- Synopsis
Ausgerechnet der Schwiegersohn des Festivalpräsidenten begeht kurz vor den Opernfestspielen in Salzburg auf spektakuläre Art und Weise Selbstmord. Gut, dass Privatdetektiv Simon Brenners Beschäftigungsverhältnis als Kaufhausaufpasser abrupt endet und sich die Witwe des zu Tode Gekommenen an ihn wendet – ihre These: der Sturz ihres Mannes war Mord. Schon bald tauchen Brenner und sein Krankenwagen fahrender Freund Berti ein in die dunklen Machenschaften eines Knabenkonvikts, deren Führungsriege seltsamerweise in engem Kontakt mit dem Festivalleiter steht.
- Der Kommentar zum Film
Die Welt ist ein ewiger Kreislauf, in dem die Reste von Knackwürschteln zu Leberkäs und Leberkäsreste wiederum zu Knackwürschteln verarbeitet werden. Diese Erkenntnis gehört ins philosophische Grundrepertoire von Simon Brenner, des melancholischen, in mittlerweile fünf Romanen des österreichischen Schriftstellers Wolf Haas zu Ruhm gekommenen Privatdetektivs. Zum zweiten Mal ist Brenner alias Josef Hader nun nach Komm, Süßer Tod unter der erneuten Regie des Haas-Freundes Wolfgang Murnberger auf der Leinwand zu sehen.
In der idyllischen Mozart(-kugel)stadt Salzburg scheint Brenner, dessen Augenringe ob seiner notorischen Kopfschmerzen noch tiefer gefurcht sind als sonst, ganz auf den Hund gekommen zu sein, schnüffelt er sich doch als Kaufhausdetektiv durch die Damenunterwäscheabteilung eines Kaufhauses. Da es sich bei der feinen Dame, die er auf frischer Tat beim Wäscheklau ertappt, jedoch um die Tochter des Festspielpräsidenten handelt, ist der geschasste einstige Kieberer (österr.: Kriminalkommissar) bald wieder vogelfrei. Die aber verhilft ihm bald darauf zu einer neuen Aufgabe – die Umstände des Todes ihres in den Tod gesprungenen Mannes aufzuklären. Ihre These, es handle sich dabei um Mord, ist nicht von der Hand zu weisen, hatte sich der Ehemann doch auf unliebsame Weise mit dem Erzbischof der Stadt angelegt, indem er ihn beschuldigt hatte, dieser habe ihn als Jungen in einem Knabenkonvikt sexuell missbraucht.
So erschleicht sich Brenner als Obdachloser getarnt bald das Vertrauen des Sportbeauftragten des Knabenheims (schön bigott: Joachim Krol) und darf als Hausmeisterhilfe anheuern. Was Brenner hinter den altehrwürdigen Klostermauern erblickt, ist zunächst verwirrend, dann zusehends unheimlicher, schließlich einfach nur noch unappetitlich und für Brenner und seine Freunde natürlich lebensbedrohlich. Er wird von ferngesteuerten Modellflugzeugen (in Anspielung an Cary Grant in Hitchcocks Der Unsichtbare Dritte) über den Platz gejagt und sein tätowierter WG-Genosse segnet bald das Zeitliche) Und – wie es in Österreich so üblich ist – ist natürlich fast die gesamte Haute Volée der Stadt in den von Brenner aufgewirbelten Skandal verwickelt. Da ist man froh, dass dem in Bedrängnis geratenen Privatdetektiv wenigstens sein Freund Berti, der bereits in „Komm, Süßer Tod“ am Steuer eines Krankenwagens saß, zu Hilfe kommt.
Für den österreichischen Kinostart im vergangenen Sommer förderlich war es natürlich, dass zeitgleich der Skandal in einem Priesterseminar in St. Pölten aufgedeckt wurde. Doch Murnbergers Film ist mehr als die übliche Kirchenschelte, sondern arbeitet mit vielen augenzwinkernden, ins Groteske übersteigerten Übertreibungen, die den christliche Symbolschatz nach Belieben persiflieren und parodieren. Wenn Brenner etwa das überdimensionierte Kreuz in die Holzwerkstatt tragen muss und darunter zusammenbricht, ist klar, dass Murnberger neben Thrillerelementen auch die Absurdität des Ganzen am Herzen liegt.
Großartig besetzt (mit Jürgen Tarrach als lüstern speichelnder, Champagnerduschen-süchtiger Operndiva, Christoph Schlingensief als neurotischem Regie-Kauz und Udo Samel als moralisch bankrottem Operndirektor) hebt „Silentium“ zu großer Kinoform an. Rasant geschnitten, mit eindrucksvollen, Brenners Kopfschmerzen illustrierenden visuellen Spezialeffekten versehen, unterlegt mit großartigem Soundtrack (Sofa Surfers) und Sounddesign und durchdrungen von österreichischem Schmäh, bietet Murnbergers Film alle Qualitäten, die auch ein Haas-Roman seiner Fangemeinde beschert.
