China/Frankreich, 2006, 140’
Synopsis: 1989 – das Jahr der Studentenunruhen in China. Die junge, schöne Yu Hong (Hao Lei) ist zum Studieren aus der Provinz nach Peking gekommen. Dort überwindet sie ihren Liebeskummer und lernt den Studenten Zhou Wei (Guo Xiaodong) kennen. Mit ihm stürzt sie sich in ein sexuelles und emotionales Abenteuer, das bald ebenso waghalsige Dimensionen annimmt, wie die übermütigen Rufe der Studenten nach Freiheit und Demokratie.Kritik: Chinesische Studenten, junge Männer und Frauen eng aneinandergedrückt, die übermütig zum 80er-Jahre-Toni-Basil-Schlager „Hey Mickey“ herumhüpfen, trunken vor Glück und Erregung über ihre plötzliche Freiheit; leidenschaftliche körperliche Vereinigungen in klaustrophobisch engen Studentenzimmern; unbekümmerte Sit-Ins in Universitätsfluren. Was für uns nach der 68er-Revolte sexuell aufgeklärte und politisch abgeklärte Europäer heute als Selbstverständlichkeit belächelt wird, gilt bis heute in China als Skandal. Für das Massaker am Tian-An-Men-Platz fand die politische Führung in Peking erst vor kurzem erstmals entschuldigende Worte, eine Milliarde Chinesen wartet bis heute vergebens auf Meinungs- und Pressefreiheit.
Für den Regisseur Lou Ye („Shouzou River“/“Purple Buttlerfly“), 1989 selbst als Filmstudent Teil der studentischen Bewegung in Peking, war und ist die Revolte zuerst eine Private. Sie beginnt als ‚Amour Fou’ zwischen dem Frauenhelden Zhou Wie und Yu Hong, dem Mädchen vom Land. Als Studentin kommt sie aus einer kleinen nordkoreanischen Industriestadt in die Hauptstadt und lässt dort ihren Freund zurück, der sie kurz vor ihrer Abfahrt noch entjungfert. Doch in den irrwitzig beengten Verhältnissen, in denen Chinas Elite, noch streng getrennt zwischen Männlein und Weiblein, studiert, fällt es schwer, die Fassade des dem Verlobten hinterher trauernden Mädchens aufrecht zu erhalten.Der eigentliche Skandal des Jahres 1989, zeigt Lu Ye, ist sexueller Natur. Ohne Rücksicht auf die eigene Reputation stürzt sich diese Yu Hong in ein Abenteuer, in eine große Liebe, die sie mitreißen wird und eine Rückkehr in das alte Leben, in tradierte Rollenspiele unmöglich macht. Lu Ye filmt aus nächster Nähe, mit einer Handkamera, die den Liebenden für chinesische Verhältnisse skandalös nahe kommt – galt doch ein Leinwandkuss noch vor 15 Jahren als anstößig. Kein Voyeurismus verbirgt sich dahinter, sondern der Versuch eines persönlich Betroffenen, die Erinnerung an in langen Jahren des Exils verschüttete Emotionen wieder freizulegen, Fragen nach der Überlebensfähigkeit dieses Ausnahmezustands zu stellen. In seinen besten Momenten gelingt Lou Ye das Unterfangen, mit seinen nervös geschnittenen Collagen studentischen Alltags diesen Ausnahmezustand nacherlebbar zu machen.
Anstatt seinen Film mit dem Massaker am Tian-An-Men-Platz enden zu lassen, folgt er seinen beiden Protagonisten auf ihre sich an die Trennung anschließende Odyssee. Yo Hong verschlägt es in mehreren Etappen immer weiter in den etwas liberaleren, aber keineswegs freien chinesischen Süden, während Zhou wie im wiedervereinigten Berlin strandet. Hier scheitert der Regisseur bei seinem umständlich erzählten Versuch, die der Revolution folgende Leere und Orientierungslosigkeit der Protagonisten greifbar zu machen. Dass die bedingungslose Liebe schwer heilbare Wunden reißt, möglicherweise eine Illusion ist, die nur unter den Bedingungen eines Ausnahmezustandes real erscheint, ist ein Übel, für das Chinas Führung jedenfalls moralisch nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann.Martin Rosefeldt






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