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Kino auf ARTE - 09/03/12

Sonnensucher

Spielfilm, Deutsche Dem Rep, 1958, ZDF, 111 Min.
Regie: Konrad Wolf, Drehbuch: Karl-Georg Egel, Paul Wiens, Kamera: Werner Bergmann, Musik: Joachim Werzlau, Schnitt: Christa Wernicke, Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Produzent: Hans-Joachim Schoeppe
Mit: Ulrike Germer (Ulrike von Zerboni "Lutz" ), Günther Simon (Franz Beier), Erwin Geschonneck (Jupp König), Viktor Awdjuschko (Sergej Melnikow), Willi Schrade (Günter Holleck), Wladimir Jemeljanow (Oberst Fedossjew), Manja Behrens (Emmi Jahnke), Norbert Christian (Josef Stein), Erich Franz (Weirauch), Rimma Schorochowa (Wera), Brigitte Krause (Berta), Horst Kube (Wenzel)

Konrad Wolfs "Sonnensucher" erzählt von Menschen und Schicksalen im Uranabbau der "Wismut", in den ersten Nachkriegsjahren ein Sammelbecken für Gestrandete, Aufbauwillige und Abenteurer - Deutsche und Russen. Die DEFA-Produktion, die bereits 1958 fertiggestellt wurde, kam nach Intervention durch die Sowjetunion, die den Film wohl als zu kritisch und realistisch empfand, erst 1972 in die Kinos der DDR. Bis heute hat der Film aufgrund seines Themas eine aktuelle politische Brisanz.



Im Herbst 1950 ist der Uranbergbaubetrieb "Wismut" im Erzgebirge fest in sowjetischer Hand. Das Uran soll dem Land dazu dienen, nach den amerikanischen Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki ebenfalls zur Atommacht aufzusteigen. Unter Tage arbeiten Aufbauwillige, Abenteurer, Gestrandete, Deutsche und Russen, einige zukunftsfroh, manche noch von der Vergangenheit gefangen.
Emmi Jahnke und das 18-jährige, elternlose Mädchen Lutz kommen zwangsweise, da sie in Berlin von der Polizei verhaftet wurden und keine regelmäßige Arbeit nachweisen konnten. In Wirklichkeit hat Emmi ihr Überleben in der Nachkriegszeit durch Prostitution gesichert, und Lutz war von frühen Jahren an wehrlosen Übergriffen von Männern ausgesetzt. Der üble Leumund eilt den beiden voraus, ganz zum Missfallen des Obersteigers Franz Beier, der den Schacht leitet und gegenüber den Eigentümern den reibungslosen Ablauf verantwortet. Trotzdem findet der Kriegsversehrte bald Gefallen an Lutz - ebenso wie der junge Hauer Günter Holleck. Mit ihm lebt sie eine Zeitlang zusammen, muss aber schon bald erkennen, dass er nicht der richtige Partner für sie ist.
Aber nicht nur ihre privaten Probleme beschäftigen sie, auch gibt es Konflikte: Es fehlt an Material, und den Arbeitskräften im Betrieb mangelt es an gründlicher Sachkenntnis. Außerdem wird dem Obersteiger Beier mit viel Misstrauen begegnet, hat er doch unangenehme Offiziersallüren noch immer nicht abgelegt. Für Lutz wird der sowjetische Ingenieur Melnikow zur moralisch-integren Instanz und zum Vorbild. Zögernd beginnen die Arbeitspartner aufeinander zuzugehen ...

Der ungeschönt realistische Film mit seiner außergewöhnlichen Heldenwahl erzählt auch vom beginnenden Atomzeitalter und dem sorglosen Umgang mit den Gefahren des Uranabbaus. Das beweisen Dialogsequenzen wie "Ich bin radioaktiv von vorne und hinten" oder "Was meinst du, wie wir leuchten werden?". Da die Sowjetunion in der Auseinandersetzung um die atomare Aufrüstung nicht zeigen wollte, woher sie das Uran bezog, bewirkte sie ein Aufführungsverbot des Films. Erst 1971, anlässlich des 25. Jahrestags der "Wismut", wurde Konrad Wolfs Werk erstmals gezeigt. Ein Jahr später zeigte ihn das DDR-Fernsehen. Die "Wismut" zählte nach den Abbaugebieten in den USA und in Kanada zum drittgrößten Uranproduzenten weltweit. Der Bergbau wurde nach der Deutschen Einheit am 31. Dezember 1990 eingestellt, das staatliche Nachfolgeunternehmen der "Wismut" musste die großflächige Altlastensanierung übernehmen.
Konrad Wolf wird 1925 in Hechingen (Württemberg) als Sohn des kommunistischen und jüdischen Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf geboren. Kurz nach dem Reichstagsbrand 1933 flieht zunächst Friedrich Wolf, danach seine Familie aus Deutschland. Die Emigration führt sie in die Schweiz und nach Frankreich. Ende 1934schließlichist die Familie in Moskau wieder vereint. Konrad Wolf tritt mit 18 Jahren in die Rote Armee ein und kommt 1945 als Leutnant nach Deutschland. 1949 nimmt er ein Regiestudium an der Moskauer Filmhochschule auf. 1953 arbeitet er als Regieassistent bei Kurt Maetzig im DEFA-Studio. 1955 dreht er seinen ersten eigenen Film: "Einmal ist keinmal". Wolf entwickelt sich schon schnell zu einem der kreativsten und einflussreichsten Regisseure im DEFA-Studio für Spielfilme. Zu seinen wichtigsten Filmen zählen "Genesung" (1956), "Lissy" (1957), "Sterne" (1959), "Der geteilte Himmel" (1964), "Ich war 19" (1968), "Goya" (1971), "Der nackte Mann auf dem Sportplatz" (1974), "Mama, ich lebe" (1977), "Busch singt" (sechs Teile fürs DDR-Fernsehen, 1982). Ab 1965 ist er Präsident der Akademie der Künste der DDR. Mit "Solo Sunny" feiert er bei der Berlinale 1980 einen seiner größten Erfolge. Konrad Wolf stirbt am 7. März 1982 in Berlin.
Stimmen zum Film: "...Konrad Wolfs verbotener DEFA-Film ‚Sonnensucher', 1972, ein geniales Opus auf die Wismut-Zeit, das sozialistische Klondike-Fieber, den exzessiven Uran-Abbau durch die Sowjets im Erzgebirge."
(Ingeborg Ruthe, Berliner Zeitung, 09.02.2010)

Sonnensucher
Montag 12. März 2012 um 20.15 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutsche Dem Rep, 1958, 111mn)
ZDF

Erstellt: 06-03-12
Letzte Änderung: 09-03-12