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Premiere der restaurierten Filmfassung - 25/04/13

Stummfilm live: Mutter Krausen’s Fahrt ins Glück

Am 15.04.2012 feierte die restaurierte Filmfassung Premiere auf der Volksbühne Berlin/ Filmbühne mit neuer Musik.


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Der Film


Der 1929 im Berliner Wedding gedrehte Spielfilm ist ein Klassiker des Proletarischen Films, produziert von 'Prometheus-Film'. MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK erzählt die Geschichte von Mutter Krause. Sie lebt mit ihren erwachsenen Kindern Erna und dem arbeitslosen Paul im Wedding und verdient ihr Geld als Zeitungsausträgerin. Das einzige Zimmer wurde an einen Schlafburschen und seine Freundin vermietet, die für ihn anschaffen geht.

Als Paul das Zeitungsgeld der Mutter versäuft und durch einen Einbruch zu beschaffen versucht, bricht die mühsam aufrechterhaltene Ordnung zusammen. Mutter Krause öffnet angesichts ihrer verzweifelten Lage den Gashahn, nur Erna und ihr neuer Freund Max finden ein Weg: sie schließen sich den Kommunisten an, die durch Berlin ziehen.

Der Film im Stil des damaligen sowjetrussischen Kinos ist inspiriert von Zeichnungen und Erzählungen von Heinrich Zille, der im Sommer 1929 gestorben war. Bei den Dreharbeiten stand Käthe Kollwitz als Beraterin dem Regisseur Phil Jutzi zur Seite, der mit diesem Film den Vorläufer zu KUHLE WAMPE geschaffen hat. Nun ist Phil Jutzis Film auf der Grundlage des in der Deutschen Kinemathek überlieferten Drehsbuchs vom Filmmuseum München restauriert worden und liegt in einer brillanten HD-Fassung vor.

Zur Produktionsgeschichte


Otto Nagel in: Die Welt am Abend. 30. Dez. 1929
Mit der Kamera am Wedding - Zur heutigen Uraufführung von Mutter Krausens Fahrt ins Glück

Der neue Zille-Film der ‚Prometheus’ wird heute unter dem Protektorat von Käthe Kollwitz und Hans Baluschek in den Alhambra-Lichtspielen (am Kurfürstendamm, Ecke Wilmersdorfer Straße) uraufgeführt. Zum erstenmal hat hier eine Gruppe proletarischer Filmleute die Möglichkeit gehabt, einen Film zu drehen. Es ist selbstverständlich, daß [in] diesem Film, falls er dem verstorbenen Heinrich Zille gerecht werden sollte, sein Milljöh, seine Typen unverfälscht dargestellt werden mußten.

In den proletarischen Elendsbezirken, vor allem am Wedding, fand Zille seine Motive, hier leben die Menschen, die er in seinen Bildern dargestellt hat. Was lag also näher, als dorthin zu gehen und in den Wohnungen, Kneipen, auf den Höfen, Rummelplätzen, Straßen, Lumpenstampen die Aufnahmen zu machen und die originalen Zille-Menschen mitspielen zu lassen. Dies ist schwieriger, als es dem Nichtfachmann erscheint. Die Räume sind eng und geben oftmals kaum Platz, um Apparate und die für Aufnahmen notwendigen Scheinwerfer unterzubringen. Im Atelier nimmt man einfach ganze Wände heraus, um dem Kameramann die Möglichkeit zu geben, mit seiner Kamera beweglich zu sein. Bei den Aufnahmen in den engenRäumen am Wedding gab es für den Kameramann harte Arbeit.

