Das Sonar Festival feierte dieses Jahr seinen 15. Geburtstag. Es fand vom 19.-21. Juni in Barcelona statt. Seit seinem Entstehen im Jahre 1993, zu dem ca. 5.000 Besucher kamen, hat es sich zum Branchentreff der elektronischen Musik gemausert. Mittlerweile ist es das wichtigste Festival seiner Art in ganz Europa. In den letzten Jahren wurden sogar 50.000 Besucher gezählt. Doch das Sonar weiß seine Größe geschickt zu verbergen. Über die Musiker des Festivals, über die Auftritte von Stars wie dem amerikanischen Elektronik-Visionär Jeff Mills oder Richie Hawtin wird viel geschrieben, aber grade auch Sektionen wie Sonar Màtica haben die Aufmerksamkeit des Lesers verdient. Immerhin sind sie so etwas wie das intellektuelle Alibi des Festivals, das sich Fortschritt und Experiment in Musik und Multimedia widmet.
Kino jenseits des Kinos
„Kino jenseits des Kinos“ lautet der Titel der diesjährigen Sonar Màtica. Dabei geht es nicht nur um Filme. Die Sonar Màtica will vielmehr erkunden, welche Auswirkungen die Digitalisierung für den audiovisuellen Bereich hat. Portale wie Google oder YouTube sind längst nicht mehr nur so etwas wie eine globale Videothek. Sie verändern auch die Sprache des Kinos. Als Beispiel dafür darf der experimentelle Dokumentarfilmer Jonathan Caouette, dessen Film TARNATION aus einem Konglomerat u.a. aus selbst gedrehtem Super 8-Material besteht, eine kleine Sammlung an ausgewählten YouTube-Videos und Schnipseln präsentieren, die schräger kaum sein könnte. So etwa eine Musikclip-Parodie mit Cher, Britney und Madonna, in der ein ekliger Wurm eine große Rolle spielt.
Ein weiterer, sehr kurzer Film gibt vor, auf einer Party entstanden zu sein. Ein Typ auf LSD schneidet vor einem Spiegel diverse Fratzen, das ist alles. „Masterbation“ ist ein kleiner Film aus dem prüden Amerika der Sechziger Jahre, in dem eine Mutter ihre Tochter beim Onanieren überrascht.
Magische Automaten damals und heute
Die Sonar Màtica präsentiert in ihrer Ausstellung einen Querschnitt magischer Automaten von damals und heute, von der Magischen Laterne über Chronophotographen und Panoramas bis zum Zootropen. Eines der ältesten Ausstellungsstücke ist dabei die Wundertrommel, auch Zootrop oder Lebensrad genannt. Erfunden wurde sie bereits 1832, vor mehr als 170 Jahren. Sie ist ein direkter Vorläufer der Kinematographie: Auf einer drehbaren Scheibe sind Zeichnungen von bewegten Szenen in verschiedenen Bewegungsphasen angeordnet. Durch Drehen der Scheibe nimmt der Betrachter, der durch einen Schlitz sieht, wegen der Trägheit des Auges eine kontinuierliche Bewegung wahr. Die Wundertrommel wird heute wieder als Kinderspielzeug verkauft, bei einigen Online-Anbietern ist sie sogar ausverkauft. Aus einzelnen Bildern eines Pferdes in verschiedenen Bewegungsstadien wurde so erstmals ein galoppierendes Pferd.
Das spanische Projekt Biophonitos von Paola Guimerans nimmt direkt Bezug auf die Wundertrommel und versucht die ersten Schritte der kinematographischen Technik mit heutigem Wissen zu verbinden. "Biophonitos" sind kleine virtuelle Haustierchen, die sich erstaunlich natürlich bewegen können und die Möglichkeit besitzen, mit dem Benutzer in Kontakt zu treten.
Das 19. und das 21. Jahrhundert ähneln sich
Überhaupt ist den Objekten von damals und heute viel gemein, nicht nur, dass sie damals wie heute die Zuschauer zum Staunen bringen. Kurator Oscar Abril Ascaso: "Wir glauben, dass sich das 19. und das 21. Jahrhundert in vielen Dingen ähneln. Beide stehen für eine wissenschaftliche und technologische Hochzeit und einen Wandel im Kulturkonsum. Mit der Anfangszeit des Kinos wurden Erfindungen oft auf Jahrmärkten vorgeführt. Wir präsentieren sie im Rahmen des Sonar, einem Festival mit Volksfestcharakter."
