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Buch- und KrimiWelt. Das Literaturmagazin bei ARTE Online - 17/09/09

Stabat mater

Von Tiziano Scarpa


Cecilia wächst als Waisin in Venedig auf. Antonio Vivaldi komponiert für die junge Violinistin, die ihre Mutter nicht kennt. Ein preisgekrönter Roman über den Ausbruch einer jungen Frau aus unverschuldeter Unmündigkeit.


„Stabat mater“ ist der Titel eines mittelalterlichen Gedichts, das den Schmerz der Gottesmutter am Grab Christi besingt. In Tiziano Scarpas Roman „Stabat mater“ erhebt ein junges Mädchen seine Stimme aus einem Grab und entkommt ihm am Ende. Das Grab ist das Waisenhaus Ospedale della Pietà in Venedig, wo Cecilia zu Beginn des 18. Jahrhunderts aufwächst. Die gottesfürchtige Erziehung durch Nonnen und die strenge Isolation von der Außenwelt haben das Mädchen in Unwissenheit gehalten. Es weiß nicht nur nichts von seiner Mutter, die es vor 16 Jahren an der Pforte abgab, es weiß nicht einmal, dass es überhaupt andere Mütter als die Mutter Gottes gibt. „Stabat mater“, mit dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, dem Premio Strega, ausgezeichnet, erzählt vom Aufbruch einer jungen Frau aus unverschuldeter Unmündigkeit.
Cecilia nennt sich zu Beginn die „Expertin meiner eigenen Verzweiflung“, aber mit diesen Worten hat sie ihre abgrundtiefe Einsamkeit bereits hinter sich gelassen: Sie ist nicht mehr stumm, sie lernt sich kennen, und sie hat einen Gesprächspartner gefunden. Nachts sucht sie einen geheimen Platz im Waisenhaus auf, lehnt sich an eine warme Wand und schreibt kurze Briefe an „Frau Mutter“. Hin und wieder werden diese Notate unterbrochen von Unterhaltungen mit einem plötzlich über Cecilias Bett auftauchenden Gesicht unter erschreckenden Medusalocken. Die Gespräche - das in Briefen und das mit einer wahrscheinlich der Phantasie entspringenden Gestalt - sind Unterhaltungen mit dem Leben und dem Tod.

Weinendes Exkrement

Scarpa lässt seine Erzählerin behutsam die Wörter im eigenen Kopf und die Dinge und Menschen in der Außenwelt erkunden. Immer wieder führt diese vorsichtige Exploration zu eindringlichen Bildern. Mit vier Jahren erlebte Cecilia eines Nachts, wie ein Mädchen auf der Latrine ein Kind zur Welt brachte. „Das Exkrement begann zu weinen“, schreibt sie später fassungslos, und eine Schlange sei um das Neugeborene gewickelt gewesen, die das Mädchen entzweibiss. Entsetzt lief das Kind davon und litt monatelang an Verstopfung. Trost und Erklärung spendete ihr in einem lichten Augenblick das Bildnis der Muttergottes mit dem rosafarbenen Kind auf dem Arm und der zertretenen Schlange unter ihrem Fuß. Doch dann stellten sich Fragen ein: Wenn es also Mütter gibt, wo war die eigene? Hatte sie Cecilia auch in Exkrementen geboren? Welche Notlage hatte sie ihr Kind im Waisenhaus abgeben lassen?

Reiner Klang

Zu den Fragen nach Herkunft und Identität gesellen sich recht bald die nach Musik und Geschlecht. Sie verknüpft Scarpa geschickt miteinander durch das von den Waisinnen gebildete Orchester des Ospedale della Pietà. Es ist berühmt und lockt Besucher aus ganz Europa an, die der Musik lauschen, ohne die Mädchen sehen zu können: Die Waisen musizieren auf der Empore. verborgen hinter einem Gitter. Cecilia empört der Gedanke, dass es ihnen verboten ist, sich zu zeigen. Auch bei Ausflügen müssen sie Masken tragen. Die Mädchen sollen körperlos sein und reiner Klang.
Als dann ein neuer, junger Konzertmeister mit ungewöhnlichen musikalischen Ideen angestellt wird, ändert sich alles. Don Antonio, für den Antonio Vivaldi Vorbild stand, der von 1703 bis 1716 tatsächlich Dirigent, Violinist und Hauskomponist am Ospedale della Pietà war, erkennt die musikalische Begabung Cecilias. Er trifft sie nachts an ihrem geheimen Ort, um mit ihr zu plaudern. Durch den Komponisten, der sie fördert und zurücksetzt, der ein Stück für sie schreibt und ihr doch den großen Auftritt verweigert, lernt Cecilia die Beschränkungen ihrer Existenz erkennen und lehnt sich auf. Am Ende flieht sie als Mann verkleidet aus dem Waisenhaus.
Ein historischer Roman ist „Stabat mater“ nicht, eher eine Verbeugung vor dem heute als Krankenhaus dienenden Ospedale della Pietà, an dem der Autor 1963 selbst geboren wurde. Und er ist eine Huldigung an Antonio Vivaldi, der wie viele andere das Gedicht „Stabat mater“ vertont hat und von dessen Werken Scarpa, wie er im Nachwort verrät, mehr als 200 Aufnahmen besitzt.

Enfant terrible

Stabat Mater
von Tiziano Scarpa
Roman
Aus dem Italienischen von Olaf Matthias Roth
Verlag Klaus Wagenbach
Berlin 2009
ISBN 978-3-8031-3225-3
Seinen Roman hat das Enfant terrible der italienischen Literatur, der seine Leser mit jedem neuen Buch überrascht, weil es so ganz anders ausfällt als das vorige, allerdings ein wenig überfrachtet: In der Individuation Cecilias spiegelt sich auch der Kampf der Frau um Gleichberechtigung, der aufklärerische Ausgang aus Unmündigkeit und eine ebenfalls aufklärerische, an Locke orientierte Vorstellung von einer leeren Seele, die nach und nach durch innere und äußere Erfahrungen sowie eigene Denktätigkeit zu Erkenntnissen gelangt. Außerdem lässt sich Cecilias Protest gegen die Unsichtbarkeit der Frauen hinter Masken und Kirchengittern vor 300 Jahren auch auf die Verhüllung von Frauen im fundamentalistischen Islam heute beziehen. All das ist freilich manchmal ein bisschen Zuviel des Guten und führt zu Sätzen, mit denen sich die sechzehnjährige Erzählerin umstandslos für einen Bachelor in Philosophie bewerben könnte: „Ich kann nur dann Besitz von mir ergreifen, wenn ich daran denke, wie ein anderer einen Gedanken an mich fasst.“
Glücklicherweise ergreift unmittelbar danach wieder der Roman Besitz vom Leser. Denn Cecilia soll zwar keine Person aus Fleisch und Blut simulieren, aber sie ist auch nicht bloß eine Versuchsanordnung. Tiziano Scarpa verleiht ihr einen eindringlichen, nachdenklichen Ton, der die Motive auf musikalische Weise wiederholt und variiert und die Welt des Mädchens Schritt für Schritt erweitert.

Eine Rezension von Jörg Plath

Erstellt: 15-09-09
Letzte Änderung: 17-09-09