05/08/02
Sexuelle Praktiken
Sexuelle Praktiken und Riten in Ozeanien
Die in Ozeanien praktizierten Sitten und Gebräuche mögen uns in der westlichen Welt häufig sehr merkwürdig erscheinen. Sie haben jedoch alle eine ganz besondere Bedeutung …
Ozeanien, der letzte von den Weißen eroberte Teil des australischen Kontinents, gliedert sich in die drei Regionen Melanesien, Mikronesien und Polynesien. Auf Papua-Neuguinea, der größten Insel Melanesiens, gilt alles Weibliche als schwächend für den Mann, den Krieger. In vielen Papua-Stämmen war z. B. der Kuss, der doch als das Zeichen der Zuneigung schlechthin gilt, bis zur Ankunft der Weißen völlig unbekannt. In allen Stämmen dieser Region werden die Geschlechter strikt voneinander getrennt. So gibt es unterschiedliche Hütten für Männer und Frauen und abgelegene Menstruationshütten, in die die Frauen während ihrer Periode geschickt werden. Eine geschlechtsreife Frau darf dem Mann beim Geschlechtsverkehr niemals in die Augen schauen, um ja nicht seinen kriegerischen Mut und seine Tapferkeit bei der Jagd zu beeinträchtigen. Die weibliche Brust spielt bei den Papuas als Schönheitskriterium überhaupt keine Rolle; hier zählen eher praktische denn ästhetische Werte. Schöne Augen, ein anziehendes Lächeln oder ein wohlgeformter Busen sind für die Schönheit einer Papua-Frau unbedeutend, vielmehr muss sie einen guten Ruf als ausdauernde Arbeiterin haben, die zuverlässig den Garten ihres Mannes bestellt.
Oksapmin (Papua Neuguinea)
In der westlichen Welt sind die Oksapmin für ihre merkwürdige Bekleidung bekannt: Sie tragen eine Art um die Taille gebundenen Lendenschurz, mit dem der Penis in einem „Penis-Etui“, wie die Ethnologen es nennen, besonders geschützt wird. In den 60er-Jahren kam der Stamm erstmals in Kontakt mit Weißen. Vor dieser Zeit erfolgte der Geschlechtsverkehr bei den Oksapmin immer nur in einer an kopulierende Tiere erinnernden Stellung, bei der der Mann hinter der Frau stand und dadurch den direkten Blickkontakt mit ihr vermeiden konnte.
Hewa (Papua-Neuguinea)
Der Wohnraum der Hewa ist auf die Geschlechter ausgerichtet. In den hohen Pfahlbauten, wahren Kathedralen aus Holz, leben mehrere Paare mit ihren Kindern unter einem Dach. Aufgrund der dort fehlenden Intimität findet der Geschlechtsverkehr nie innerhalb des Hauses statt. Für die körperlichen Vergnügen ziehen sich die Paare in den Wald zurück – abseits der Pfade, um nicht gesehen zu werden, doch auch nicht zu tief hinein, denn dort treiben böse Geister ihr Unwesen.
Die Hewa leben in einer der entlegensten Regionen Papua-Neuguineas und leiden unter chronischem Frauenmangel. Daher veranstalten die Männer wahre Wettbewerbe, um eine Ehefrau zu finden. Die jungen Mädchen werden oft noch vor dem Erwachsenenalter gefreit und gegen Schweine, Bögen und Muschelschmuck verkauft.
Huli (Papua-Neuguinea)
Bei den Hulis, die wegen ihrer zeremoniellen, aus Menschenhaar gefertigten Hüte im Okzident als „Perückenmänner“ bekannt sind, bleiben die frisch verheirateten Paare vier Nächte lang wach. Im Morgengrauen des fünften Tages unterwerfen sie sich in ihrem Garten einem Fruchtbarkeitsritus.Dabei wird mit der Zubereitung von Zaubertranks begonnen, die für den Geschlechtsakt des Paares notwendig sind. Der erste Verkehr wird bei den Hulis so lange wie möglich hinausgezögert und findet erst fünf bis neun Monate nach der Hochzeit statt. Wenn es soweit ist, opfert der Mann ein Schwein zum Schutz gegen die Kontamination mit Weiblichem. Bevor er seine Frau entjungfert, gießt er ein parfümiertes Baumöl in ihre Scheide, um seinen Penis vor Verletzungen zu schützen, die angeblich von der jungfräulichen Vagina ausgehen.