Martin Rosefeldt
- Das Bonusmaterial
Beim Blick hinter die Kulissen von Silentium fällt sofort auf, dass die Schauspieler und die Crew unglaublich viel Spaß dabei hatten, diesen grotesken schwarzhumorigen Thriller zu drehen. Auch das Making Of – der „Blick hinter die Kulissen“ fällt nicht so ernst aus, wie dies sonst meist der Fall ist. Max Meyr spielt im Film nur eine kleine Nebenrolle, die vor allem der besseren Beschreibung Brenners dient: Er verkörpert einen konvertierten Rechtsradikalen mit zahlreichen Tattoos, der quer über seinen mächtigen Bauch „resozialisiert“ tätowiert hat. Im Making Of des Films läuft Meyr mit Mikrofon übers Set und belästigt jeden mit seinen Fragen, auf die er meist seltsame Antworten bekommt. Die Kostümbildnerin Barbara Vögel etwa erzählt ihm, dass sie in Swingerclubs für ihre Arbeit recherchiere, „weil sie sich bei Nackten besser ein Bild machen könne, was ihnen stehen könnte.“ Josef Hader sinniert am Kreuz hängend, dass dies „die Rolle seines Lebens sei“ und der Caterer meint genervt auf die Frage, ob es mühsam sei für so viele Leute zu kochen, „es ist nur mühsam, wenn du so blöde Fragen stellst.“
Im Interview betonen sowohl Regisseur Wolfgang Murnberger als auch Josef Hader – die zusammen das Drehbuch geschrieben haben – dass an vielen Stellen der Humor wegen den Spannungselementen des Thrillers zurückstehen musste, da sonst die Spannung zerstört worden wäre. Aber keine Angst, der Film ist immer noch gut gespickt mit schwarzem Humor. Was haben Josef Hader und die Figur Brenner gemeinsam wird Hader auf der Pressekonferenz der Berlinale gefragt. „Dass wir nicht so stark andere Menschen mögen,“ antwortet er ohne zu überlegen. Wie haben er, Haas und Murnberger gemeinsam das Drehbuch geschrieben? „ Jeder hat eine Version geschrieben, über die dann die anderen hergefallen sind. Das ist das darwinistische Drehbuchschreibprinzip. Aber wir mögen uns trotzdem, weil wir alle drei katholisch erzogen sind und sehr höflich miteinander umgehen. Wir werden dadurch aber bald an Krebs sterben.“
In den „Nicht verwendeten Szenen“ gibt es u.a. einige längere Versionen von Szenen, die gekürzt im Film zu finden sind. Wunderbar ist die Szene, in der der ermittelnde Polizeikommissar Brenner und Meyr in dessen Wohnung nach einer durchgekifften Nacht überrascht und Brenner schnell noch die Reste der Drogen im Klo runterspült. Er redet sich damit heraus, dass er im Klo onaniert hätte, und der Kommissar mag nicht glauben, dass er den Weg von Wien nach Salzburg auf sich nimmt, nur um zu onanieren. „Du bist nicht gut genug – nicht als Privatdetektiv und sonst auch nicht – sonst müsstest du dir’s nicht in einer fremden Wohnung selber besorgen,“ gibt er ihm mit auf den Weg.
„Wie der Film wohl laufen wird?“, wird Murnberger bei der deutschen Premiere auf der Berlinale gefragt. „In Österreich haben ihn 200.000 Menschen gesehen. In Deutschland dürften das dann hochgerechnet um die 2 Billionen werden,“ meint er grinsend. Viel Erfolg...
Nana A.T. Rebhan
Silentium
Label: Arthaus
Genre: Thriller
Produktionsjahr: 2004
Produktionsland: Österreich
Kinostart: 03.03.2005
FSK: ab 16 Jahren
Lauflänge: ca. 112 Minuten
- Darsteller
Simon Schwarz (Adam & Eva, Die Gottesanbeterin, Ikarus)
Joachim Król (Wir können auch anders, Der bewegte Mann, Schneeland)
Udo Samel (Das Schloss, Kondom des Grauens, Die Klavierspielerin)
- Stab
Drehbuch: Wolfgang Murnberger, Josef Hader, Wolf Haas
Kamera: Peter von Haller
Produktion: Danny Krausz, Dr. Kurt Stocker
- Technische Angaben
DVD Sprachen/Ton: Deutsch (5.1 Dolby Digital)
DVD Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
DVD Extras: Trailer, Interviews mit Josef Hader, Wolfgang Murnberger, Wolf Haas, Backstage, Berlinale Presse, Berlinale Premiere, Szenen in anderen Schnittversionen (Arbeitsfassung)






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Murnbergers Film bietet alle Qualitäten,
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