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360° - GEO Reportage

Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.

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360° - GEO Reportage

Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.

360° - GEO Reportage

30/01/02

Sprechertext

Kommentar
Tief im Urwald Amazoniens lebt das Volk der Suruahá.
Ein Volk der Witwen, Witwer und Waisenkinder.
Die Waisenkinder wissen ganz genau, wo ihre Eltern sind: Sie haben sich auf
die lange Reise zu ihren Vorfahren begeben.
Immer wieder spielen sie den Tod ihrer Eltern nach: Cunahá Bahi - den
Selbstmord durch ein Wurzelgift.
Seit sechs Tagen sind sie mit der Motorbarkasse auf dem Rio Purus im Nordwesten
Brasiliens unterwegs. Dr. Roland Garve, der 45-jährige Zahnarzt aus Lüneburg und
sein brasilianischer Begleiter, der Psychologe Mario da Silva.
Im Gepäck zwei geheimnisvolle grüne Tonnen.
Seit sechzehn Jahren reist Roland Garve um die Welt und hat über dreißig indigene Völker in Afrika, Asien und Südamerika besucht. Die Kamera hat er immer dabei. Neben seinen elf Expeditionsfilmen, schrieb er mehrere Bücher.
Diesmal will Garve zu den Suruahá-Indianern, einem versteckt lebenden Volk mehr als 1000 Kilometer von Manaus entfernt. Ihre rätselhaften Selbstmorde interessieren ihn. Er ist der Erste, der diesen Indianerstamm mit der Kamera besuchen darf.
Der Marsch zu den Indianern ist anstrengend und gefährlich
Mario kennt den Weg, er hat mehrere Jahre bei den Suruahá gelebt.
Endlich, nach zwei Tagen öffnet sich der dichte Urwald und auf einer Lichtung sehen die beiden eine typische Maloca, eine Hütte der Suruahá. Doch sie wirkt verlassen.
Mario erinnert sich an einen kleinen Fluss ganz in der Nähe, wo oft die Kinder gespielt haben.
Und er hat recht.
Beruhigend redet Mario auf sie ein, die meisten kennt er noch. Sie vertrauen ihm. Doch wer ist der große Weiße mit der grünen Tonne?
"Der Zahnarzt", erklärt ihnen Mario "Er wird eure kaputten Zähne reparieren."
So nehmen sie Mario und den Unbekannten mit zu ihrer Maloca. Misstrauisch sind sie allerdings immer noch. Gewöhnlich lehnen sie den Kontakt zu Weißen völlig ab und leben versteckt im Urwald.
Nur 148 Menschen zählt das Volk der Suruahá. Sie leben in drei großen Clans, familienähnlichen Gemeinschaften. Neben der Jagd und dem Fischfang, bauen sie auf kleinen Feldern auch Maniok an. Jeder Clan hat seine eigene Maloca, in der vom Baby bis zur Greisin alle zusammenleben.
Diese Hütte kennt Mario, hier lebte er acht Jahre lang. Zur Begrüßung bieten die Indianer Mario eine Prise Rauschgift an.
Um akzeptiert zu werden, musste er damals Xibuqua heiraten, eine 20 Jahre ältere Witwe. Er selbst war erst 26.
Sie war seine Kontaktperson zum Rest des Stammes.
Für den Zahnarzt Garve gibt es hier viel zu tun. Durch das dauernde Zuckerrohrkauen leiden fast alle Indianer an massiver Karies

Ronald Garve
Die Suruaha haben ganz arge Probleme mit ihren Zähnen, sie können sich ja selbst nicht helfen. Und hier gibt es ja keinen Zahnarzt, der das macht, also habe ich mich bereit erklärt, das zu machen. Es sind sehr liebenswerte Leute, manchmal sind sie auch ein bisschen aggressiv. Aber das ist bei Amazonasindianern halt so. Das darf man nicht so übel nehmen.

Kommentar
Doch wie eröffnet man mitten im Urwald eine Zahnarztpraxis ?
In wenigen Stunden bauen die Indianer aus Ästen und anderen Urwaldmaterialien einen Behandlungsstuhl.
Die Arbeit kann beginnen und damit löst sich auch das Geheimnis der grünen, wasserdichten Tonnen. Sie enthalten Garves kleinen Akku-Bohrer, die Instrumente und alle Medikamente.

