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28/05/09

Stelarc

Eine Reportage von Christophe Alonso


  • Stelarc - Les mécaniques du corps

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Der 2007 implantierte Knorpel in Ohrform soll von körpereigenen Zellen ummantelt werden, bevor das Ganze mit dem integrierten Funkmikrofon auf Sendung geht. 13 Jahre hat Stelarc gebraucht, ein Chirurgenteam davon zu überzeugen, den Eingriff vorzunehmen, und so seinen Traum zu verwirklichen.

Stelarc: "Es geht um alternative anatomische Architekturen. Mich interessiert die evolutionäre Anatomie des Körpers. Aber nicht, um ihn im Sinne der Eugenik zu Perfektionieren. Es geht mir eher um das Ausprobieren und Erforschen anatomischer Alternativen. Der Punkt ist, akzeptieren wir den evolutionsbedingten biologischen Status Quo, oder fragen wir uns: Wird der Körper - auch wenn er unglaublich komplex ist und dafür Jahrmillionen gebraucht hat – nicht immer noch durch Fehlfunktionen behindert?"


"Stelarc : Les mécaniques du corps" bis zum 28. Juni 2009 im Kunstzentrum von Enghien-les-Bains

Noch bis zum 28. Juni ist Stelarc beim Festival "Bains numériques" in Enghien-les-Bains zu Gast. Wenn der Australier seine Körpermechanik ausstellt, kommen all jene auf ihre Kosten, denen das mit der Zukunft gar nicht schnell genug gehen kann. Ein dritter Arm, Exoskelette, Maschinen zur zufallsbestimmten Fortbewegung, oder Bilder einer vergänglichen Skulptur, die in seinem Magen gefilmt wurde - Stelarcs Kunst hat in den letzten vierzig Jahren erstaunliche Auswüchse getrieben.

Schon in den 60ern läutet er das Technologiezeitalter ein und inszeniert seinen eigenen Körper, den er als experimentelle Grundlage und Technologieträger nutzt.
Als Ende der 60er seine ersten Arbeiten zum Thema erweiterter Körper in Melbourne wenig Anklang finden, fliegt Stelarc in das technologiebegeisterte Japan. In Tokio erforscht er die Robotik, bis die Erleuchtung in Gestalt von Butoh über ihn kommt. Geboren aus der Asche des nuklearen Alptraums sucht das Butoh-Tanztheater Antworten auf die Frage: „Wie kann man nach Hiroshima noch tanzen?“ Als Tatsumi Hijikata 1959 erstmals diesen Tanz der Finsternis präsentiert, wird er der Pornografie bezichtigt. Der Performer thematisiert die Verwandlung des Menschen in Tiere und andere nicht-humane Daseinsformen. Für Japaner ein Tabubruch, für Stelarc eine Offenbarung.

Stelarc: "Ihre Bewegungen erinnerten eher an Tiere, an Insekten, als an menschliche Körper. Die Butoh-Tänzer erinnerten mich an Zombies, postnukleare, post-katastrophale Körper."

Stelarc entwickelt daraufhin einen starken Hang zur Loslösung von der Körperlichkeit. Was mit SM in seinen Augen nichts zu tun hat, denn Vorbild für seine Body-Suspensions sind hinduistische Meditationsriten. 1976 führt er die ersten Aufhängungen an implantierten Edelstahlhaken durch, und bis 1988 geht er insgesamt 27 Mal in die Luft. Stelarc geht an der einsamen Meeresküste, oder in einem Atelier in die Luft, um weitere Erkenntnisse zu seiner Theorie des überholten Körpers zu sammeln.

Stelarc: "Rückblickend ging es wohl auch darum, die physischen Grenzen des Körpers auszuloten, um zu demonstrieren, wie überholt, abwesend und leer er ist. Wenn die Leute solche Aktionen sehen, denken sie sofort „Ah, Provokation. Das macht er, um die Leute zu schockieren“. Das stimmt aber nicht, denn da war niemand, den ich schockieren konnte.
Wir leben in einem Zeitalter des zirkulierenden Fleisches. Organe werden einem Körper entnommen und in den nächsten eingesetzt. Das Blut, das heute durch meinen Körper fließt, kann morgen schon durch deinen fließen. Wir befruchten Eizellen außerhalb des Körpers mit aufgetautem Sperma. Wir können einen Kadaver beliebig lange konservieren, dank Plastination und gleichzeitig einen komatösen Körper mithilfe lebenserhaltender Maßnahmen beliebig lange am Leben erhalten. Tot, nicht-tot, noch nicht geboren - das alles existiert nebeneinander."

Künstliche Intelligenz und die Perspektive eines Leben jenseits des biologisch toten Körpers sind die Voraussetzungen für Stelarcs ultimative Grenzüberschreitung. In den 90ern investiert der Künstler seine Ausstellungsbudgets in komplexe Maschinen, Vorläufer der modernen Roboter. Mit seinen Exoskeletten beamt sich der Verfechter des Körper-Tunings in die Cyborg -Ära. Der Australier stellt die Technik nicht in den Dienst des Menschen, sondern versucht, beide miteinander zu verschmelzen.
Als Transhumanist ist Stelarc davon überzeugt, dass der Körper irgendwann einer komplexen Struktur miteinander vernetzter Neuronen weichen wird.

Ausstellung

Stelarc : Les mécaniques du corps
bis zum 28. Juni 2009
im Kunstzentrum von Enghien-les-Bains
>> Zur Website

Das Festival

Bains Numériques
vom 05. bis zum 13. Juni 2009
in Enghien-les-Bains
>> Zur Website

Links



Buch


Stelarc: The Monograph
von Marquard Smith mit einem Vorwort von William Gibson
The MIT Press

Tracks
Samstag 30. Mai 2009 um 01.45 Uhr
Keine Wiederholungen
(Frankreich, 2009, 52mn)
ARTE F

Erstellt: 19-05-09
Letzte Änderung: 28-05-09


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