Kritik: Eigentlich findet Fernando Pérez es fast ein wenig unheimlich, wenn er bedenkt was sein Dokumentarfilm so alles angerichtet hat. Auf dem Filmfest in Havanna hat er massenhaft Preise eingeheimst: für den besten Regisseur, die beste Musik, den besten Ton, den Preis der internationalen Filmkritik, den Preis der kubanischen Filmkritik und den Martin Luther King Memorial Prize. Und das obwohl Dokumentarfilme eigentlich in der Kategorie Spielfilm gar nicht teilnehmen können, aber – die Jury hat ein Auge zugedrückt. Verständlich bei einem solchen Meisterwerk. Aber damit nicht genug. Der Film wühlte das Publikum emotional so sehr auf, daß sich Fernando Pérez irgendwann zurückziehen musste, weil er mit einer solch starken öffentlichen Wirkung nicht mehr umgehen konnte: „Es waren nicht nur die weinenden Menschen nach diesen Vorführungen, sondern mehr noch die Tatsache, dass mich auf der Straße Menschen ansprachen, mich umarmten und mir sagten, der Film habe sie über ihr ganzes bisheriges Leben und über den Zustand ihrer Heimatstadt nachdenken lassen.“ Doch Pérez sieht sich gar nicht als Sozialkritiker, sondern vielmehr als Cineasten. In der Tradition von Walter Ruttmanns SINFONIE EINER GROßSTADT porträtiert er 24 Stunden in Havanna. Er fängt die Geräusche der Metropole ein und verdichtet sie zu einer ganz eigenen Sinfonie. Er folgt zwar einem Dutzend Personen bis in deren Wohnungen, aber er führt keine Interviews mit ihnen, er beobachtet sie nur. Nach und nach lernt der Zuschauer so den Tagesablauf einiger Menschen kennen, die sonst so gut wie nie im Mittelpunkt filmischer Betrachtungen stehen: Da gibt es etwa einen Beamten des Gesundheitssystems, der nachts als Transvestit durch Clubs zieht, einen Architekten, der wegen dem Down-Syndrom seines Sohnes seine Arbeit gekündigt hat, um ganz für ihn da zu sein und eine alte Frau, die Nüsse auf der Strasse verkauft.
Pérez vermeidet die vielen gängigen Klischees Kubas und besonders Havannas, die in all den dort gedrehten Musikfilmen so zahlreich vorhanden sind. Hier tüncht nicht der ansonsten bisweilen penetrante musikalische Frohsinn den Charme der heruntergekommenen Häuser und der alten amerikanischen Strassenkreuzer. Die Langsamkeit des Filmes vermittelt bisweilen ein fast surreales Gefühl. Die Kubaner, die sonst so gerne reden, schweigen, und auch das ist einmal ganz schön. Nur die Wellen am „Malecón“, der berühmten Uferpromenade, die lassen sich nichts vormachen, sie schlagen wütend und brausend gegen die Mauer. Ganz am Ende des Films verrät uns Pérez im Abspann die Träume seiner Protagonisten. Da ist der alte Schuster, der abends gerne tanzen geht und davon träumt, jeden Tag einen anderen Anzug zu tragen, und Ernesto, der ein großer Tänzer werden, aber erst einmal das Haus seiner Mutter reparieren will. Nur die alte Frau die die Nüsse verkauft, die hat keine Träume mehr, und das macht uns – ehrlich gesagt – sehr traurig.
Nana A.T. Rebhan
Suite Havanna
Kuba 2003, 80 Min.
Buch und Regie: Fernando Pérez
Mit Francisquito, Ivan, Norma, Juan Carlos, Ernesto, Raquel, Heriberto, Amanda, Julio, Waldo, Francisco, Jorge Luis






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