Ronald Garve
Beim Bau des Behandlungsstuhles da haben viele geholfen. Aber keiner wollte der erste Patient sein. Erst als Mario ihnen versicherte, das keinem ein Leid geschieht, da fassten sie langsam Vertrauen.
Ein Indianer kennt keinen Schmerz heißt es und daran ist wohl etwas. Es scheint, dass die Indianer durch ihre raue Lebensweise in der Natur, viel schmerzunempfindlicher als wir Europäer sind.

Kommentar
Während Roland Garve weiter behandelt, gehen die anderen ihrer täglichen Arbeit nach. Sie stellen Blasrohre her, die wichtigste Jagdwaffe der Suruahá. Mit bis zu 5 Metern Länge die größten, die es bei Amazonasindianern gibt.
Die Blasrohre werden aus zwei ausgehöhlten Palmenhölzern hergestellt. Das Mundstück wird mit Lianenbast umwickelt und mit Harz verklebt, um es luftdicht zu verschließen.
Erst ein Probeschuss zeigt, ob es funktioniert.
Alle Pfeile werden vergiftet. Anja kocht Curare in einem speziellen Trichter, bevor er es auf die Pfeilspitzen streicht und dann trocknet.
Nach dem Vergiften der Pfeile muss er tagelang ein Sexualtabu einhalten. Das Gift würde sonst nicht wirken, glauben die Indianer.
Während am Boden meist Pfeil und Bogen zum Einsatz kommen, jagen die Suruahá vor allem Affen und Vögel mit dem Blasrohr. Der Tukan ist dabei eine begehrte Beute, stellen die Indianer doch aus seinem Schnabel kleine Aufbewahrungsbehälter für ihre Drogen her.
Die Jungen haben heute mehr Glück als ihre Väter.
Sie gehen, genau wie die Großen, mit ihren kleinen Blasrohren auf die Jagd. Spielend lernen sie so, im Urwald zu überleben.
Doch auch zum Herumtoben bleibt genügend Zeit.
Roland Garve wird in den nächsten zwei Wochen unter den Indianern leben, alles mit ihnen teilen, das Essen, den Schlafplatz in der Hütte und die lästigen Insekten. Seine Kamera ist dabei sein ständiger Begleiter.
In der Maloca wird das Essen zubereitet. Überall rauchen kleine Feuer. Heute gibt es Gürteltier. Das Fleisch muss schnell gekocht werden, sonst wird es in der schwülen Luft in kürzester Zeit ungenießbar.
Maniok gehört zu jedem Essen - doch die Wurzel muss vor dem Essen gewässert und ausgepresst werden, um sie zu entgiften.
Der Bau der riesigen Hütten ist Männerarbeit. Die Malocas sind fast 20 Meter hoch und über 23 Meter breit. Damit sind es die größten im gesamten Amazonasgebiet. Jeder Mann muss mindestens einmal in seinem Leben solch eine Hütte bauen.
Zum Bau dürfen nur Pflanzen verwendet werden, die der Mensch selbst isst oder von denen sich Tiere ernähren, die der Mensch isst.
Etwas beobachtet Garve vom ersten Tag an: das Kumady-Schnupfen.
Kumady ist die Alltagsdroge der Suruahá - ein halluzinogenes Gemisch aus Rindenasche und Tabakpulver. Sie schnupfen es durch einen Geierknochen in die Nase.
Die Zubereitung dieser Droge gehört zur täglichen Arbeit. Schon Kinder kennen die Rezeptur.
Zur Aufbewahrung dient der Schnabel eines Tukans. Das hat eine symbolische Bedeutung. Denn bei starkem Genuss des Rauschgiftes erlangt man das Gefühl zu fliegen. Die Suruahá benutzen die Droge, um in die Welt der Geister und Ahnen einzudringen.
Bei anderen Indianerstämmen dürfen nur Schamanen oder Häuptlinge Rauschgift nehmen.
Die Suruahá haben weder einen Häuptling noch Schamanen, so nehmen eben alle Kumady.
Auch dieses achtjährige Mädchen schnupft die Droge.
Der exzessive Rauschgiftgenuss begann vor etwa 100 Jahren . Auf der Suche nach Kautschuk drangen die Brasilianer immer tiefer in den Urwald ein. Viele Indios wurden getötet. Die Suruahá verloren dabei ihre Schamanen. Fortan nahmen alle das Rauschgift.
Mit einem Faden reinigen die Indianer täglich ihre Nase von Pulverresten.
Auch Roland Garve hat Kumady probiert. Er hält seine Erfahrungen für das nächste Buch über Amazonasindianer fest.