Manche Aufnahme, die jetzt im fertigen Film nur sekundenlang als Bild erscheint, hat tagelange, mühevolle Arbeit gekostet. Besondere Geduld und Ausdauer erforderten die Aufnahmen der mitwirkenden Typen. Alle diese Menschen, die ihr Leben lang noch niemals vor der Kamera gestanden hatten, waren wie umgewandelt, wenn sie sich vor dem Apparat bewegten. Sofort verloren sie ihre Natürlichikeit, auf die wir es ja abgesehen hatten. Sie fingen an zu spielen, mit den Händen zu reden - und es dauerte manchmal Stunden, bis sie wieder sie selbst waren. Aber es gab auch Typen, die vom ersten Augenblick an, fast ohne Probe, sich vollständig frei und ungekünstelt bewegten. Sie wurden denn auch mit kleinen Episoden-Rollen bedacht.

Aber auch dabei ging es manchmal schief. So hatten wir einen Mann aus einer Pennerkneipe, der auf den schönen Namen »Neese« hörte, bei einer ganzen Reihe Aufnahmen mitwirken lassen. Eines Tages kam »Neese« nicht zur Aufnahme - er war »hochgegangen«. Wir mußten also ohne »Neese« fertig werden. In einer Asylistenkneipe wurden Aufnahmen gemacht, und wir hatten uns noch aus einer anderen Kneipe einige interessante Typen mitgebracht. Aber wir hatten nicht mit dem Lokalpatriotismus gerechnet. Als wir einige von den mitgebrachten Leuten an einen Tisch mit den Stammgästen setzen wollten, erklarten diese: »Nich mit die Ratten an eenen Tisch.« Bei einer Aufnahme mußte viel getrunken werden. Jedesmal, wenn wir drehen wollten, war das Bierglas, das voll sein mußte, von dem »Darsteller« leergetrunken. Als wir noch lange nicht fertig waren, lag unser Mann schon unter dem Tisch. Wir mußten erst ein paar Stundcn warten, bis er wieder nüchtern und »aufnahmefähig« war.

Viel leichter waren die Aufnahmen, die wir mit (oftmals tausenden) Arbeitern machten. Eine Demonstration wurde gedreht. Rote Farbe kommt im Film schwarz. Um den Ton des Rot richtig zu erhalten, wäre es gut gewesen, grüne Fahnen zu nehmen. Unsere Demonstranten - echte Weddinger Proleten - lehnten ab, unter grünen Fahnen zu marschieren. Wir mußten uns schon bequemen, eine andere Lösung zu finden.

Nur die notwendigsten Aufnahmen wurden im Atelier gemacht. Aber auch hier nur unter Verwendung von Originaltypen. So wurden einmal für Nachtaufnahmen zu einem Gartenfest mehr als dreihundert Menschen - Männer, Frauen und Kinder – nach Johannisthal gebracht. Was Milieuechtheit anbelangt, so wird dieser Film alles bisher in Deutschland Gedrehte übertreffen. Ob der Film sonst den an einen proletarischen Film zu stellenden Anforderungen entspricht, muß die Uraufführung beweisen.


Zur Restaurierung des Films


Mutter Krausen’s Fahrt ins Glück ist landläufig in der Fassung zu sehen, die Otto Nagel 1957 für das Staatliche Filmarchiv der DDR herstellte; Otto Nagel war als Berliner Maler und Freund von Heinrich Zille selbst an der Entstehung des Films beteiligt und gehörte neben Käthe Kollwitz und Hans Baluschek zum künstlerischen Beirat der Filmproduktion. Seine Fassung von 1957 beruht auf einem dänischen Nitromaterial (dem einzigen, das Nagel damals zur Verfügung stand) mit Springtiteln, die Nagel rückübersetzt und bearbeitet hat. Die dabei entstandene Fassung mit ca 120 Zwischentiteln ist 2.846m lang, die Differenz zur Premierenfassung, die so auch die Zensur passierte, beträgt 451 m (ca 20’ bei 20 fps).

