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29/08/08

Stirbt Europa aus?

Die europäische Bevölkerung schrumpft und altert


Eine Studie des EU-Statistikamtes Eurostat kommt zu dem Ergebnis, dass die Geburtenrate in den letzten 30 Jahren in weiten Teilen Europas unter das bestandserhaltende Niveau von 2.1 gefallen ist. Gleichzeitig ist die Lebenserwartung deutlich angestiegen. Immer mehr alte Menschen, kaum Nachwuchs in den unteren Reihen – Stirbt Europa aus?

Experten gehen davon aus, dass wir erst ganz zu Anfang der demographischen Katastrophe stehen. Derzeit sind nur 3 % der Europäer über 80 Jahre alt. Zur Mitte des Jahrhunderts werden es vermutlich schon über 10 % sein und am Ende des Jahrhunderts vielleicht sogar mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Europa schrumpft und altert, ganz vorne mit dabei Deutschland. Seit der Wiedervereinigung mit 82 Millionen Einwohnern das am dichtesten bevölkerte Land Europas, gehört das demographische Schwergewicht gleichzeitig mit Italien, Spanien und Griechenland zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate weltweit.

Drei Prozent aller deutschen Männer haben sich sterilisieren lassen, die um 1965 geborenen deutschen Frauen bleiben bereits zu einem Drittel kinderlos, ein Großteil von ihnen gutausgebildete Akademikerinnen. Einen Grund für den seit den siebziger Jahren anhaltenden "Gebärstreik" zeigt der gerade erschiene EU-Vergleich erneut auf: Sobald Paare Kinder bekommen, passen in Deutschland immer noch in erster Linie die Frauen ihre Arbeitssituation dem neuen Familienleben an. Die Realisierung des Kinderwunsches ist für sie oft mit einem drastischen Karriereknick oder sogar dem sozialen Abstieg verbunden. Ganztagsbetreuung vor allem bei Kindern unter 3 Jahren ist nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu, "Rabenmutter" lautet selbst heute noch das gesellschaftliche Urteil.

Die niedrigen Geburtenzahlen, jahrzehntelang verdrängt, sollen nun durch ein besseres Betreuungsangebot wieder ansteigen. Während in Deutschland und Österreich nach wie vor das 3-Phasenmodell mit Karenz- und Elternzeit gefördert wird, setzen Länder wie Frankreich und Schweden schon lange auf die Unterstützung der Frauenerwerbstätigkeit. Mit sichtbaren Folgen: In Frankreich steigt der Kinderwunsch mit zunehmender Bildung, 80 % der Französinnen mit Kind gehen ihrem Beruf nach. Experten bezweifeln jedoch, ob ein erweitertes Angebot an Betreuungsplätzen tatsächlich dazu führen kann, dass wieder mehr Kinder geboren werden. Von egoistischen Tendenzen sprechen die einen, von tief verwurzelten Mentalitäten andererseits. Solange Frauen nach wie vor die Hauptverantwortung für Haus-und Sorgearbeit tragen, unabhängig davon ob sie arbeiten oder nicht, wird die Entscheidung für ein Kind nicht leichter fallen. Gemeinsam mit einem wenig familienfreundlichen Sozialsystem ist die momentane Entwicklung Bestandteil eines Klimas, in dem die Entscheidung zu einem Kind zunehmend schwer fällt.


Düstere Prognosen
Selbst wenn die Geburtenrate sich wieder der bestandserhaltenden Rate von 2 überlebenden Kindern pro Frau annähern würde – das Schrumpfen der Bevölkerung ist unvermeidbar: denn heute fehlen die in den letzten dreißig Jahren nicht geborenen Kinder als Elterngeneration. Der Demograf Herwig Birg spricht vom "langen Bremsweg der demographischen Entwicklung" - ein Dreivierteljahrhundert wird es seinen Berechnungen zufolge dauern, um einen Prozess zu stoppen, der seit 25 Jahren in die falsche Richtung läuft. Berechnungen des Statistischen Bundesamtes zufolge wird die deutsche Bevölkerung bis 2050 von 82 Mio auf 59 Mio. sinken, die Zahl der Erwerbspersonen im selben Zeitraum von 41 auf 26 Mio. zurückgehen.