Roland Garve
Ich wollte die Gastfreundschaft nicht verletzen und ließ mir auch das Zeug in die Nase pusten. Nach einem Stechen in der Stirn konnte ich richtig Sterne sehen, dann war alles so wohlig warm und ich lief wie durch Watte.

Kommentar
Doch das Sortiment der Indianer kennt noch andere Rauschgifte.
Mawaxu hat versucht, sich mit Hilfe der Droge Cunahá das Leben zu nehmen. Alltag bei den Suruahá!
Garve hatte zwar davon gehört, aber es ist das erste Mal, dass er es miterlebt.
Die Anderen versuchen sofort zu helfen. Manchmal funktioniert es und der Lebensmüde erbricht das Gift, doch oft kommt jede Hilfe zu spät.
Meist löst ein belangloser Vorgang den versuchten Selbstmord aus.

Roland Garve
Die hauptsächliche Todesursache der Suruaha ist, rein statistisch gesehen, Selbstmord. Jedes Jahr bringen sich drei, vier, fünf Leute um. Manchmal auch keiner, manchmal auch mehr, immer durch Cunaha.
Ich wollte mit ihnen darüber reden, doch das wollten sie nicht. Erst mit Mario war Gamkin bereit, über seine Cunaha-Erlebnisse zu sprechen.

Gamkin
Erst hatte ich Bauchschmerzen, dann war ich völlig gelähmt. Ich hatte das Gefühl, ich komme in die Totenwelt.
Meine Seele folgte demselben Weg, wie die Toten ihn gehen. Dann erreichte ich die Stelle, wo sich Himmel und Erde treffen und ins Reich der Toten übergehen. Dort traf ich alle meine Verwandten, sie wollten, dass ich bleibe.
Dann wurde ich von schrecklichen Bestien verfolgt, musste mich gegen sie mit Pfeil und Bogen wehren. Hinterher kam ein Donnerkanu und ich flog damit durch die Luft.
Ich werde es wieder machen.

Kommentar
Mawaxu hat diesen Selbstmordversuch überlebt, doch wann folgt der nächste? In den vergangenen 12 Jahren haben sich 68 Indianer das Leben genommen.
Die Begriffswelt der Suruahá kennt noch nicht einmal ein Wort für Selbstmord. Der Tod durch das Wurzelgift heißt "Cunahá-Bahi". Alle Suruahá haben bereits Suizidversuche hinter sich, viele schon im Kindesalter.
Um die zahlreichen Waisenkinder kümmern sich ältere Frauen, deren Männer an Cunahá gestorben sind.
Oft spielen die Kinder die Bestattung ihrer Eltern in der Totenhütte nach. Die Eltern sind für sie jetzt in einer anderen Welt. Vor kurzem ist gerade ihr elfjähriger Freund Xury von seiner Mutter auf die "Cunahá-Bahi-Reise" geschickt worden - doch die Mutter wird dafür nicht bestraft, niemand kann daran etwas Schlimmes entdecken. Die Kinder haben keine Angst vor dem Tod. Sie wissen, dass Cunahá auch sie eines Tages in die Welt der Ahnen bringen wird.

Roland Garve
Die Leidtragenden sind natürlich die Kinder. Sie wachsen als Halb- oder Vollwaisen auf. Manche, wie diese Kleine kommen damit nicht klar und bleiben in ihrer Entwicklung zurück. Doch sie ist bei weitem nicht das einzige Waisenkind in dieser Maloca. Ich habe über 20 gezählt. Es gibt einen regelrechten Waisenkindergarten hier. Normalerweise kümmert sich der ganze Stamm um sie, damit sie eines Tages im Urwald überleben können.