Offenbar war der Film kurz nach seiner Premiere gekürzt und verändert worden, diese Passagen fehlen jedoch in dem dänischen Nitro-Material wie in der historischen Vorführkopie des Münchner Filmmuseums. Beide Materialien waren Hauptquelle der nun vorliegenden Rekonstruktion, wie auch das Drehbuch, das in der Deutschen Kinemathek überliefert ist. Mit Hilfe des Drehbuchs konnten die fehlenden Passagen durch Erklärtitel ergänzt und der originale Wortlaut der insgesamt 165 Zwischentitel weitgehend wiederhergestellt werden. Das Konzept der Rekonstruktion stammt vom Leiter des Münchner Filmmuseums, Stefan Drössler, der auch die technische Durchführung und HD-Restaurierung betreute.


Zur neuen Musik


Die neue Filmmusik zur restaurierten Kopie des Filmmuseums München schrieb Michael Gross, lange Jahre Solo-Trompeter beim ensemble modern und Klangforum Wien. Für dieses Projekt reaktiviert er sein legendäres MutterOrchester, das anlässlich von Claus Peymanns Inszenierung der MUTTER von Brecht/ Eisler entstand.

Michael Gross’ Filmmusik baut auf einem starken Bläser- und Percussionssatz auf und spannt den großen Bogen zwischen dem Berlin der Stummfilmjahre und der heutigen Clubmusik; Bar-Jazz und Rock sind genauso zu finden wie ‚Echtzeitmusik’ und durchkomponierte Avantgardemusik. In diesem Mix unter-schiedlicher Genres entfaltet der Film eine außerordentliche Präsenz und es wird erlebbar, wie avanciert die Produktionen der 'Prometheus-Film' waren.


Biographie Phil Jutzi (Regie)


Phil(ipp, Piel) Jutzi (*22.07.1896 in Altleiningen/Pfalz – 01.05.1946 in Weinstadt/Weinstraße).

Nach einer Ausbildung als Plakat- und Landschaftsmaler ab 1919 Tätigkeit als Kameramann und Regisseur für die Chateau Film-Werk GmbH tätig, Jutzis Filmkarriere beginnt mit Detektiv- und Wildwestfilmen. Ab 1925 Kameramann, später auch Regisseur, für die beiden führenden linken Filmgesellschaften, ‚Weltfilm’ und ‚Prometheus-Film GmbH’: Einrichtung importierter sowjetischer Filme für den deutschen Verleih, wie Panzerkreuzer Potemkin (R: Sergej Eisenstein); Kamera-Arbeit bei Spielfilmen wie Salamandra / Die Falschmünzer (R: Grigori Roschal) Der lebende Leichnam, (R: Fjodor Ozep) und Dokumentarfilmen wie Ums tägliche Brot (D 1929), Erster Mai – Weltfeier der Arbeiterklase (D 1929), 100.000 unter Roten Fahnen (D 1930); Regie bei Mutter Krausen’s Fahrt ins Glück.

Jutzis frühere Werke sind wahrscheinlich verloren gegangen. Politisch sympathisiert er mit der KPD und wird 1928 Mitglied dieser Partei. Ende der 1920er Jahre erfolgt ein beruflicher und politischer Einbruch, Projekte scheitern - wie der geplante Film Aufstand der Fischer mit Asta Nielsen. Jutzi tritt Ende 1929 aus der KPD aus; ab März 1933 wird er Mitglied der NSDAP und tritt in die Reichsfachschaft Film ein.

Ab 1933 dreht Jutzi Kurzkomödien und Kriminalgeschichten für Euphono-Film und die österreichische Atlantis Film GmbH wie Frau Eva wird mondaen (1934) oder Die Sache mit dem Hermelin (1939). Anfang der 40er ist er als Kameramann bei der Reichspost-Fernseh-Gesellschaft tätig, dreht drei Spielfilme und von 1943-1945 populärwissenschaftliche Kulturfilme. Sein Lebensende ist überschattet von großen finanziellen und gesundheitlichen Problemen. Am 1. Mai 1946 stirbt Jutzi mit nur 50 Jahren in seiner pfälzischen Heimat.


