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19/01/05

Shoa - Die zweite Generation

Wie mit dem Holocaust zurechtkommen? Kann man ein neues Leben beginnen nach einer Kindheit in Auschwitz? Wie den eigenen Kindern die Frage nach den Großeltern beantworten, wie die traumatischen Erfahrungen im KZ erklären, wenn man die unerträglichen Erlebnisse aus der Erinnerung zu tilgen versucht? Was löst das Schweigen der Eltern bei ihren Kindern aus?

Anneke Durlacher, die Ehefrau des inzwischen verstorbenen Soziologen und Auschwitzüberlebenden Gerhard Durlacher, und ihre Tochter, die niederländische Schriftstellerin Jessica Durlacher beschreiben jeweils aus ihrer Perspektive, welche Auswirkungen das Schicksal des Vaters auf den Familienalltag hatte und wie es ihr Leben prägte.

Die Perspektive der Tochter
"Das Gewissen", Kapitel 43, von Jessica Durlacher, 1999


"Nie wurde darüber geredet. Doch in unserem Unterleben, dem Leben unter unserem Alltagsleben, will ich mal sagen, wurden wir verfolgt. So empfanden wir es zumindest. Ich wurde verfolgt, weil mein Vater VERFOLGT worden war."

Jessica Durlacher läßt in ihrem Romandebüt "Das Gewissen" die Icherzählerin Edna Mauskopf über den Vater reflektieren. Es ist eine autobiographische Passage, die Jessica Durlachers eigene Erfahrungen und Gefühle eindringlich schildert.




Die Perspektive der Mutter
Ein rückblickender Bericht von Anneke Durlacher


„Wir waren sehr glücklich[...]. den Krieg hatten wir aus unserem Leben verdrängt. Erst sehr spät sagte mein Mann den Kindern auf die Frage, wo bloß die Großeltern - also seine Eltern - wären, sehr kurz und beiläufig, was mit ihnen geschehen war. Die Kinder verstanden gar nichts, trauten sich aber auch nicht, nachzuhaken, da sie merkten, dass er böse und abweisend wurde. Mir sagte Gerhard, dass er nicht mit schmutzigen Dingen wie Krieg und Lager in ihre Welt eindringen wolle. Und er bat auch mich, nicht mit ihnen darüber zu reden. Erst später begriff ich, dass Gerhard sein Leben in den Konzentrationslagern als furchtbare Erniedrigung empfunden hatte. Wenn er daran dachte, sah er sich selbst wieder als "mit Läusen übersätes Gerippe, menschlichen Abschaum". Seine Auschwitz-Nummer hatte er sich vom Arm entfernen lassen, für ihn war sie ein verabscheuenswürdiges Brandmal. Darum verdrängte er mit aller Macht seine düsteren Erinnerungen und wollte und konnte nicht seinen Kindern davon erzählen. Später, als die Kinder größer waren, hatte er die Vergangenheit so sehr verdrängt, dass er seine Erinnerungen nicht mehr wachrufen konnte“.

Erstellt: 19-01-05
Letzte Änderung: 19-01-05