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Porträt - 24/03/06

Sudabeh Mohafez: Vor Allâhs Thron

Leseprobe und Bericht von der Leipziger Buchmesse

Auszug aus der Erzählung "Vor Allâhs Thron" in dem Erzählband "Wüstenhimmel, Sternenland":

Sudabeh Mohafez… Um Viertel vor fünf hat sie es bis zum großen Südkreuz geschafft, wo auf einem riesigen Platz der Morgenverkehr gerade zu stoßen, toben und dröhnen beginnt. Nâhid geht durch die Trauben von Menschen, die sich um die kleinen orangefarbenen Taxis sammeln und darüber verhandeln, welcher Wagen zu welchem Preis mit wie vielen Fahrgästen in welche Richtung fahren wird. Sie schiebt sich vor bis zu Madschids zwei kleinen, tragbaren Petroleumöfen, die um diese Zeit immer schon dampfenden Tee und gekochte Maiskolben für die Passanten bereithalten. Madschid sieht sie kommen und lächelt sein breites, zahnloses Lächeln. Als sie vor ihm steht, sagt er leise:

»Nâhid, Nâhidschun, du faltige Zierde des Morgens, was tätest du nur, wenn wir damals, als du noch die sanften Augen eines Rehs hattest und ich noch die Stärke eines mächtigen Hirsches, was tätest du nur heute, wenn wir nicht damals all diese verbotenen Spiele getrieben hätten? Was täte dein hungriger Magen, wenn ich dich nicht immer noch liebte, obwohl du alt und häßlich geworden bist. Was tätest du nur, wenn ich nicht immer noch fühlte, wie meine Stärke sich aufrichtet bei deinem Anblick, weil er mich erinnert an eine Zeit, als die Welt noch vor uns lag. Was tätest du nur, meine Tulpe, mein Blüte von Jasmin?« Dann bricht er in lautes Gelächter aus und füllt ein Glas Tee für Nâhid. Die sieht ihn an, schmunzelt, schweigt, trinkt einen Schluck und sieht zu, wie Madschid ihr einen Kolben Mais aus dem Salzwasser fischt.

»Was ich täte, du Hurensohn? Was ich täte? Ich würde einfach zu Rostam gehen oder zu Rezâ, vielleicht auch zu Huschang, wer weiß. Denkst du, du bist der einzige Hirsch, der heute mit abgestoßenem Geweih am Straßenrand gammligen Mais verkauft? Denkst du, du warst der einzige Hirsch, der meine Milch trinken durfte? Dummkopf, du kennst die Welt noch immer nicht.
Sie hockt sich neben ihn auf den Gehsteig und nimmt mit einem Nicken das Stück Pappe mit dem Mais entgegen, das Madschid ihr reicht.
»Wie geht’s Mahmud? Ist sein Bein abgeheilt?« fragt er, immer noch lächelnd, und sieht auf die Steinplatten zwischen seinen mageren Knien.
»Wie soll’s ihm gehen? Er hat Schmerzen. Er ist träge geworden, trinkt zuviel. Das schafft er immer noch, Fusel auftreiben oder Tarjâk. Nur Arbeit schafft er keine heran. Aber sein Bein heilt langsam ab, Chodâ-râ schokr. Und du? Was ist mit dem Loch in eurem Dach? Hast du es endlich geflickt?«

Madschid sieht sie schräg von der Seite an. »Was du dir alles merkst. Das Loch im Dach. Ja, es ist geflickt. Aber ich war’s nicht. Tâhere und Afssâneh haben es in Ordnung gebracht.«
Nâhid schaut belustigt zu ihm hin.
»Sie waren wütend auf mich, weil ich mich so lange nicht darum gekümmert habe. Es regnet noch nicht, und bis der Schnee kommt, dauert es noch Wochen. Wen stört da, bitte schön, ein Loch im Dach? Ich versteh die Weiber nicht. Sie sind einfach zu euch runter in den Dreck gefahren und haben so lange rumgesucht, bis sie Zeug aufgetrieben haben. Möchte nicht wissen, was sie dafür tun mußten. Habe auch nicht danach gefragt, da kannst du aber sicher sein.«

Madschid spuckt halb seitwärts, halb rückwärts zwischen die Füße von Leuten, die hinter ihnen entlanghasten.
»Schande haben sie über mich gebracht. Zwei Frauen, die auf dem wackligen Dach unserer Hütte rumturnen und das Loch da flicken. Alle haben mich ausgelacht. Ich schwöre dir, ich laß nie wieder ein Loch ohne Aufsicht zurück.«

