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Cannes 2005 - Wettbewerb - 19/05/05

Shanghai Dreams

Ein Film von Wang Xiaoshuai


In „Shanghai Dreams“ erzählt Wang Xiaoshuai von einem umstrittenen Kapitel der jüngeren chinesischen Geschichte – der Umsiedlung chinesischer Großstadtfamilien ins Hinterland und hat es trotzdem an den Zensurbehörden vorbei bis in den Wettbewerb nach Cannes

(China, 2005, 119’)
mit : Gao Yuanyuan, Li Bin, Yan Anlian u.a.

Synopsis: Die chinesische Provinzstadt Guiyang im Jahr 1983 – Deng Xiaopings wirtschaftlicher Reformkurs lässt den aus Schanghai stammenden Wu Zemin (Yan Anlian) und seine Frau Meifen hoffen, endlich in ihre Heimatstadt Schanghai zurückkehren zu können, wo sich die durch Maos Kulturrevolution in den 60er Jahren Vertriebenen ein besseres Leben für sich und vor allem ihre Tochter Qinghong (Gao Yuanyuan) erhoffen. Anders als für ihre frustrierten Eltern bedeutet die Provinz für die junge Qinghong ‚Heimat’ – hier ist sie zur Schule gegangen, hier lebt ihre beste Freundin und hier hat sie sich in den jungen Fabrikarbeiter Fan Honggen verliebt. Doch ihr jähzorniger Vater versucht diese Liebe mit allen Mitteln zu verhindern.

Kritik: Der 1966 in Schanghai geborne Regisseur Wang Xiaoshuai hat sich bereits mit Bejing Bicyle als Geschichtenerzähler über die Generationskonflikte des modernen Chinas mit seinen politischen wie privaten Verwerfungslinien international einen Namen gemacht. In „Schanghai Dreams“ erinnert er sich nun an ein in China immer noch politisch tabuisiertes, weil brisantes Kapitel aus Maos in den 60er Jahren begonnener Kulturrevolution: aus Angst vor einem Krieg mit der verfeindeten Sowjetunion forderte der chinesische Diktator hunderttausende Städter auf, ins wirtschaftlich unerschlossene Hinterland umzusiedeln, um dort am Aufbau der so genannten „Dritten Verteidigungslinie“ mitzuwirken. Ein Aufruf, dem oftmals auch unter Androhung von Gewalt Nachdruck verliehen wurde. Wie die junge Qinghong musste auch der junge Regisseur Wang die lieb gewonnene Provinz mit seinen Eltern wieder verlassen, ein schmerzhaftes Privileg, das vielen seiner Freunde und Verwandten nicht zuteil wurde – viele in den 60er Jahren umgesiedelte Chinesen konnten bis heute nicht in ihre Heimat zurückkehren.

Vielleicht hat es Wang Xiaoshuai einem erzählerischen Trick zu verdanken, dass er sich mit seinem systemkritischen Film so leicht an der chinesischen Zensur vorbeimogeln konnte. Denn aus der Perspektive seiner jungen weiblichen Hauptfigur sieht die graue, in den unwegsamen Bergen gelegene Industriestadt nicht hässlich, trostlos, korrupt und perspektivlos aus, sondern verheißt eine selbst bestimmte Zukunft, in der man seine Liebe selbst wählen und dank des Kurswechsels in Peking neuerdings kurze Rücke und Stöckelschuhe tragen und chinesische Rockmusik hören kann. Wäre da nicht der sturköpfige eigene Vater, der seiner Tochter auf Schritt und Tritt folgt und ihr sein eigenes Lebensmodell aufzwingen will, das ein Studium in der Großstadt und einen Mann aus gutem Hause vorsieht. Denn nichts wäre für diesen einstigen Großstadtintellektuellen, der mit einigen Gleichgesinnten heimlich amerikanisches Radio hört, schlimmer, als wenn die eigene Tochter einen einfachen Industriearbeiter heiraten würde. Der Tochter Freude, des Vaters Leid – an diesem unlösbaren Konflikt entzündet sich die Lunte einer in stillen, Regen verhangenen, himmellosen Bildern erzählten Tragödie. Wang Xiaoshuai entwirft ein genaues atmosphärisches Bild seiner Jugend, in der zu Rock n’ Roll ‚Made in China’ seine Hüften schwingender Provinzgigolo mit Schlaghosen eine unerhörte Provokation der örtlichen Sitten bedeutete. Kein elterliches Verbot, keine Sanktion aber kann den Reformkurs aus Peking mit den dazugehörigen westlich geprägten Insignien mehr aufhalten. So führt der staatlich verordnete Reformkurs in der Provinz auch für die nachfolgende Generation erneut zu einer privaten Katastrophe. Wer Wang Xiaoshuais Film aufmerksam liest, dem wird die Kritik an Chinas Machthabern und ihrer bis heute gültigen Beschneidung menschlicher Grundrechte nicht verborgen bleiben.

Martin Rosefeldt


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Shanghai Dreams
Ein Film von Wang Xiaoshuai
(China, 2005, 119’)
mit : Gao Yuanyuan, Li Bin, Yan Anlian u.a.
Wettbewerb

Erstellt: 18-05-05
Letzte Änderung: 19-05-05