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ARTE Journal - 21/10/11

Stämme, Öl und Demokratie - wie wird die Zukunft Libyens?

Nach dem Tod des Ex-Machthabers Muammar al-Gaddafi hoffen viele Libyer auf Demokratie und Freiheit in ihrem Land. Die NATO will ihren Einsatz in Libyen möglichst bald beenden und berät darüber bereits am Freitag in Brüssel. Die internationale Gemeinschaft begrüßt den Tod Gaddafis als Beginn einer neuen Ära. Trotz allen Jubels über das Ende der Tyrannei steht Libyen vor riesigen Herausforderungen. Grund, auf das Erbe zu blicken, mit dem Libyen in die Zukunft startet.

Zur Geschlossenheit gezwungen
Der Krieg gegen den Gaddafi hat die Aufständischen zur Geschlossenheit gezwungen. Doch Libyen ist ein heterogenes Land, das die Diktatur zur Einheit gezwungen hat. Seit seinem Putsch 1969 regierte Oberst Muammar al-Gaddafi als "Revolutionsführer". Er installierte formal eine sozialistisch orientierte Volksherrschaft, die von unten über Volkskomitees gesteuert wurde. Es gab keine Meinungsfreiheit, Parteien waren nicht zugelassen.

Stammesstrukturen und Minderheiten
Unter der "revolutionären" Oberfläche waren es die Stämme, die der Gesellschaft in Libyen eine Struktur gaben. Etwa 140 soll es davon in Libyen geben. Sie wurden in der italienischen Kolonialzeit (1911 bis 1943) gezählt. Im Herrschaftssystem Gaddafis spielten drei Stämme eine besondere Rolle. Darunter die Warfalla mit knapp einer Million Mitglieder (von 6,3 Millionen Libyern), die Maqarha und die Gadafa, denen Gaddafi entstammt. Andere Stämme sind die Obeidi, die Zuwaya, die Farjan und Berber in der Region Tripolis. Im Süden leben Nachfahren schwarzafrikanischer Sklaven, die Teda und die Toubou, im Westen Tuareg-Nomaden.

Die Rolle des Öls
Libyen ist der erdölreichste Staat Afrikas und erzielte zu Gaddafis Zeiten 95 Prozent seiner Exporteinnahmen aus diesem Geschäft. Es weist eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Afrikas auf, doch vom Geldsegen kam bei der Unterschicht kaum etwas an. Die gerechte Verteilung der Öleinnahmen darf daher als eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine demokratische Entwicklung Libyens gesehen werden. Und auch der Bruch mit Gaddafis Praxis, das Geld zu verbrauchen oder als Subvention auszugeben. Bisher wurden die Ölmilliarden nicht in zukunftsähige Projekte investiert. Einen Aufschwung benötigt auch die Landwirtschaft im schwierigen Klima Libyens. Zwei Drittel der Lebensmittel wurden bisher importiert.

Auf dem Weg zu einer Verfassung?
Der Westen erwartet nun von dem derzeitigen Machtorgan, dem Nationalen Übergangsrat in Tripolis, Schritte in Richtung einer demokratischen Verfassung. Ein schwieriges Unterfangen, da Libyen nicht über demokratische Traditionen verfügt. Zudem dürfte es noch einen Anteil von Gaddafi-Nostalgikern geben, die von seiner Herrschaft profitiert haben. Doch der hohe Anteil junger Menschen an der Bevölkerung und der revolutionäre Schwung, der den "Revolutionsführer" hinweg gespült hat, sind gute Voraussetzungen für die angestrebten Veränderungen.

Ellen Hofmann/ARTE Journal

Erstellt: 21-10-11
Letzte Änderung: 21-10-11