Die Situation in Deutschland ist extrem, zeichnet aber nur vor, was auch anderen Ländern bevorsteht. Prognosen der UNO zufolge wird die Bevölkerung der meisten Industriestaaten bis 2050 auf Grund niedriger Fruchtbarkeitsraten und steigender Lebenserwartung zurückgehen und zugleich altern. Die Einwohnerzahl der Europäischen Union, 1995 noch 105 Millionen Menschen höher als in den Vereinigten Staaten, wird im Jahre 2050 um 18 Millionen unter der US-Einwohnerzahl liegen.

Noch gibt es Ausnahmen von der Regel. Neben Irland ist Frankreich das europäische Land mit den meisten Babys. Aber auch hier werden die Menschen immer älter: Im Jahr 2030 wird jeder zweite Franzose über 50 sein, jeder zehnte über 80. Ein bedrohliches Ungleichgewicht, das das bestehende Sozial- und Rentensystem überfordert : 1945, als die Sozialversicherung ins Leben gerufen wurde, kamen acht Erwerbstätige für einen Rentner auf. Heute stehen dafür lediglich 2,5 Erwerbstätige zur Verfügung. Bis 2050 könnte sich dieses Verhältnis umkehren, jeder muss dann mehr als einen Rentner versorgen. Spürbare Auswirkungen wird diese katastrophale Entwicklung aber auch auf die Kranken-und Pflegeleistungen haben. Zwischen 2026 und 2036 feiert zudem die erste Generation des Baby-Booms ihren 80. bzw. 90. Geburtstag. In diesem Zeitraum müssen auch die meisten Alten versorgt werden.
 
 
Alt sein, aber nicht abgeschrieben...
Um die Beitragszahlungen halten zu können, setzen die meisten europäischen Länder auf einen späteren Renteneinstieg und eine bessere Integration älterer Menschen in den Produktionsprozess. "Jung sein, arbeiten und gleichzeitig studieren. Im Erwachsenenalter studieren und gleichzeitig arbeiten, ohne immer gestresst zu sein. Alt sein, aber nicht "abgeschrieben" sein, sondern weiterhin aktiv sein können.", so stellt sich Hughes de Jouvenel, Generaldirektor "Futuribles", das zukünftige Arbeitsleben vor.

Der französische "plan senior" versucht die Erwerbstätigkeit von Senioren zu fördern. Die Gegenwart sieht anders aus. In Frankreich haben über 50-Jährige kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Die Agentur "Actifs Seniors Partners" will diese Ausgemusterten wieder ins Berufsleben integrieren. Bereits nach einem Jahr zählte die Firma 50.000 Bewerber : Senioren, die von Unternehmen entlassen wurden, sich aber noch zu jung fühlen für den Ruhestand. Wie viele Rentner empfand auch Yves die Rente nach 40 Arbeitsjahren als persönliche Niederlage. Lange litt er unter Stress und Angstzuständen. Dank der Agentur hat er wieder Arbeit gefunden, wenn auch mit gemischten Gefühlen : "Mit 64 ist es nicht gerade einfach, sich in ein bestehendes Team zu integrieren.  Und  das Gefühl, einem jungen Menschen den Arbeitsplatz wegzunehmen, ist vielleicht noch schlimmer." Viele Zukunftsforscher beschwören bereits einen Generationenkonflikt herauf, nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch auf dem Immobiliensektor. Wird die Altersgrenze, wie heute der Sozialstatus, in Zukunft zu einer ökonomischen Barriere, die sich durch westliche Gesellschaften zieht ?
 