Kommentar
Cunahá stellen die Indianer aus Timbowurzeln her, die sie auf umgestürzten Baumstämmen zerklopfen. Vor etwa 100 Jahren soll der erste Indianer an einer Wurzel geknabbert haben, um sich nach einem Seitensprung seiner Frau damit umzubringen.
Ursprünglich benutzen die Indianer Cunahá nur für den Fischfang. Die zerklopfte Wurzel wird in Körben durch den Fluss gezogen. Das Gift lähmt die Fische
Manche Fische sind so stark betäubt, dass die Frauen und Kinder sie mit bloßen Händen einsammeln können.
Fische satt, heißt es anschließend für den ganzen Clan.
Der Verzehr der vergifteten Fische ist nicht gefährlich, er führt höchsten zu Durchfall.
Das ganze Leben der Suruahá ist vom Cunahá bestimmt. Djaxiri, Marios Schwiegermutter ist ein Beispiel dafür. Weil sie zeitlebens zu feige war, Cunahá zu nehmen, wird die 80-jährige von allen verachtet.
Sie ernährt sich von den Abfällen der Anderen, nur Mario hackt noch etwas Holz für sie.

Mario da Silva
Das Problem ist, ihre Verwandten wollen sich nicht mehr um sie kümmern. Sie überlassen sie sich selbst. Sie hoffen, dass sie noch in diesem Sommer stirbt.

Kommentar
Wenn Mario das Dorf verlässt, ist die alte Djaxiri wieder auf sich allein gestellt.
In vielen Urbevölkerungen genießen gerade die Alten das höchste Ansehen in der Gruppe. Bei den Suruahá hingegen ist hohes Alter kein Privileg. Ein Verhalten, das Roland Garve fremd bleibt.
Doch auch er bleibt den Indios fremd, ein Weißer, der niemals zum auserwählten Volk der Suruahá gehören wird. Zwar begegnen sie ihm meist freundlich, doch manchmal schlägt die Stimmung ohne erkennbaren Anlass um.

Roland Garve
Typisch für die Suruaha ist ihr wechselndes Gemüt. Man weiß niemals ob sie scherzen oder ob sie es ernst meinen.

Kommentar
Das Volk der Suruahá ist sehr eitel und hat ein ganz eigenes Schönheitsideal. Die Männer legen sehr viel Wert auf eine korrekt sitzende Penisbinde und die Frauen färben ihren Baumwollschurz ständig neu. Die Körperbemalung wird meist nur zu besonderen Anlässen aufgetragen. Dazu benutzen sie die Früchte der Urucu-Pflanze.
Wer schön sein will, muss leiden können. Der Haarschnitt mit dem Faden ist eine schmerzhafte Angelegenheit.
Doch heute Abend ist ein besonderer Anlass. Der weiße Zahnarzt und Mario werden morgen abreisen. Ein Abschiedsfest wird vorbereitet.
Vor dem Fest schmückt sich dieser Krieger und singt dazu.
Die Bedeutung der Worte kennt er nicht. Die Suruahá nennen sie Kurimie. Sie kommen aus ihrem Unterbewusstsein.
Es ist ihre Art, mit den Geistern der Pflanzen und Tiere, den Inua Hixa zu reden.
Dämmerung über dem Dorf. Die Zeit der Geister ist gekommen.
Mit viel Kumady sitzen sie hier. Im Rausch bedanken sie sich bei den Geistern der Fische für die reiche Beute. Ihre Seelen verlassen dabei kurzzeitig den Körper, um mit den verstorbenen Verwandten zu sprechen. Denn diese haben durch die Einnahme des Giftes Unsterblichkeit erlangt und leben jetzt im Paradies.
Zwei Wochen hat Garve bei den Suruahá gelebt. Vor der Rückkehr in die Zivilisation steht ihm noch ein anstrengender Marsch durch den Dschungel bevor.
Die Gedanken wandern immer wieder zurück zu den Indianern in der Maloca. Wer ist der Nächste, der das Gift nehmen wird, um ins Reich der Cunaha-Mady einzutreten, in die Welt zwischen Leben und Tod?

Roland Garve
Als ich Mavaxu wieder auf der Wurzel rumknabbern sah, war ich schockiert. Es ist wohl nicht zu vermeiden. Beruhigend ist nur, das pro Jahr etwa sechs Kinder zur Welt kommen. Der Stamm verkleinert sich also nicht.

Kommentar
Suruahá, das Volk des Giftes. Erst nach seiner Reise hat Roland Garve von Mario erfahren, dass die alte Djaxiri diesen Sommer nicht überlebt hat.

ENDE

Erstellt: 10-06-04
Letzte Änderung: 30-01-02