Vier Jahre saß Liao Yiwu in den chinesischen Kerkern. Die Gefängnishaft hat ihm zu dem gemacht hat, was er jetzt ist: einer der wichtigsten Regimegegner Chinas. Bis 1989 ist er vor allem als junger Avantgarde-Dichter bekannt. Er steht zwar in seinem Land auf der Schwarzen List – wegen seines westlichen Stils, den die Behörden als "geistige Verschmutzung" veurteilt haben. Doch Liao gilt allenfalls als Anarchist. Für Politik interessiert er sich kaum - bis zum 4. Juni 1989.
Nur wenige Stunden vor der brutalen Niederschlagung des Volksaufstand auf dem Tian'anmen-Platz schreibt er sein Totengedicht Massaker. Die Antwort der Machthaber folgt prompt: Der Dichter wird zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Er lernt dort die brutalen Methoden des Regimes kennen, wird mit Stromstöcken gequält und muss 23 Tage lang mit Fesseln im Rücken in einer Einzelzelle ausharren. Allein das Schreiben hilft ihm dabei, nach der Haft Schmerz und Angst zu überwinden, "von Hund wieder Mensch zu werden".
In den Gefängnissen lernt er auch, Menschen zuzuhören, die es im offiziellen China nicht geben darf. Gemieden von Freunden und Familie führt er nach seiner Befreiung Gespräche mit Ausgestoßenen – mit enteigneten Grundbesitzern, Prostituierten, verfolgten Christen. Sein Interviewband Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten macht ihn im Westen auf einen Schlag zu einem der bekanntesten Literaten der Volksrepublik.
Ins Ausland darf er allerdings nicht. 14 Mal versucht er, sein Heimatland zu verlassen. Jedes Mal wird er von der Staatssicherheit daran gehindert. Im Juli 2011 dann die Erlösung: Liao Yiwu erhält endlich einen Pass und kann legal aus China ausreisen.
Er flieht nach Berlin und veröffentlicht kurz darauf Für ein Lied und hundert Lieder - ein Zeugenbericht über seine Zeit im Gefängnis. Sein Werk, das die brutalen Verhältnisse in Chinas Gefängnissen bloßstellt, musste er zwei Mal aus dem Gedächtnis neu schreiben, weil die Behörden ihm immer wieder das Manuskript beschlagnahmt haben. In seiner Heimat ist es verboten. Im Westen wird es als wichtige Dokumentation des heutigen Chinas gepriesen und gefeiert.
Wir begleiten Liao Yiwu in den Berliner Martin-Gropius Bau, wo er mit Herta Müller an einer weltweiten Lesung für seinen inhaftierten Freund Liu Xiaobo teilnimmt. Dort erklärt er uns, warum in China kaum einer den Namen des Nobelpreisträgers kennt, wie er mit seinem Schreiben gegen die chinesische Politik des Vergessens ankämpft und warum er davon überzeugt ist, dass sein Land eines Tages die Diktatur besiegen wird.
Die Reportage von ARTE Journal, zur Eröffnung des 11. Internationalen Berliner Literaturfestivals (26. August 2011)






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