Biographie Michael Gross (Musik)


Michael Gross begann als Trompeter in Gruppen klassischer experimenteller Musik wie dem ensemble modern und dem Klangforum Wien, die ihn zur Zusammenarbeit mit den größten Komponisten führten wie auch zu Crossover-Projekten mit Künstlern wie Frank Zappa. Seit 1996 arbeitet er als Komponist und Bandleader, schrieb Kammermusik, Hörspiele, viel Theatermusik und eine Oper.
Als Trompeter ist er auf mehr als 50 CDs zu hören, sowohl mit klassischen Aufnahmen als auch in Jazz- und Rockprojekten. Er ist in ganz Europa aufgetreten, in Nordamerika, Mexiko, Japan und dem Nahen Osten.

Ab 2007 hat er in Armenien mit dem KOHAR Orchester als Masterclass Director gearbeitet. Mit KOHARAPAYL entwickelte er einen europäisch-armenischen Jazz-Crossover, in dem er traditionelle armenische Folkmusik mit westlichen Jazz- und Rockelementen verbindet.

Offizielle Website: www.herrgross.de


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Mutter Krausen’s Fahrt ins Glück
(D 1929), Länge: 133’, sw
Premiere der restaurierten Filmfassung mit neuer Musik

Regie: Phil (Piel) Jutzi
Drehbuch: Willy Döll, Jan Fethke / nach einer Vorlage von Heinrich Zille
Kamera: Phil Jutzi
Bauten: Robert Scharfenberg, Karl Haaker
Produktion: Prometheus-Film, Berlin

Uraufführung: 29.12.1929, Alhambra Kino, Berlin
Länge: 3.297 m (144 min bei 20 fps)

mit Alexandra Schmitt, (Mutter Krause), Holmes Zimmermann (ihr Sohn), Ilse Trautschold (ihre Tochter), Gerhard Bienert (der Schlafbursche), Vera Sacharowa (seine Freundin), Fee Wachsmuth (das Kind), Friedrich Gnass (Max, ein junger Arbeiter)

HD-Restaurierung: Filmmuseum München
Edition: Stefan Drößler, Christian Ketels
Digitale Filmrestaurierung CK-TV+Film, München
Archivbeistellung: Dänisches Filminstitut, Deutsche Kinemathek
Restaurierte Fassung: 133’ (bei 20 fps)

Musik: Michael Gross(i.A. von ZDF/ARTE):;
Einspielung: HerrGross & das MutterOrchester
Tonaufzeichnung: Wolfram Nehls
Live-Ton: Ralph Kessler, Klaus Dobbrick
Koordination Filmbühne: Alexandra Engel
Redaktion: Nina Goslar (ZDF/ARTE), Stefan Lang (DLR)

Besetzung:
Michael Gross – Trompete/Flügelhorn und Leitung
Jan Gropper – Trompete/ Flügelhorn
Karola Elßner - Saxofone, Klarinette, Flöten
Mathias Gödeker - Waldhorn
Robert Gutowski – Posaune/ Tenorhorn/ Tuba

Alexandre Babel – Perkussion
David Haller – Perkussion
(Vibrafon, Glockenspiel, Marimba, Xylophon, Congas, Röhrenglocken, Grosse Trommel mit Becken à2, Kl. Trommel, Tempelblocks, 3 Pauken, Chimes, Tamburin, Trillerpfeife, Mundsirene, Crotales)

Leonid Soybelman – Gitarren
Andreas Lang – Kontrabaß, E-Baß
Dirk Rothbrust – Drumset (mit 4 Tomtoms)

Live-Aufzeichnung der neuen Filmmusik von Michael Gross
Kooperation von ZDF/ARTE, Deutschlandradio Kultur und der Volksbühne Berlin
Sendung auf ARTE: November 2012


Weitere Live-Aufführungen


"Die Weber" von Friedrich Zelnik

Dienstag, 28.8. um 00.25 Uhr







Erstellt: Thu Mar 29 00:00:00 CEST 2012
Letzte Änderung: Thu Apr 25 18:00:25 CEST 2013