11/04/06
Spirituelle Wanderer
Die Kirchen werden leerer. Die Themen Glaube und Religion aber sind präsenter als zuvor. Wie kann das sein? Über kirchliche Events, Sinnsuche und einen neuen Typus: den spirituellen Wanderer.
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Als im vergangenen August in Köln der 20. Weltjugendtag stattfand, wurde Deutschland von einer Welle des Erstaunens ergriffen. 900.000 Pilger aus 197 Nationen waren gekommen, um mit Papst Benedikt XVI. den Abschlussgottesdienst zu feiern. Der 78-Jährige beklagte an diesem Tag jedoch "eine seltsame Gottesvergessenheit". Die deutsche Öffentlichkeit hatte die Zeit davor anders erlebt: das medial inszenierte Sterben von Papst Johannes Paul II. Anfang April, die Wahl Joseph Kardinal Ratzingers zum neuen Papst auf mehreren Fernsehkanälen gleichzeitig, Aufmacher in der deutschen Presse zum Weltjugendtag im August und campierende Pilger aus El Salvador in der Harald Schmidt-Show. Man könnte meinen: Kirche, Religion und Glaube haben wieder an Bedeutung gewonnen. Aber welches der drei eigentlich?
Kirche verliert an Bedeutung, Glaube bleibt
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die Kirchen verlieren unaufhaltsam an Mitgliedern. Die Forschungsgruppe für Weltanschauungen in Deutschland (Fowid) fand heraus, dass im Jahr 1950 noch 96,4 % der Deutschen Mitglieder der evangelischen oder katholischen Kirche waren, 2004 waren es nur noch 62,1 %; 32,7 % lebten konfessionsfrei, 3,9 waren Muslime, und 1,7 wurden knapp unter "andere" zusammengefasst. Laut Fowid-Angaben herrscht "kein Zweifel darüber, dass etwa um 2025 die Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung keiner der beiden großen Kirchen mehr angehören wird". Und doch ist das Interesse am Glauben groß. Im Gegensatz zu 1950 gibt es heute Popsänger, die mit ihrer christlichen Botschaft auf den vorderen Plätzen der Charts sind, mehr freie Glaubensgruppierungen als je zuvor und Scharen von enthusiastischen jungen Pilgern, die in Hüfthosen und bauchfreien T-Shirts in öffentlichen Verkehrsmitteln christliche Lieder singen. Wie passt das zusammen?
Von einem religiösen Event zum nächsten
Ulrich Körtner vom Institut für Systematische Theologie der Universität Wien führt die Rekord-Besucherzahlen des Weltjugendtags unter anderem auf eine Sogwirkung zurück, die für solche Events charakteristisch ist: "Es gibt so genannte Peer-Groups. Die sagen, wir gehen da hin. Darauf sagen andere: Wir gehen da auch hin." So einfach ist das. Und diese große Resonanz in den Medien? "Ein Hybridevent", erklärt Körtner. "Es gibt einen religiösen Kern und um diesen Kern lagert sich alles Mögliche an." Zum Beispiel Harald Schmidt, der seine Show im August 2005 tagelang mit dem Thema Weltjugendtag bestritt. Körtner fügt hinzu: "Die Wahrnehmung des Ereignisses hängt in hohem Maße von der medialen Inszenierung ab, die jedoch nur zu einem bestimmten Teil der Veranstalter selbst steuert." Geschickt steuert, wie sich bestätigt hat. Der Vatikan ist heute eine hochmoderne Medienmacht mit eigener PR-Abteilung, Fernseh- und Radiosender, die sich der Unterstützung von Prominenten und Showstars sicher sein kann. Körtner macht noch andere Motive aus: "Menschen, vor allem junge, verspüren ein allgemeines Bedürfnis nach Orientierung. So nehmen Jugendliche ganz unterschiedliche Angebote wahr, auch wenn sie sich nicht bewusst für religiös halten." Das bestätigt Christoph Bochinger, Religionswissenschaftler der Universität Bayreuth: "Mein Eindruck ist, dass viele Jugendliche, die zum Weltjugendtag kamen, innerlich sehr weit von dem entfernt sind, was der Papst von ihnen verlangt." Er fügt hinzu "Man hat das als ein Fest wahrgenommen, von dem man Erfahrungen mitnehmen kann – und zwar durchaus auch spirituelle Erfahrungen."
Das ist der entscheidende Punkt. Religion bedeutet nicht gleich Kirche, und Glaube kann ganz unterschiedlich aussehen. "Die Jugendlichen haben ein Interesse an der Religion, aber auf ihre eigene Art und Weise." Bochinger hat kürzlich den Begriff des "spirituellen Wanderers" geprägt. Ein Phänomen, das nicht nur außerhalb der Kirchen existiert, sondern ebenso innerhalb: Menschen, deren spirituelle Identitäten sich wandeln. Die sich ihren Glauben zusammenstellen, "wie sie einen Blumenstrauß pflücken." Indem sie sich von dem, was am Wegesrand wächst, inspirieren lassen.
Zu glauben, mit den sinkenden Mitgliederzahlen der Kirchen gehe gleichzeitig das Interesse an Religion zurück, sei ein Trugschluss, warnt Christoph Bochinger. Kirchliche Großereignisse wie das ökumenische Taizé-Treffen, die evangelischen Kirchentage und eben auch die katholischen Weltjugendtage brächten das besonders gut zum Ausdruck. "Es gibt ein großes Interesse an religiösen Erfahrungen im weiteren Sinne, die sich aber nicht mehr in diese kirchlich vermittelten Formen fügen." Der "Religionsmarkt" von heute ist zugänglich für jeden. Der spirituelle Wanderer entscheidet selbst, wo er sich bedient. Er möchte sich nicht festlegen, woran er glaubt. Vielmehr ist er davon überzeugt, dass es viele Wege gibt, die ihn zur Wahrheit führen und er ist offen gegenüber anderen Angeboten, selbst wenn er sie im Moment vielleicht nicht annehmen mag. Gott beziehungsweise das Absolute ist nicht greifbar, aber Ausgangspunkt und Quelle des Guten, so der Grundtenor.
Nicht nur Privatsache
Weitere Gründe für den Gewinn an öffentlicher Relevanz von religiösen Themen finden sich spätestens seit dem 11. September auch in der Begegnung mit dem Islam. Sie zwingt die Europäer, sich bewusster mit den eigenen religiösen Orientierungen auseinanderzusetzen. "Religion ist weltweit offensichtlich nicht nur Privatsache", sagt Theologe Körtner. "Wir haben in der europäischen Aufklärung die Privatisierung der Religion erlebt – mit der Folge, dass Religion heute akzeptiert ist, solange sie nicht die öffentliche Ordnung stört. Doch dieses Verständnis reicht nicht mehr." Die verstärkte öffentliche Auseinandersetzung wertet Körtner nicht als Indiz für eine religiöse Aufbruchstimmung, wohl aber als "Ausdruck einer bestimmten Verunsicherung und Verlegenheit". Er persönlich sieht in der öffentlichen Debatte auch eine Chance für die Kirchen.
Genau jetzt wäre die Zeit reif, darauf hinzuweisen, dass die Kirche "nicht immer dasselbe, sondern auch etwas anderes zu bieten hat". Menschen seien nicht von Natur aus religiös, aber: "Wir sind Wesen, die beharrlich nach Sinn fragen. Dieses Bedürfnis gehört zum Menschen konstitutiv dazu."
Dorothea Fischer
Erstellt: 07-04-06
Letzte Änderung: 11-04-06