Betritt man die Ausstellung in den Kellergewölben des Museu d’Art Contemporani de Barcelona, kurz MACBA genannt, kommt man aus dem Staunen so schnell nicht wieder heraus.
Als Erstes darf der Besucher Platz nehmen auf einer Sitzgelegenheit, die an ein entkerntes Rennauto erinnert, von dem nur der Sitz übrig geblieben ist. Ein Schild neben der Installation "Beijing Accelerator" des Niederländers Marnix De Nijs weist darauf hin, dass dies nur etwas für Menschen ist, denen nicht schnell schwindlig und damit übel wird. Der Sitz dreht sich um die eigene Achse, vor den Füssen ist eine Projektionsfläche befestigt, die sich mitdreht. Darauf zu sehen sind Bilder von Stadtlandschaften Pekings, die sich in schneller Bewegung befinden. Aufgabe des Besuchers ist es, die Geschwindigkeit, mit der er sich dreht mit der der gezeigten Bilder in Einklang zu bringen. Gelingt ihm dies, schwindet seine Desorientierung, und er wird die urbanen Landschaften genießen können.
"Level Head" von Julian Oliver könnte eine direkte Realisation von einigen komplexen Gedankengängen des argentinischen Autors Jorge Luis Borges sein: Ein magischer, eine Hand großer Würfel darf vom Besucher vorsichtig bewegt werden. Darin „wohnt“ ein kleines Männchen, das durch die Bewegungen auf den Ebenen innerhalb des Würfels hin und herläuft, und nach einem Ausgang sucht. Das Innenleben des Würfels wird dabei auf eine Leinwand projieziert. "Level Head" trainiert das räumliche Gedächtnis, denn es gibt nur einen Ausgang und drei unterschiedliche Ebenen, die jeweils durch eine Tür miteinander verbunden sind.
"Boxed-Ego" von Alvaro Cassinelli aus Italien ist einer der Gewinner des japanischen Media Arts Festivals. Die Installation ist eine doppelte Falle. Im Sinne einer Peep-Show sieht der Zuschauer in eine Box. Wartet er lange genug, wird er sich selbst in der Box sehen, in die Box sehend. Sein eigenes Bild wird dabei in die Box übertragen. "Boxed-Ego" kombiniert verschiedene Techniken der Vorkinozeit (Stereoskope, Diorama und Peep-Show), um dem Zuschauer ein Aus-dem-Körper-Sein-Erlebnis zu garantieren. Eine gespenstische Erfahrung. We are the time. We are famous
Ebenfalls ganz im Zentrum der Installation "We are the time. We are famous" der Künstler Andy Cameron, Oriol Ferrer Mesià, David McDougall, Joel Gethin Lewis, Hansi Raber ist der Betrachter selbst. Auf der linken Projektionsfläche bildet sich großformatig das eigene Bild des Betrachters ab, wie ein Zeitraffer zeigt sie die Bewegungen. Rechts zerlegt sich die Bewegung in viele kleine einzelne Abläufe. Je schneller die Bewegungen, umso mehr passiert. Diesmal geht es um Zeitabläufe, nicht um Räume, aber erneut darf Borges inspirieren. Der Titel "We are the time. We are famous" entstammt einem seiner Gedichte.
Kurz vor dem Ausgang der Ausstellung gibt es noch ein wundersames Schattenspiel namens „Takashi Seasons“ zu bewundern. Es besticht durch seine Schlichtheit und bezieht sich auf die jahrhundertealte Tradition des Schattenspiels. In einer Mischung aus Live/Video-Performance darf die Puppe Takashi die vier Jahreszeiten erleben, wie sie in Japan üblich sind. Mit der Kirschblüte beginnt das Schuljahr der Kinder. Im Sommer zirpen die Grillen, im Herbst gibt es durch die Luft schwirrende Insekten und im Winter hört man die Tempelglocken in einer klirrend kalten Nacht. „Kino jenseits des Kinos“ stellt alte neben neue magische Automaten und stellt so eine Verbindung zwischen diesen her. Wir Zuschauer staunen über beides: Was die alten Automaten von damals schon konnten, was die neuen Automaten alles können, und wie viel die alten und die neuen miteinander zu tun haben. Eine gelungene Ausstellung für ein modernes elektronisches Volksfest.
Das FestivalSonar 2008
vom 19. bis zum 21. Juni 2008
in Barcelona, Spanien
>> Offizielle Website






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