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Filmstudie eines verblendeten, korrupten Arbeiterfunktionärs, gedreht von Meisterregisseur Jaques Feyder.

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Stummfilm - Metropolis - 19/02/10

Spurensuche der Entstehungsgeschichte

Prachtvoller Bildband zu Fritz Langs "Metropolis"


Metropolis ist viel mehr als die – auch mit der neuesten Fassung noch immer nicht wieder komplett hergestellte – Summe seiner Bilder. Das zeigt der prachtvolle und detaillierte Bildband "Fritz Langs Metropolis", der von der Deutschen Kinemathek mit Unterstützung der Murnau-Stiftung jetzt herausgegeben wurde (Belleville Verlag/ARTE Edition 2010).

„Metropolis“ – das ist zunächst einmal ein bildgewaltiges filmisches Opus über eine vertikal geschichtete, tyrannische Industriestadt in der Zukunft mit einer recht simplen Geschichte zwischen altdeutscher Romantik und Kapitalismuskritik: Freder, der Sohn des Herrschers der Welt „oben“, des Hirns, steigt fasziniert von einer Frau hinab in den Kosmos der Arbeiter und solidarisiert sich mit dieser Welt der „Hand“, mittendrin Maria als vermittelndes Herz, das Liebe und Klassenlosigkeit propagiert. Parallel hat der zwielichtige Erfinder Rotwang einen Roboter nach dem Vorbild seiner verstorbenen Geliebten konstruiert, dem er schließlich das Antlitz Marias verleiht und ihn auf die Arbeiter hetzt womit das soziale Gefüge komplett außer Kontrolle gerät und es zum alles entscheidenden Kampf zwischen Rotwang und Freder um das Schicksal der Metropole kommt.
Es siegt das „Herz als Mittler zwischen Hirn und Hand“, eine fragwürdige Schlussmoral, von der selbst Regisseur Fritz Lang sich früh distanzierte. Doch Metropolis ist viel mehr als die – auch mit der allerneuesten Fassung noch immer nicht wieder komplett hergestellte – Summe seiner Bilder. Metropolis, ein Langzeitprojekt zwischen den Fronten: Von bedeutenden Zeitgenossen wie Bunuel, H.G. Wells, Kurt Pinthus und S. Eisenstein geschmäht, bei Filmkritik und Publikum durchgefallen einerseits, von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, stilprägender Science-Fiction Klassiker und von Cinephilen aller Länder einschließlich künftiger Regisseure wie Bergmann, Fellini und den Protagonisten der Nouvelle Vague begierig rezipiert andererseits. Ein Film, der immer schon gleichermaßen zu beeindrucken wie zu überfordern schien – mehrmals umgeschnitten und gekürzt, in Dramaturgie, Figurgestaltung und Rhythmus in allerlei Länderfassungen völlig zerstückelt und umstrukturiert, niemals konnte man wirklich klären, welche ursprüngliche Vision denn nun Fritz Lang und seine Frau, die Drehbuchautorin Thea von Harbou, ursprünglich verfolgt hatten. Gerade einmal 80 Jahre sind vergangen, doch durch eine verheerende Überlieferungslage glich die Jahrzehnte währende Rekonstruktion des Films einem archäologischen Großprojekt. Mit einer restaurierten Fassung 2001 schien das Maximum der Annäherung an die Originalversion erreicht, rund 30 Minuten fehlten immer noch – bis 2008 dann in Argentinien neues Material auftauchte und im Zusammenspiel mit der Originalpartitur eine neue Fassung alles bisher über den Film behauptete erneut auf den Prüfstand stellte. Metropolis, der ewige Mythos der Filmgeschichte.