Die Häufigkeit des ehelichen Geschlechtsverkehrs hängt vom weiblichen Menstruationszyklus ab.
Bei den Hulis darf ein Paar nur an vier Tagen um die Zeit des Eisprungs der Frau miteinander schlafen. Wie bei vielen Papua-Stämmen leben auch die Huli-Frauen während ihrer Menstruation getrennt von ihren Männern. Wenn ihre Blutungen vorüber sind, sendet die Frau ein Blatt an ihren Mann, durch das sie ihm mitteilt, dass sie nun nicht mehr gefährlich für ihn sei.
Am folgenden Tag darf das Paar von weitem miteinander sprechen, allerdings ohne Blickkontakt. Dann dürfen sie sich Tag für Tag wieder nähern, bis die berühmten vier Tage erreicht sind, an denen sie sich der Fleischeslust hingeben können.
Baruya (Papua-Neuguinea)
„Der Frau ist es untersagt, beim Geschlechtsakt auf ihrem Mann zu reiten, denn es könnte Vaginalflüssigkeit auf dessen Bauch gelangen und ihn verunreinigen. Und während die Frauen das männliche Glied sogar in den Mund nehmen, würde ein Mann sein Gesicht niemals auch nur in die Nähe der Vagina bringen. So etwas ist bei ihnen, ebenso wie Analverkehr, undenkbar“, so der französische Anthropologe Maurice Godelier.
Die Baruya enthalten sich der körperlichen Liebe auch nach der Geburt eines Kindes, bis dieses die ersten Zähne bekommt. Männer und Frauen küssen sich nicht und zeigen in der Öffentlichkeit auch keine Gefühle. Üppige Brüste werden geschätzt, und es gilt als Einladung zum Geschlechtsverkehr seitens der Frau, wenn sie einen Mann mit ihren Brüsten streift. Bei den Initiationsriten der jungen Baruya-Krieger steht männliches Sperma im Mittelpunkt, denn es spende Leben und Kraft, wie Godelier erklärt. Deshalb geben Männer ihren durch Menstruation oder Niederkunft geschwächten Frauen ihr Sperma zu trinken. Aber auch Männern verleiht Sperma die nötige Kraft, um die Jungen außerhalb des Mutterleibes und völlig außerhalb der weiblichen Sphäre im männlichen Universum noch einmal „zur Welt zu bringen“: Der heiligste Ritus sieht vor, dass die jungen initiierten Baruya bei ihrer Aufnahme in das Männerhaus Sperma ihrer älteren Verwandten zu trinken bekommen. Diese Zeremonie wird über mehrere Jahre hinweg wiederholt, um die jungen Männer zu stärken und sie zur Herrschaft über die Frauen zu befähigen.
Chuuk (Mikronesien)
Auf der karolinischen Inselgruppe Chuuk wird die Schönheit einer jungen Frau nach ihren Lippen bemessen – den Schamlippen allerdings! Nachts schleichen sich die jungen Männer in die Hütten der schlafenden Frauen, schauen ihnen unter die Röcke und stellen Vergleiche in puncto besagter Attribute an. Die Mädchen beteiligen sich freiwillig an diesem Spiel und stellen sich schlafend, denn immerhin geht es darum, am Ende eventuell einen Heiratsantrag zu bekommen. Die sexuellen Praktiken der Chuuk-Männer drehen sich um ein weiteres anatomisches Detail der Frau: Bei einer überall im Südpazifik als „Chuuk-Hammer“ bekannten Sexualtechnik wird der Penis gegen die Klitoris der Frau geschlagen. Diese Methode, häufig ein Mittel zum Zweck, bereitet den polynesischen Frauen allerhöchsten Lustgewinn – und den Männern merkwürdigerweise auch!