Migration – neue Konzepte sind gefragt
Neue Ideen sind nicht nur in Renten, Gesundheits- und Familienpolitik gefragt. Dringend notwendig sind auch neue Konzepte zur Integration von Einwanderern. UNO-Prognosen zufolge ist der Rückgang der Bevölkerung ohne "Bestandserhaltungsmigration" nicht aufzuhalten. Deutschland benötigte, so die Berechnungen, bis 2050 18 Mio. Einwanderer, allein um die Zahl der Bevölkerung konstant zu halten. Geht es darum, das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Rentnern zu halten, liegt diese Zahl bereits bei unvorstellbaren 188,5 Mio. 188 Millionen Zuwanderer in Deutschland, 93 Millionen in Frankreich: die Zahlen geben eine leise Vorstellung vom Ausmaß des Umbruches, auf den wir uns einstellen müssen, wenn die Länder ihre Alterspyramide behalten möchten. Die Politikerin und Juristin Catherine de Wenden fordert mehr Flexibilität : "Die Vergangenheit hat immer wieder gezeigt, dass Menschen anpassungsfähig sind. In entvölkerte oder alternde Regionen zogen dynamischere, zahlenmäßig stärkere Gruppen. Heute findet eine solche geostrategische Konfrontation zum Beispiel an der russisch-chinesischen Grenze statt."

Aber von einer zufriedenstellenden Lösung dieser Frage sind die meisten europäischen Länder weit entfernt. Im November 2005 hielten Massenunruhen nächtelang die französischen Vorstädte in Atem. Die Demonstranten, meist Nachkommen von Immigranten, machten Diskriminierung, gesellschaftliche Ausgrenzung für die Gewaltaktionen verantwortlich. Reichen eine, manchmal zwei Generationen zur Integration nicht aus?  Dort, wo sich Europa in Zukunft den Ländern des Südens öffnen muss, um seine Bevölkerung zu verjüngen, könnte der Graben noch tiefer werden. Ein Drittel der Europäer bezeichnet sich Umfragen zufolge offen als "rassistisch", ein weiteres Drittel als "ziemlich rassistisch", das letzte Drittel als tolerant.
 
Melting Pot USA - Vorbild für Europa?
Die weltweite Migration ist kein neues Phänomen. Die Eroberungskriege, die Siedler, der Sklavenhandel haben große Wanderungsbewegungen hervorgerufen und Nordamerika zu dem gemacht, was es heute ist. Noch heute nehmen die USA jedes Jahr eine Million Migranten auf, d.h. alle 31 Sekunden einen Einwanderer. 1915 gab es 100 Millionen US-Bürger, heute sind es bereits 300 Millionen, im Jahr 2050 werden es 400 Millionen sein. Die USA sind die einzige Industrienation, deren Bevölkerung nicht zu überaltern droht. Und sie sind ein gewaltiges Versuchslabor für das Zusammenleben der Kulturen: Mexikaner, Koreaner, Iraner, Russen, Chinesen, Armenier, Guatemalteken - die meisten Amerikaner sind multiethnischer Herkunft. Alleine in Kalifornien leben dreißig Prozent aller US-amerikanischen Immigranten. In Kalifornien, New Mexico und Texas sind die Anglo-Amerikaner bereits in der Minderheit. Im Jahr 2050, sagen die Demographen voraus, werden sie nur noch gut die Hälfte aller US-Bürger stellen.
In dieser Gesellschaft übernehmen die Minderheiten allmählich die Macht, allen voran die Latinos. Ihre zwei Millionen Firmen machen bereits 250 Milliarden Dollar Umsatz. Zu den erfolgreichsten gehört José Luis Nazar, der Begründer der Firma "Lexicon". Amerikaner sein, heisst für ihn, "sein Land lieben, Steuern zahlen, mit dem System einverstanden sein und versuchen, es zu verbessern. Der Schmelztiegel... Man schmilzt so lange, bis man unkenntlich wird..." Zeigt sich im heutigen Kalifornien das Amerika von morgen, die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ? Die Region gilt als Vorreiter und hat gelernt, dass man nur jung bleibt, wenn man sich nicht abschottet.

Erstellt: 15-11-04
Letzte Änderung: 29-08-08