„Sittenlehre“ heißt der neue Roman des 1967 geborenen Argentiniers, der hierzulande bereits mit den Romanen „Sekundenlang“ und „Zweimal Juni“ Bewunderung erregte. Das Buch spielt Anfang der 80er Jahre unter der Militärdiktatur im Elitegymnasium Colegio Nacional. Hinter den dicken Mauern der Schule in Buenos Aires, unter deren Absolventen zahlreiche nationale Helden sind, herrscht paramilitärischer Drill. Kleidung und Frisur unterliegen strikten Regeln, jede spontane Lebensäußerung wird unterbunden. Größte Angst herrscht vor den Hormonen der Heranwachsenden. Jeder Klasse ist ein Aufseher zugeordnet, der Verstöße gegen die Vorschriften streng ahndet.
Die Knabentoilette der Schule als Schule des Lebens

Von Martín Kohan
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Suhrkamp Verlag
August 2010
ISBN-13: 978-3518421826

Raum ist in der kleinsten Hütte und Bedeutung in der beschränktesten Hauptfigur. Was Kohan mit dieser schlichten und räumlich begrenzten Handlung anfängt, ist phänomenal. Sein Roman liest sich ungemein spannend, aber nicht, weil die Jagd nach den schändlichen Rauchern fiebern lässt. Sondern weil sich Kohan mit großer Aufmerksamkeit in seine Hauptperson und ihr schäbiges Tun versenkt. Die Knabentoilette wird für die unerfahrene María Teresa zum Ort, an dem sie das andere Geschlecht kennenlernt, näher übrigens, als sie es sich wünscht. Die Knabentoilette der Schule wird zur Schule des Lebens.
Tollkühne Pflichterfüllung
Kohans Erzähler ist der Hauptperson nahe, bleibt aber distanziert. Zuweilen korrigiert er trocken María Teresas Vorstellungen („das stimmt nicht") oder vermerkt ihre Gedankenlosigkeit („sie denkt aber keinesfalls darüber nach"). Worüber sie nicht nachdenkt, teilt der Erzähler durchaus mit, jedoch so, dass María Teresa ihm nicht widersprechen könnte: dass sie eine „schwer zu bestimmende und ebenso schwer aufrechtzuerhaltende Form persönlicher Befriedigung erlebt, die zweifellos der Tollkühnheit zuzuschreiben ist, die sie sich bei der Erfüllung ihrer Pflicht herausnimmt". Es ist die Lust am Gehorsam.
Eine weniger folgsame Lust schenkt Martín Kohan seiner Hauptperson auch: María Teresa empfindet sie nämlich, während sie die Verrichtungen der Jungen mit ihrem „Ding" allein mit den Ohren und einer recht präzisen Vorstellungskraft verfolgt. Bald zieht sie in der Kabine regelmäßig ihr Höschen aus und pinkelt, vorsichtig über dem ungewohnten Loch in der Keramik balancierend, geräuschlos und zeitgleich mit dem jeweiligen unbekannten Besucher. Ein Kitzel herrscht danach in ihrem Unterleib, insbesondere beim Gedanken an einen der Jungen, und sie weiß nicht, warum. Der Leser aber weiß es.
Der abgründige Hort der Aufklärung

Informationen über Literatursendungen bei ARTE, aktuelle Buchtipps, Neues aus der Welt des Krimis und Rätselhaftes.
Buchtipp der Woche - immer donnerstags:
Deutsche, französische und internationale Literatur
KrimiWelt-Bestenliste - monatlich:
Spannende und thematisch ausgefallene Kriminalromane
Weltempfänger
- alle 3 Monate:
Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika

Und wo bleibt der Krieg? Er ist in allem präsent, er durchdringt alles. Wegen des Krieges wird María Teresas Bruder als Soldat an einen Standort im Süden, nahe den Falkland-Inseln, verlegt und darf dies auf seinen Postkarten nicht mitteilen. Am Ende wird der Krieg das erste Mal erwähnt – mit seinem Ende, der Kapitulation Argentiniens im Falkland-Krieg. Danach fällt das Schulregime, die Leitung wird ohne eine Erklärung ausgetauscht, sie verschwindet einfach. María Teresa tut es ihr nach, sie zieht mit Mutter und Bruder in die Provinz. Alles, was geschehen ist, wird beschwiegen. Davon erzählt Martín Kohan in „Sittenlehre", indem er das Verschwinden seiner Figuren aus Buenos Aires trocken referiert. Ein leiser, ein großer Roman.
Eine Rezension von Jörg Plath






per E-Mail verschicken
RSS
Facebook
Twitter