Salomoninseln
Auf den Salomoninseln lebten früher die Aurao – junge, heilige Prostituierte und Inkarnationen der weiblichen Schönheit. Die Aurao spielten eine wichtige Rolle gegen Ende der drei bis fünf Jahre andauernden Trauerzeremonien. Sie wurden bei ihren Eltern, für die dies eine große Ehre war, gegen Muscheln eingetauscht und vom trauernden Clan adoptiert. Nur deren reichsten männlichen Mitglieder kamen gegen Bezahlung mit Muscheln in die Gunst der jungen Mädchen und ihrer sexuellen Dienste. Nach Ende des Rituals konnten sich die Aurao mit ihren angesammelten Muscheln freikaufen, heiraten und ein normales Leben führen.
In den Überresten alter Zeremonienhäuser kann man auf einigen Holzpfeilern noch die Abbildungen engumschlungener Auraos und reicher Männer erkennen. In diesen ausschließlich Männern vorbehaltenen Zeremonienhäusern wurden neben den Fischer-, Kriegs- und Reisebooten auch die männlichen Kultgegenstände aufbewahrt. Außerdem nahmen die Männer hier Kontakt zu den Schutzgeistern ihrer Ahnen auf. Die Vorfahren waren auf den Pfeilern der Häuser abgebildet und wurden vor kriegerischen Auseinandersetzungen, Handelsexpeditionen oder der Jagd auf Thunfische oder Haie um Schutz angefleht.
Samoa (Polynesien)
Der erste Kontakt mit den Einwohnern Polynesiens wurde 1769 von Louis Antoine de Bougainville in pikanten Reiseberichten beschrieben, die die Phantasie der damaligen Leser anregten: „Die Boote waren voller nackter Nymphen (...). Sie machten uns Avancen. (...) Die Männer gaben uns bald sehr deutlich zu verstehen, was sie wollten: Sie bedrängten uns, eine Frau auszusuchen, mit ihr an Land zu gehen, und ihre unzweideutigen Gesten ließen keinen Zweifel daran, auf welche Weise wir miteinander Bekanntschaft machen sollten.“ Nach all den Monaten, die sie auf hoher See verbracht hatten, waren die jungen Eingeborenen in den Augen der Matrosen und Forscher nichts anderes als leicht zu habende laszive Mädchen, die sich ihnen bedingungslos hingeben würden. Aber die Realität sah ganz anders aus: Diese jungen Mädchen waren ein Geschenk der Stammeshäuptlinge an die Weißen, die sie für Abgesandte der Götter hielten. Der französische Anthropologe Serge Tcherkezoff erläutert dazu: „Die freie, offen praktizierte Liebe und der laszive Tanz, die damals mit Polynesien assoziiert wurden, sind nichts anderes als das Spiegelbild der europäischen Entdecker und Wissenschaftler, die glaubten, fremde Völker mit ihren Verhaltensweisen zu erforschen. Hinter dem Mythos der schönen Tahiti-Mädchen verbirgt sich nichts weiter als Irrglaube, Vorurteile und das Verlangen der Europäer.
Die ersten Kontakte mit der polynesischen Welt fanden keineswegs nur unter dem Einfluss von Venus oder Eros statt, wie Bougainvilles Beschreibungen und die seiner zahlreichen Nachfolger glauben machen könnten. Allein der Kriegsgott Mars hatte seine Finger im Spiel: Nachdem sie mit Kanonen und Musketen beschossen worden waren, führten die Stammeshäuptlinge junge Frauen vor die Weißen und bedeuteten diesen, dass sie sich ihrer bedienen könnten. Einige Beobachter hatten die Größe darauf hinzuweisen, dass diese Mädchen „vor Angst zitterten und tränenüberströmt waren“.
Text: Lorenzo Brutti, Ethnologe, UMS 1834, CNRS,
Artikel erschienen in der Zeitschrift Maximal, Januar 2001, (Seiten 120-123)
- Für weitere Informationen:
Maurice Godelier: Die Produktion der großen Männer
Serge Tcherkezoff: Le Mythe occidental de la sexualité polynésiennes
Desmond Morris: Der nackte Affe
Margaret Mead: Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften, Übers. aus dem Amerikanischen von G. Carnegie, Klotz, Eschborn bei Frankfurt/Main, 2001
Übersetzung: Carolin Werren und Irene Selle
Erstellt: 23-06-04
Letzte Änderung: 05-08-02