Die Sonderausgabe der CD-Tipps präsentiert exklusiv zum musikalischen Großereignis der Fête de la Musique eine Playlist mit 10 Titeln. Viel Spaß beim Reinhören, Entdecken und Einstimmen auf das einzigartige Umsonst-und-Draußen-Festival.
Alljährlich steigt zum Sommeranfang am 21. Juni weltweit die Fête de la Musique. Der Ursprung des Live-Musik-Festivals liegt in Frankreich, wo es 1982 erstmalig in Paris stattgefunden hat. Inzwischen sind über 340 internationale Städte daran beteiligt, davon 60 allein in Europa, und 22 in Deutschland. Jedes Jahr kommen neue Städte hinzu, wie dieses Jahr Hanau, Quedlenburg und Wolfenbüttel. An diesem außergewöhnlichen Tag präsentieren Bands jeglicher Couleur ihre Musik vorwiegend unter freiem Himmel und verzichten dabei sogar auf ihr Honorar. Für die Besucher bedeutet dies, dass alle Veranstaltungen öffentlich sind und keinen Eintritt kosten..

The Sweet Vandals« Lovelite »
SoulUnique Records /
Groove Attack 
Als „Dirty Club Sound” bezeichnen die Sweet Vandals selbst ihren energiegeladenen Soul-Sound. Dabei vertraut die Funkformation aus Madrid völlig auf die gute alte analoge Studiotechnik sowie die Originalinstrumente aus der Hochzeit des Soul und Funk, der 60er und 70er Jahre. Da darf der warme und voluminöse Klang der Hammondorgel nicht fehlen, gepaart mit einem druckvollem Bläsersatz und einer treibenden Rhythmussection. Doch vor allem ist es die Frontfrau Mayke Edjole, die aufgrund ihrer langjährigen Gospelerfahrung gesanglich den Sound der Sweet Vandals prägt. Wenn die Sweet Vandals loslegen, dann groovt es an allen Ecken, die Clubs beginnen zu kochen, das Publikum tobt und bewegt sich glücklich im Einklang des „Dirty Club Sounds“.

Roberto Fonseca« Akokan »
Latin-JazzEnja Records /
Harmonia MundiWebsite 
Der Kubaner Roberto Fonseca ist ein begnadeter Pianist. Bereits mit 15 Jahren ist er die absolute Sensation auf dem Jazz-Plaza-Festival in Havanna. Nach dem Studium verdient er sich seine musikalischen Sporen bei dem legendären Buena Vista Social Club, als Nachfolger für den einmaligen Rubén González sowie im Orchester von Ibrahim Ferrer. Aber auch mit Jazzmusikern wie Herbie Hancock, Wayne Shorter oder Michael Brecker kollaborierte der Meister des lateinamerikanischen Klavierspiels bereits. Auf „Akokan“ wird Fonseca von der charismatischen kapverdischen Sängerin Mayra Andrade sowie dem Sänger und Gitarristen Raul Midón unterstützt. Fonseca wird zu Recht als das „vielversprechendste und wichtigste Talent der kubanischen Musik“ gefeiert, denn sein rhythmisches und einfühlsames Spiel lädt zugleich zum Tanzen wie zum Träumen ein.


Zurück in die Vergangenheit katapultiert uns die ausgezeichnete Afro-Beat-Kompilation „Legends of Benin”. Diese Perlen des Funk waren außerhalb Afrikas bisher gänzlich unbekannt, denn es bedurfte erst der akribischen und verdienstvollen Arbeit des Analog Africa Labels, damit sie nun auch westlichen Musikinteressierten zu Ohren kommen. Entstanden sind die von Afro-Beat und James Brown beeinflussten Songs zwischen 1969 und 1981. Auf dem vorzüglichen Sampler präsentieren Gnonnas Pedro et Ses Dadjes, Antoine Dougbé, El Rego et Ses Commandes und Honoré Avolonto mit ihrem frenetischen Afro-Beat die Ursprünge des Funk. Ein absolutes Muss für jede Funk-Party!

Pascal Schumacher Quartet« Here We Gong »
JazzEnja Records /
Harmonia MundiWebsite 
Der luxemburgische Vibraphonist Pascal Schumacher lebt für sein Instrument. Der Titel seines Albums „Here We Gong“ geht auf Steve Reich zurück, der in seiner Komposition „Music For 18 Musicians“ dem Vibraphon eine tragende Rolle verliehen hat. Von der Minimal und Experimental Music fasziniert, studierte Schumacher in Straßburg zunächst klassisches Schlagwerk, um sich dann dem Jazz zuzuwenden. Begleitet von Franz von Chossy am Klavier, Christophe Devisscher am Bass und Jens Düppe am Schlagzeug, verbindet Schumacher virtuos Elemente der experimentellen Musik, wie zum Beispiel komplexe Motiv-Einschübe, Schichtungen, Ostinato-Figuren und ungerade Metren, mit der Leichtigkeit der Jazz-Improvisation. Aktuell gibt es kein innovativeres Album, das mit einem solch swingenden Verve neue Wege des Jazz beschreitet.

Piano Red aka Dr. Feelgood« Rocks »
Rhythm’n’BluesBear Family Records / PMS

Sein impulsives Pianospiel und seine gutgelaunten Kompositionen haben sowohl Little Richard und Aretha Franklin als auch Rockabilly-Musiker wie zum Beispiel Carl Perkins stark beeinflusst. Als Piano Red nahm er um 1950 seine ersten R&B-Erfolge auf und verbuchte 1962 nach einem Labelwechsel als Dr. Feelgood seine größten Hits. Keine Frage, die Piano Red aka Dr. Feelgood Zusammenstellung „Rocks“ aus dem Hause Bear Family präsentiert die Perlen aus dem Gesamtoeuvre des Klaviermaniacs, denn neben einem ausführlichen Booklet mit zahlreichen Fotos finden sich unter den 33 Songs auch fünf bisher unveröffentlichte Titel.