Nâhid stemmt sich mit den Händen auf den Knien ab und drückt sich ächzend hoch. »Du bist dumm, Madschid«, sagt sie lächelnd, »das warst du schon immer. Nur Allâh weiß, warum er dich so geschaffen hat. Möge er dir noch ein langes Leben schenken und deiner Familie große Geduld.«
»Ja«, grinst Madschid sie von unten her an, während er ihr leeres Teeglas in eine Schüssel mit grauem Wasser neben sich tunkt, »ja, möge er mir ein langes Leben schenken, damit du vor der Arbeit immer einen guten Tee in den Bauch bekommst. Ja, ja. Das wünsch ich dir auch!«

Nâhid lacht und geht hinüber zum Gewühle bei den Taxis, da hört sie ihn hinter sich herrufen: »Sag mal, wo fährst du eigentlich hin? Ich denk, die Deutsche hat dir gekündigt?«
»Hat sie, ja. Das hat sie getan. Ich muß noch mal zu ihr, muß da noch was erledigen«, gibt Nâhid zurück und winkt und weiß, daß Madschid ihre Worte wahrscheinlich nicht mehr gehört hat.

(Bild: Markus Kirchgessner)

© Sudabeh Mohafez




  • Schreiben in der Sprache des anderen
    Sudabeh Mohafez am ARTE Stand auf der Leipziger Buchmesse 2006
    Die Förderpreisträgerin des Chamisso-Preises 2006 im Gespräch mit Tilman Krause (Die Welt)

Sudabeh Mohafez am 17. März 2006 auf der Leipziger BuchmesseSudabeh Mohafez, Tochter einer deutschen Mutter und eines persischen Vaters, sah sich als 16jährige sehr plötzlich aus ihrer Heimatstadt Teheran nach Berlin verpflanzt. Innerhalb von 4 Tagen veränderte sich ihr Leben schlagartig: Wegen der iranischen Revolution 1979 floh die Familie Hals über Kopf nach Deutschland, zum gleichen Zeitpunkt trennten sich die Eltern. Zu Hause gab es wenig Aussprache über die dramatischen Ereignisse, kein Innehalten, das Leben musste weitergehen. Ein tiefer Einschnitt, wenn man selbst gerade mit 16 mitten in der Identitätsfindung ist und Orientierung sucht. Sudabeh Mohafez tröstete sich mit einem täglichen „Denktagebuch“. Das Einzige, was ihr den Einstieg erleichterte, war die Kenntnis der deutschen Sprache, die später wie selbstverständlich auch zu ihrer Schriftsprache wurde.

In der literarischen Kritik wird immer wieder darauf hingewiesen, dass in ihren Büchern der Orient auf den Okzident trifft – inhaltlich wie sprachlich. In Anlehnung an die persische Literaturtradition erzähle sie weniger linear als vielmehr verschachtelt, verwende farbige Bilder. „Die Farben, die ich sehe, und die Dinge, die ich rieche, haben mit meinem Hintergrund zu tun“, erklärt Sudabeh Mohafez. Der Schriftstellerin wurde erst durch diese Rezeption bewusst, wie sehr sie in ihrem deutschen Schreiben durch ihre Heimat geprägt ist, obwohl sie wenig persische Literatur liest. Sie erklärt sich das auch mit der starken oralen Tradition im Iran und erinnert sich an folgende Kindheitsszenen: Wenn Subadeh oder ihre 3 Brüder sich auf ein gefährliches Abenteuer eingelassen hatten, dann schimpfte der Vater nicht, sondern nahm die Kinder auf den Schoß und erzählte ihnen - passend zur Situation – ein Märchen, das er sich gelegentlich auch selbst ausdachte, oder zitierte ein Gedicht in klassischem Persisch und interpretierte es für die Kinder. Und ihr Vater war kein Einzelfall.

Dr. Tilman Krause (Die Welt) im Gespräch mit der Förderpreisträgerin Sudabeh Mohafez am 17. März 2006 auf der Leipziger BuchmesseExemplarisch für ihr Schreiben ist die Geschichte „Vor Allâh`s Thron“, die im Teheran der 70er Jahre spielt, kurz vor dem Sturz des Schahs. Die Autorin hat besonders die Frauen in den Mittelpunkt ihrer Erzählung gestellt: Nâhid, eine Putzfrau aus sehr ärmlichen Verhältnissen, die bei einer deutschen Familie arbeitet, und ihre politisch engagierte Tochter Mariam. Nâhid entwickelt ein sehr herzliches Verhältnis zu Peter, den sechsjährigen Sohn ihrer Arbeitgeber. „Vor Allâh`s Thron“ ist auch eine Missbrauchsgeschichte – Nâhid entführt den Jungen vor seinem Vater in ihre archaische Teheraner Welt. Hier schlagen sich auch die mehrjährigen Erfahrungen von Sudabeh Mohafez als Geschäftsführerin eines autonomen Frauenhauses in Berlin nieder.


von Angelika Schindler


Erstellt: 13-03-06
Letzte Änderung: 24-03-06