Wenn am 12. Februar die neue Fassung im Rahmen der Berlinale und zeitgleich in der Alten Oper in Frankfurt sowie im Fernsehen von ARTE übertragen feierliche Premiere feiert, kann sich jeder selbst ein Urteil über „The complete Metropolis“ bilden, wie auch die Begleitausstellung im Berliner Museum für Film und Fernsehen überschrieben ist. Den Mythos in seiner Entstehung, seinen Facetten und seinen verschiedenen Abzweigungen aber kann man nicht anhand einer einzelnen Filmvorführung greifen – da leisten Ausstellung und vor allem der bei belleville erschienene reich bebilderte, sehr empfehlenswerte Begleitband deutlich mehr in Sachen Nachhaltigkeit und Information: Martin Koerber, Leiter der Abteilung Film der Deutschen Kinemathek, der bereits Erfahrungen mit der früheren Metropolis-Rekonstruktion gemacht hatte und wesentlich an dieser neuen Fassung beteiligt war, gewährt detailreich, fundiert und verständlich Einblick in das Mit- und Gegeneinander der verschiedenen Fassungen, von der Materialqualität bis zu Entscheidungen hinsichtlich der Gestaltung verschiedenster Zwischentitel. Auch die andere „Projektsäule“, Dirigent und künstlerischer Leiter der Europäischen Filmphilharmonie Frank Strobel, bereichert den Band mit einer ausführlichen Abhandlung zur Rekonstruktion der Originalmusik bzw. Rekonstruktion des Films anhand der Originalpartitur von Gottfried Huppertz. Gestützt durch Faksimile aus Klavierauszug, Partitur , Drehbuchseiten und vor allem dem punktgenauen Particell Hupertz’ wird klar, das das Duo Lang/Harbou bereits sehr früh in der Vorbereitung und während des Drehs ein Trio mit dem Komponisten bildete und Bild- und Musikebene dieses eindrucksvollen Stummfilms in der Originalversion kongenial ineinander verwoben waren.

Aber nicht nur die Rekonstruktion, auch die eigene lange Reise der Macher zum fertigen Film wird dokumentiert: Bernhard Eisenschlitz spürt diesen „Wegen und Umwegen zu Metropolis“ nach, von Langs Recherchen in New York (hier liefert der Band ebenso wie die Ausstellung entsprechend treffende Bildvergleiche durch Gegenüberstellung von Langs New York-Fotos und der visuellen Gestaltung des Films) über Informationen über Schauspieler und Dreharbeiten bis zu besonders interessanten Exkursen zum viel diskutierten Aspekt der Entstehung der für damalige Verhältnisse spektakulären Visual Effects. Abschließend werden hier noch einmal die Hintergründe beleuchtet, aus welchem Anlass die vor der Pleite stehende UFA welche Alternativversionen des Films für die Auswertung in Übersee und Deutschland anfertigen ließ und wie die jeweiligen zeitgenössischen Rezeptionen ausfielen.

Der umfangreiche Bildteil ergänzt bzw. reproduziert dann verschiedene im Filmmuseum versammelte Exponate: Nicht nach der verworrenen Erzählfolge des Films aufgeteilt, sondern an der Topographie, den verschiedenen Welten (die Stadt Metropolis, die Katakomben, die Vision Babel, die Stadt der Arbeiter, die Maschinenräume, das Haus Rotwangs, die Stadt der Söhne etc.) orientiert finden sich Entwürfe des Filmarchitekten, Abbildungen von Requisiten wie dem Geld von Metropolis oder den Plastiken der Schädel der „Sieben Todsünden“, Drehbuchseiten, Kostümentwürfe und dem gegenübergestellt immer wieder unzählige Filmstills, Szenen- und Setfotografien. Das wesentliche Herzstück bildete hier die Sammlung von weit über 800 Fotos, die Fritz Lang der Cinémathique Francaise in den 1960 Jahren überantwortet hatte, ergänzt von zahlreichen Einzelstücken aus verschiedenen Archiven und Privatbeständen ehemaliger Mitarbeiter des Großprojekts „Metropolis“.
Als erstes Buch, das sich der neuesten Fassung des Filmklassikers widmet, sind die rund 400 Seiten „Fritz Langs Metropolis“ (ISBN978-3-923646-21-0) eine wichtige Ergänzung bestehender Publikationen, eine erfreuliche Begleitung der noch bis zum 25. April währenden Ausstellung in Berlin und sicher erst der Auftakt für eine ganze Reihe weiterer Werke zur Analyse des alten Mythos im nigelnagelneuen Gewande – Metropolis revisited 2010.

Kyra Scheurer
„Fritz Langs Metropolis“
Hrsg. von der Deutschen Kinemathek mit Unterstützung der Murnau-Stiftung
belleville Verlag / ARTE Edition (München 2010)
400 S. / 1048 Abbildungen
(ISBN978-3-923646-21-0)

Erstellt: 10-12-09
Letzte Änderung: 19-02-10