Die Handlung
Für einen Hungerlohn arbeiten schlesische Weber in Heimarbeit für Fabrikant Dreißiger (Paul Wegener). Der droht Lohnsenkungen an und verweist auf die Konkurrenz durch die neuen mechanischen Webstühle. Moritz Jäger (Wilhelm Dieterle) hat durch seinen Militärdienst Einblick in die sozialen und politischen Verhältnisse außerhalb Schlesiens gewonnen und ruft die Arbeiter zum Widerstand auf. Ihm droht Verhaftung, die die Weber verhindern können. Sie stürmen die Fabrikantenvilla, Dreißiger flieht.
Die Weber der Nachbardörfer solidarisieren sich. Gemeinsam zerstören sie die Maschinen und wehren das Militär ab, das gegen die rebellischen Weber eingesetzt wird. Nur der alte Weber Hilse (Arthur Kraußneck), der immer schon gegen einen Aufstand war, wird von einer Kugel getroffen und bricht am Webstuhl zusammen.
Wilhelm Dieterle (links) in der Rolle von Moritz Jäger, dem Anführer des Weberaufstands, und Paul Wegener in der Rolle des Fabrikanten Dreißiger
Zum Film
Als Ausdruck der Spannungen in der Gesellschaft der Weimarer Republik trifft Friedrich Zelniks Film im Mai 1927 den Nerv der Zeit: Zelnik, in der Filmgeschichte bekannt als Regisseur von kommerziellen Unterhaltungsfilmen, überrascht mit der Verfilmung von Gerhart Hauptmanns Sozialdrama; sein Film gilt bis heute als eine der besten Hauptmann-Adaptionen. Mit der versierten Filmautorin Fanny Carlsen und dem bekannten Literaten und Kritiker Willy Haas beschäftigt Zelnik ein solides Autorenteam.
Vor allem Willy Haas, der u.a. an Murnaus Der brennende Acker, Pabsts Die freudlose Gasse oder Grunes Die Brüder Schellenberg mitgearbeitet hat, kann als Drehbuchautor einen gehörigen Anteil am künstlerischen Erfolg dieses Films beanspruchen, der sehr viel mehr ist als reine Routinearbeit eines erfahrenen Regisseurs. Friedrich Zelnik konzentriert sich in seiner Inszenierung auf ausdrucksstarke Bilder und Schauspieler, die lt. einer zeitgenössischen Kritik „in manchen Momenten den Typenreichtum der Russen“ erreichen. Noch heute wirkt der Film, dessen Bildsprache stark von Eisenstein und Pudowkin beeinflusst ist, sehr beeindruckend durch das „Zusammenspiel von agitatorischem Impetus und überzeugender optischer Gestaltung“ (Sigfrid Hoefert).
Die Sozialkritik des Films wird sogleich in den Credits eingeführt: den Schauspieler-Portraits zu den einzelnen Rollen werden Tierkarikaturen beigestellt, die den Fabrikanten Dreißiger als Schwein, seine Frau als Henne, Pfeiffer als Hyäne, und den Pfarrer als Papagei darstellen. Das Ende beschert den Webern einen vorläufigen Sieg und weist auf eine mögliche Revolution hin. Zelniks Film kommentiert die wirtschaftliche und soziale Instabilität in der zweiten Hälfte der 1920-Jahre, die der Nationalismus für sich ausnutzen sollte. Unter gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten ist der Film einer der wichtigsten Filme der Weimarer Republik.
(Quelle: FWMS)
und der vom Militärdienst heimgekehrte Moritz Jäger (Wilhelm Dieterle, re)
Zur Musik von Johannes Kalitzke
Wenn ein filmbegeisterter und zugleich politisch denkender Komponist wie Johannes Kalitzke Die Weber von 1927 neu vertont, ist erhöhte Aufmerksamkeit angesagt. Hier packt die Neue Musik ihr reichhaltiges Instrumentarium aus und zeigt, wie zeitgenössische Musik in einen Film hineinführen kann und ihn zugleich aus seiner Historizität befreit dank einer großen musikalische Form.
Damit durchstößt die Musik die Oberfläche der filmischen Erzählung und eröffnet einen neuen Erfahrungsraum, der die heutige Rezeption einbezieht. In einer höchst raffinierten Verfremdung der schon erwähnten Grundbausteine schafft die Musik einen suggestiven Klangraum, verstärkt durch die Möglichkeiten der Live-Elektronik (z.B. gesampelte Töne von Webmaschinen), die zusätzliche Verfremdungseffekte dieser Grundtypen produzieren. Das Orchester spielt in einer großen Kammerorchester-Besetzung, in der Instrumente Platz finden, die sonst nicht zum Orchesterkern gehören: Saxophon, Akkordeon, eine zweite Harfe, sowie elektronische Sampels.
© Till Budde
Der Kölner Komponist und Dirigent Johannes Kalitzke
Johannes Kalitzke über seinen Musikzyklus "Die Weber".
