Leute ihr Verhalten, weil sie meinen, sie würden gefilmt.
Mit anderen Worten: Hier wird offenbar kein System eingerichtet, mit dem Verhalten kontrolliert werden soll, sondern eines zur Kontrolle des Bewusstseins. In George Orwells 1984 waren Verbrechen unmöglich, weil schon der Gedanke daran verboten war - und das scheint die Modellvorlage zu sein.
Heute gibt es Gesetze, die kriminelles Verhalten unter Strafe stellen, aber zum Glück gibt es noch keine Gesetze gegen Gedanken und Absichten. Aber Überwachungskameras verschieben eben diese Grenze - nicht mehr ein bestimmtes Handeln wird illegalisiert, sondern auch ein bestimmtes Denken."
Medienkritik und Überwachung
Ihre theatralische Intention definieren die SCP als Umprogrammierung der Überwachungskameras. Die ungeteilte Aufmerksamkeit und die professionelle Skepsis der Beobachter ist ihnen Anreiz genug, konkrete und praktische Medienkritik zu betreiben. Und sie versuchen methodisch, durch produktiven Missbrauch die Kameras als Sender einzusetzen.
Subversion
Bill Brown: »Wir versuchen, das ganze System zu unterwandern und zu benutzen, um eine Nachricht zu verbreiten, die dem System widerspricht. Eine Überwachungskamera strahlt das Signal aus: Benimm dich anständig! Und wir benutzen die Kameras, um uns nicht anständig zu benehmen.«
Erstellt: 05-05-04
Letzte Änderung: 10-12-02