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Martín Kohan - 23/09/10

Sittenlehre

Eine Rezension von Jörg Plath


Buenos Aires, Anfang der 1980er Jahre: Martín Kohans Roman „Sittenlehre“ erzählt, wie die Militärdiktatur und der Falkland-Krieg die Atmosphäre an einer Eliteschule vergiften.

Über den Krieg lässt sich auf viele, ungeheuer viele Weisen schreiben, und man sollte glauben, dass im Laufe der menschlichen Geschichte alle möglichen Varianten ausprobiert worden sind: die naheliegenden mit Schlachtengetümmel, Blut, Schweiß und Schmerzen ebenso wie die leisen, introvertierten mit seelischen Schäden, kleinen Niedertrachten und Lügen, dazu natürlich all die Varianten dazwischen. Alle? Der argentinische Schriftsteller Martín Kohan schreibt über den Krieg, indem sich seine weibliche Hauptfigur vor allem auf der Knabentoilette aufhält.

„Sittenlehre“ heißt der neue Roman des 1967 geborenen Argentiniers, der hierzulande bereits mit den Romanen „Sekundenlang“ und „Zweimal Juni“ Bewunderung erregte. Das Buch spielt Anfang der 80er Jahre unter der Militärdiktatur im Elitegymnasium Colegio Nacional. Hinter den dicken Mauern der Schule in Buenos Aires, unter deren Absolventen zahlreiche nationale Helden sind, herrscht paramilitärischer Drill. Kleidung und Frisur unterliegen strikten Regeln, jede spontane Lebensäußerung wird unterbunden. Größte Angst herrscht vor den Hormonen der Heranwachsenden. Jeder Klasse ist ein Aufseher zugeordnet, der Verstöße gegen die Vorschriften streng ahndet.

Die Knabentoilette der Schule als Schule des Lebens

Sittenlehre
Von Martín Kohan
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Suhrkamp Verlag
August 2010
ISBN-13: 978-3518421826
Die Aufseherin María Teresa nimmt ihre Aufgabe sehr ernst. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen und lebt bei ihrer depressiven Mutter. Der Vater ist spurlos verschwunden, der zur Armee eingezogene Bruder schickt von wechselnden Standorten erratische Postkarten mit nur einem Wort, seinem Vornamen. Die junge Frau bewundert den angesehenen Oberaufseher Biasutto, der vor Jahren ominöse „Listen" erstellte, offenbar Denunziationslisten. Um die Zuneigung des freundlichen älteren Herrn zu erringen, will sie die Schüler auf frischer Tat beim verbotenem Rauchen ertappen. Der Wunsch nach Liebe und die Bereitschaft zur Denunziation wie Unterwerfung lassen María Teresa stundenlang in einer Kabine der Knabentoilette ausharren.
Raum ist in der kleinsten Hütte und Bedeutung in der beschränktesten Hauptfigur. Was Kohan mit dieser schlichten und räumlich begrenzten Handlung anfängt, ist phänomenal. Sein Roman liest sich ungemein spannend, aber nicht, weil die Jagd nach den schändlichen Rauchern fiebern lässt. Sondern weil sich Kohan mit großer Aufmerksamkeit in seine Hauptperson und ihr schäbiges Tun versenkt. Die Knabentoilette wird für die unerfahrene María Teresa zum Ort, an dem sie das andere Geschlecht kennenlernt, näher übrigens, als sie es sich wünscht. Die Knabentoilette der Schule wird zur Schule des Lebens.

Tollkühne Pflichterfüllung

Kohans Erzähler ist der Hauptperson nahe, bleibt aber distanziert. Zuweilen korrigiert er trocken María Teresas Vorstellungen („das stimmt nicht") oder vermerkt ihre Gedankenlosigkeit („sie denkt aber keinesfalls darüber nach"). Worüber sie nicht nachdenkt, teilt der Erzähler durchaus mit, jedoch so, dass María Teresa ihm nicht widersprechen könnte: dass sie eine „schwer zu bestimmende und ebenso schwer aufrechtzuerhaltende Form persönlicher Befriedigung erlebt, die zweifellos der Tollkühnheit zuzuschreiben ist, die sie sich bei der Erfüllung ihrer Pflicht herausnimmt". Es ist die Lust am Gehorsam.
Eine weniger folgsame Lust schenkt Martín Kohan seiner Hauptperson auch: María Teresa empfindet sie nämlich, während sie die Verrichtungen der Jungen mit ihrem „Ding" allein mit den Ohren und einer recht präzisen Vorstellungskraft verfolgt. Bald zieht sie in der Kabine regelmäßig ihr Höschen aus und pinkelt, vorsichtig über dem ungewohnten Loch in der Keramik balancierend, geräuschlos und zeitgleich mit dem jeweiligen unbekannten Besucher. Ein Kitzel herrscht danach in ihrem Unterleib, insbesondere beim Gedanken an einen der Jungen, und sie weiß nicht, warum. Der Leser aber weiß es.

Der abgründige Hort der Aufklärung

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Das von Kohan fein dosierte Verhältnis von Wissen und Unwissen prägt nicht nur die Lektüre, sondern auch das Buch auf vielen Ebenen: in dem Wechsel zwischen Figurenschilderung und Erzählerkommentar, Erzählung und Bericht, in der ironischen Spannung zwischen dem eher profanen Geschehen und den vier hochgemuten, sich wiederholenden Kapitelüberschriften „Juvenilia“ (künstlerische Jugendwerke), „Der Hort der Aufklärung“, „Siebente Stunde“ und „Sittenlehre“. Der ständige unaufdringliche Verweis auf anderes lässt den Roman symbolisch werden: María Teresas Spionage ist auch Teil des nationalen Kampfs gegen die „Subversion", die Angst vor der Sexualität ist Teil der Männerphantasien in der Militärdiktatur.
Und wo bleibt der Krieg? Er ist in allem präsent, er durchdringt alles. Wegen des Krieges wird María Teresas Bruder als Soldat an einen Standort im Süden, nahe den Falkland-Inseln, verlegt und darf dies auf seinen Postkarten nicht mitteilen. Am Ende wird der Krieg das erste Mal erwähnt – mit seinem Ende, der Kapitulation Argentiniens im Falkland-Krieg. Danach fällt das Schulregime, die Leitung wird ohne eine Erklärung ausgetauscht, sie verschwindet einfach. María Teresa tut es ihr nach, sie zieht mit Mutter und Bruder in die Provinz. Alles, was geschehen ist, wird beschwiegen. Davon erzählt Martín Kohan in „Sittenlehre", indem er das Verschwinden seiner Figuren aus Buenos Aires trocken referiert. Ein leiser, ein großer Roman.

Eine Rezension von Jörg Plath

Erstellt: 19-08-10
Letzte Änderung: 23-09-10