Peter Broderick« Float »
Neo-ClassicType /
La BaleineMyspace 
Peter Broderick ist Teil einer aktuell aufkommenden Strömung in der alternativen Musikszene. Mit Musikern wie Hauschka, Max Richter und Nils Frahm verbinden ihn der Einsatz des Piano als zentrales Instrument sowie die Arbeit mit Elementen aus dem Bereich der Klassik. Broderick kreiert durch die Paarung seines Klavierspiels mit Streichinstrumenten und elektronischen Sounds berührend schöne Stimmungen, die Zeit und Raum auflösen und in denen man sich wunderbar verlieren kann. Während er als Musiker der dänischen Post-Rock-Band Elfterklang Teil eines orchestralen Bandkonzepts ist, widmet er sich auf seinem eindringlichen Soloalbum „Float“ dem reduzierten Sound. „Float“ ist ein äußerst bewegendes und intensives Album, auf dem jede einzelne Note einen ganz besonderen Stellenwert hat.

Seun Kuti & Fela’s Egypt 80« Many Things »
Afro-BeatTôt Au Tard /
IndigoMyspace 
Als Seun Kuti 1982 in Nigeria auf die Welt kam, war sein Vater Fela Kuti längst eine Legende. Denn wie kaum ein anderer hat Fela Kuti den Afro-Beat-Sound geprägt und damit sogar den Westen erobert. Mitreißender Funk, psychedelischer Rock, westafrikanische Polyrhythmik und kraftvolle Frage-Antwort-Chöre mit radikalen politischen Statements zeichnen ebenso die Musik seines Sohnes Seun aus. Es ist ein schweres musikalisches Erbe, das Seun Kuti mit seinem Album „Many Things“ antritt, doch er meistert es mit Bravour. Auch politisch tritt er in die Fußstapfen seines Vaters. Der Titelsong ist ein Spott auf die Politik des nigerianischen Präsidenten Olusegon Obasanjo, der einzig prestigeträchtige Bauprojekte verfolgt, während das Volk unter Nahrungsmangel leidet.

V.A.« Comfusões 1 »
African-SoulWebsiteMyspace 
Der brasilianische Produzent Maurício Pacheco reist seit 2000 regelmäßig nach Angola, seitdem er die dortige Popmusik der 60er und 70er Jahre für sich entdeckt hat. Begeistert von Sängern wie Teta Lando, Artur Nunes oder Carlos Lamartine kam ihm die Idee für einen Transfer der Songs in die Jetztzeit der brasilianischen Clubmusik. Befreundete Produzenten und DJs wie zum Beispiel Mario Caldato Jr., der unter anderem die Beastie Boys und Beck produziert hat, sowie Dj Dolores, Moreno Veloso und Kassin nahmen sich der Neubearbeitung und dem Remix der Originalsongs aus Angola an. Die Mixtur aus Alt und Neu, aus traditionellem Gesang mit dancefloortauglichen Rhythmen machen die Kompilation „Comfusões 1“ zu einem der Meilensteine der diesjährigen Weltmusik-Alben. Sie birgt einen wahren Schatz an Musikern und Produzenten, die es noch zu entdecken gilt.

Roy Lee Johnson« When A Guitar Plays The Blues »
SoulBear Family Records / PMS

Für Deep-Soul-Fans ist Roy Lee Johnson eine Kultfigur, denn der legendäre Gitarrist und Komponist hat Songs geschrieben und interpretiert, mit denen unter anderem die Beatles, Albert Collins und Roy Buchanan berühmt wurden. Erstmals finden sich all die raren Singles Johnsons auf dem großartigen Album „When A Guitar Plays The Blues“ versammelt - bisher waren sie auf Platten-Auktionen nur zu horrenden Summen erhältlich. Neben ergreifenden Soulballaden finden sich wilde Instrumentals und Up-Tempo-Soul-Nummern, die jede Tanzfläche füllen. Roy Lee Johnson hat seine ersten musikalischen Erfahrungen bei Aufnahmen mit Piano Red gesammelt und gehört - völlig zu Unrecht - zu den vergessenen Helden der Soul-Musik.

A Hawk And A Hacksaw« Délivrance »
Balkan-BeatThe Leaf Label /
Indigo /
Differ-AntWebsiteMyspace 
Auf der Fête De La Musique darf sie einfach nicht fehlen, die Musik Osteuropas, deren Wurzeln in der Kultur der Gypsys liegt. Doch A Hawk And A Hacksaw rennen keinem folkloristischen Gypsytrend hinterher. Stattdessen begeben sich Jeremy Barnes und Heather Trost auf Reisen, um die verschiedensten musikalischen Strömungen vor Ort aufzusaugen und in ihre Kompositionen einfließen zu lassen, wie zuletzt in Budapest. Und so haben sie für „Délivrance“ ungarische Musikergrößen wie Ferenc Kovács und Kálmán Balogh ins Studio eingeladen. Die größtenteils instrumentalen Songs greifen bewusst traditionelle Elemente auf, werden aber von A Hawk And A Hacksaw mit ihrer persönlichen westlichen Musikprägung konfrontiert. Und auch von der Aufführungskultur der osteuropäischen Musiker lassen sie sich inspirieren, und so geben A Hawk And A Hacksaw mit Vorliebe spontane Straßenkonzerte.
Matthias Schneider