DER REGISSEUR
Friedrich Zelnik
Zelnik wurde 1885 in Czernowitz geboren. Nach seinem Jurastudium in Wien spielte Zelnik auf zahlreichen Bühnen in Nürnberg, Aachen, Worms, Prag, und Berlin. Ab 1910 begann seine Filmkarriere – zunächst als Schauspieler. Mit zwei Kollegen gründete er die Berliner Film-Manufaktur, in der er als Produzent und Regisseur tätig war. Zwischen 1917 und 1922 entstanden rund 120 Filme. 1918 heiratete er die polnische Tänzerin und Schauspielerin Lya Mara, die er in seinen Filmen zum Star machte.
Ab 1920 produzierte er seine Filme in diversen selbstgegründeten Produktionsfirmen, wie Zelnik-Mara-Film GmbH oder Efzet-Film GmbH. Seine Filme sind meist Unterhaltungsfilme, die größten Erfolge waren An der schönen blauen Donau, Die Försterchristel, Das Tanzende Wien. Sein wichtigster Film Die Weber fällt aus dem Rahmen seines sonstigen Schaffens und bescherte ihm gute Kritiken. Zelnik drehte auch eine Edgar Wallace-Adaption Der rote Kreis, die als verschollen gilt.
1930 wurde die Friedrich Zelnik-Film GmbH aufgelöst. 1933 emigrierten er und Mara nach London, wo er als Frederic Zelnik weitere Filme machte. Er starb 1950 in London.
(Quelle: DIF)
Friedrich Zelnik bei der Arbeit
DER KOMPONIST
Auf seine Doppelrolle als Dirigent und Komponist möchte Kalitzke nicht verzichten: „Es ist eine Konstellation, die sich nach einer gewissen Zeit als unabdingbare Ergänzung ausnimmt, und vorausgesetzt, dass das eine dem anderen die Zeit nicht stiehlt, ist das andere für sich allein auch nicht ausfüllend. Denn diese Wechselwirkung zwischen Interpretation von Musik und dem eigenen Schaffen erhält eigentlich eine Eigendynamik. Und das empfindet man als äußerst konstruktiv, denn das eine macht Lust aufs andere.“
Kalitzkes Werke werden seit Anfang der 90er Jahre an großen Häusern und bei den bedeutenden Festspielen aufgeführt, u. a. bei der Münchner Biennale (Bericht über den Tod des Musikers Jack Tiergarten), am Theater Bremen (Molière oder die Henker der Komödianten undInferno), der EXPO 2000 (Nachricht an Charon), Theater an der Wien (Die Besessenen). Kalitzke war Stipendiat der Villa Massimo in Rom und erhielt den Bernd-Alois-Zimmermann-Preis der Stadt Köln.
Die Weber
(D 1927) – 94’ (bei 24 fps) HD, s/w
Restaurierte Fassung mit neuer Orchestermusik | Deutsch-französische Erstausstrahlung
Regie: Friedrich Zelnik
Buch: Fanny Carlsen und Willy Haas nach Gerhart Hauptmann
Kamera: Frederik Fuglsang, Friedrich Weinmann
Darsteller: Paul Wegener (Fabrikant Dreißiger), Wilhelm Dieterle (Moritz Jäger), Valeska Stock (Frau Dreißiger), Arthur Kraußneck (Hilse, ein alter Weber), Willy Kruszinski (Polizeimeister), Theodor Loos (Weber Becker)
Uraufführung: 14.05.1927, Berlin, Capitol
Originallänge: 2660m (97’ bei 24 fps)
Restaurierung: Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung, Wiesbaden
Archivmaterial: Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin, Cinémathèque Suisse, Lausanne Deutsches Filminstitut – DIF, Frankfurt am Main, EYE Film Institute Netherlands, Amsterdam, Gosfilmofond, Moskau
Originalmusik (2012): Johannes Kalitzke. Ein Auftragswerk des Theaters Augsburg und der Augsburger Philharmoniker sowie des Konzerthauses Wien und des Ensemble Modern
Musikverlag: Boosey & Hawkes Bote & Bock GmbH, Berlin
Einspielung: Augsburger Philharmoniker, Theater Augsburg
Musikalische Leitung: Johannes Kalitzke
Ton: Hartmut Homolka, Thomas Rembt
Ausführender Produzent: 2eleven || zeitgenoessische musik projekte
Produktion: Christian Schwalbe (ZDF)
Produktionsdramaturgie: Tilmann Böttcher, Theater Augsburg
Redaktion: Nina Goslar (ZDF/ARTE)
Eine Koproduktion von ZDF/ARTE, der Friedrich-W.-Murnau-Stiftung, und dem Theater Augsburg
- Live im Theater Augsburg/Brechtbühne am 24.06.2012 um 19.00 Uhr
- Im Programm auf ARTE am 28.08.2012 um 23.50 Uhr





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