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Evolution von 2. bis 30. April - 07/04/05

Sex

Abenteuer Arte


Die Natur ist voller Angeber. Das Rad des Pfauen, extravaganter Vogelgesang oder die elaborierten und geschmückten Bauten der tropischen Laubenvögel dienen allem Anschein nach keinem anderen Zweck, als Weibchen zu beeindrucken. Vielleicht ist der Mensch keine Ausnahme? Stehen in etwa Prunkbauten, schnelle Autos, ein verschwenderischer Lebensstil und sogar Kunst und Musik im Dienste egoistischer Gene und ihrer Fortpflanzungsinteressen? Das Wirken von Evolutionsmechanismen wie der natürlichen Auslese sollte erwarten lassen, dass Effizienz ein vorherrschendes Gestaltungsprinzip in der Natur ist. Aber der evolutionäre Erfolg eines Individuums wird nicht alleine davon bestimmt, wie effizient es bei der Nahrungssuche ist oder Räubern entfliehen kann, sondern hängt auch davon ab, wie viele Nachkommen es hinterlässt. Die "Überzeugungskraft" bei der Suche nach Partnern ist daher von großer Bedeutung und all die Prahlerei und Verschwendungslust mag einem evolutionären Zweck dienen. Sex ist also möglicherweise die Ursache von vielem, was uns in der Natur anspricht und vielleicht sogar von vielen kulturellen Errungenschaften des Menschen.

Nichtsdestotrotz ist die Sexualität ein großes evolutionsbiologisches Rätsel: Warum gibt es überhaupt sexuelle Fortpflanzung wenn, wie manche Organsimengruppen beweisen, es auch ohne geht? Die Existenz der Sexualität ist rätselhaft, da sie enorm "teuer" ist: Zum einen werden vorteilhafte Genkombinationen auseinandergebrochen, die sich im "Kampf ums Überleben" bewährt haben. Zum anderen ist die Produktion von Männchen ein teueres Unterfangen. Sich ungeschlechtlich fortpflanzende Weibchen können doppelt so viele Töchter produzieren wie konkurrierende Weibchen, welche die Hälfte ihres Fortpflanzungsaufwandes auf Männchen verschwenden müssen, die selbst nur dazu dienen, Weibchen die Fortpflanzung zu ermöglichen. Diese Kosten müssen durch Vorteile aufgewogen werden. Zwei bedeutsame Hypothesen eifern in der Evolutionsbiologie um Unterstützung: entweder ist Sexualität eine Waffe gegen Parasiten oder sie ermöglicht eine Reinigung des Genoms von schädlichen Erbänderungen. Die erste Vermutung geht davon aus, das Immunsystem könne mit einem Code verglichen werden, der Organismen vor den Angriffen von Parasiten und anderen Krankheitserregern schützt. Parasiten gleichen Hackern, die beständig versuchen, diesen Code zu knacken. Ein Organismus sollte daher bei sich und seinen Nachkommen nicht zu lange auf ein und denselben Code als Schutz gegen Krankheitserreger vertrauen. Die sexuelle Fortpflanzung kombiniert in jeder Generation die Codes zweier Individuen und damit kann ein Individuum seinen Parasiten immer einen Schritt voraus sein.

Die Reinigung des Genoms von Mutationen, auf der die zweite Hypothese basiert, geht auf folgende Weise vor sich: bei der Kombination der elterlichen Gene während der geschlechtlichen Fortpflanzung werden einige wenige Individuen produziert, bei denen sich schädliche Erbänderungen häufen. Diese Individuen sterben sehr früh oder pflanzen sich zumindest nie fort – sie sind
somit eine „Sackgasse“ für schädliche Erbänderungen. Beide Vermutungen können mit nur geringer empirischer Unterstützung aufwarten, doch genießt die Parasiten-Vermutung große Popularität.

Die Prahlerei in der Natur ist daher nicht notwendigerweise mit leeren Versprechungen gleichzusetzen. Nur wer hohe Qualität, beispielsweise Resistenz gegen Parasiten, anzubieten hat, kann es sich leisten, mit extravaganten Ornamenten zu prahlen. Die Resistenz ist ein unsichtbares Merkmal und muss daher auf andere Weise, beispielsweise durch auf den ersten Blick nutzlose extravagante Federn oder aufwendiges Balzen, zur Schau gestellt werden. Die Prahlerei steht ganz im Dienst der Ehrlichkeit.


Welche Rolle spielen aber menschliche Angeberei und Verschwendung? Auf dem sozialen Marktplatz sind nachgefragte Eigenschaften wie Macht oder moralische Integrität auch nicht immer sichtbar. Teure Botschaften verhindern auch hier, dass Taugenichtse wertlose Angebote machen. Nur wer bereit ist, mit teuren Botschaften seine Qualität zu beweisen, wird ernst genommen. Vielleicht verdankt die Menschheit solchen ehrlichen Prahlern zahllose kulturelle Errungenschaften?

Der Autor Thomas Weber ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Tierökologie der Universität Lund (Schweden) und Buchautor.

Erstellt: 07-04-05
Letzte Änderung: 07-04-05