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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 9. November 2008 - 09/11/08

das Archiv: der Mauerfall

Wie Sie sehen, kann es durchaus sinnvoll sein, daran zu erinnern, dass die Berliner Mauer heute vor 19 Jahren fiel. Jeanette Konrad ruft uns den Ablauf der Ereignisse am 9. November 1989 in Erinnerung.

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Kennen Sie diesen Mann? Er heißt Günter Schabowski und er hat – das wissen Sie vielleicht – ungewollt eine entscheidende Rolle beim Fall der Mauer am 9. November 1989 gespielt. Aber zunächst die Vorgeschichte: November 1989. Die Deutsche Demokratische Republik existiert seit vierzig Jahren und steckt in einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise. Die DDR-Bürger protestieren massenweise gegen die Regierung. Sie wollen freie Wahlen und fordern uneingeschränkte Reisefreiheit. Seit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 sind Tausende in den Westen geflüchtet. Viele haben bei diesen Fluchtversuchen ihr Leben verloren.

Im Jahr 1989 verlassen immer mehr Bürger die DDR über die angrenzende Tschechoslowakei und über Ungarn. Diese Länder können den Flüchtlingsstrom bald nicht mehr aufnehmen, der Druck auf die DDR-Regierung nimmt zu. Deshalb ruft am Morgen des 9. Novembers 1989 Egon Krenz, der neue Generalsekretär, das SED-Zentralkomittee zu einer Krisensitzung zusammen. Er will eine neue Regelung für eine vereinfachte Reiseregelung diskutieren. Und er beauftragt den Regierungssprecher Günter Schabowski, diesen Entwurf noch am gleichen Tag in einer Pressekonferenz bekanntzugeben, die vom DDR-Fernsehen und vom Hörfunk live übertragen wird.

Es ist 18 Uhr. Die Pressekonferenz beginnt. Sie sehen in der Mitte des Podiums Günter Schabowski, umgeben von Mitgliedern seiner Regierung. Ihnen gegenüber etwa 100 deutsche und ausländische Journalisten. Schabowski beginnt mit allgemeinen Themen. Es dauert 50 Minuten, bis ein italienischer Journalist endlich die Frage stellt, auf deren Antwort alle DDR-Bürger warten : Dürfen sie ohne Beschränkung reisen ? Schabowski antwortet : "Wir wissen um diese Tendenz in der Bevölkerung, dieses Bedürfnis der Bevölkerung zu reisen oder die Ddr zu verlassen."Mehr als drei Minuten lang geht Schawoski der Frage aus dem Weg. Dann schließt er um 18h56 fast beiläufig mit diesen Worten: "Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen."

Haben Sie verstanden? Hören wir noch einmal: (Scabowski): "eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich mahcht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen". Schabowski verkündet also, dass die DDR-Bürger über die innerdeutsche Grenze, also die zwischen DDR und Bundesrepublik, ausreisen können. Plötzlich wachen die Journalisten auf. Einer von ihnen fragt nach: "Ab sofort?" Schabowski weiß keine Antwort auf diese Frage. Er schaut also auf einen Zettel, den er offensichtlich zum ersten Mal liest: "Also Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen - Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse - beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt…" Begreift Schabowski, was er da ankündigt?

Weitere Frage eines Journalisten: "Wann tritt das in Kraft?" (Schabowski): "das tritt nach meiner Kenntniss... ist das sofort, unverzüglich..." Haben Sie gehört? Gehen wir noch einmal zurück. Schauen Sie: Deutlich verunsichert sucht Schabowski in seinen Unterlagen nach einer Antwort. Anscheinend findet er sie nicht. Da macht er zögernd diese folgenträchtige Aussage: "Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich" Was Schabowski nicht weiß, ist, dass man vor der Reise ein Visum beantragen muss. Das sagt er nicht – weil er es nicht weiß.

Ein Journalist hakt nach: "Gilt das auch für Berlin West?" (Schabowski): "Also doch, doch, ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu Berlin West erfolgen." Schauen Sie sich die Gesichter der Journalisten an. Ob sie sich der historischen Tragweite der Worte Schabowskis bewusst sind? Und Schabowski, ahnt er die Folgen dessen, was er da verkündet?

Punkt 19 Uhr. Schabowski beendet die Pressekonferenz, obwohl die Journalisten noch viele Fragen haben. Ohne irgendetwas zu ahnen, fährt er nach Hause. Doch der Lauf der Dinge ist nicht mehr aufzuhalten. Die Journalisten schicken die Nachricht unverzüglich an die Presseagenturen. Um 19h30 melden die Nachrichten des DDR-Fernsehens: "Demzufolge können Privatreisen nach dem Ausland ab sofort ohne besondere Anlässe beantragt werden." Und, auf der anderen Seite der Mauer, verkündet die Tagesschau um 20 Uhr: "Guten Abend, meine Damen und Herren. Ausreisewillige DDR-Bürger müssen nach den Worten von SED-Politbüro-Mitglied Schabowski nicht mehr den Umweg über die Tschecheslowakei nehmen."

Aber zurück nach Berlin, es ist 20h30 und die ersten Berliner finden sich an den Grenzübergängen ein. Doch die Soldaten wissen von nichts, die Grenzen sind geschlossen. 20h45. Währen die SED-Regierung, immer noch in ihrer Krisensitzung, nicht ahnt, was sich im eigenen Land abspielt, erfährt die westdeutsche Regierung die Nachricht. Die reguläre Plenarsitzung des Bundestages in Bonn wird unterbrochen: "Bevor ich zu meinem Thema komme, möchte ich Ihnen eine Meldung vorlesen, die ich im Moment erhalten habe. Ich kannte sie nicht. Von sofort an können DDR-Bürger direkt über alle Grenzstellen zwischen der DDR und der Bundesrepublik ausreisen." Die Abgeordneten stehen auf und stimmen spontan die westdeutsche Nationalhymne an. In Berlin treffen an den Grenzübergängen immer mehr Menschen ein. Die Soldaten bekommen endlich eine Anweisung: Um Ruhe zu bewahren, sollen sie die hartnäckigsten Ausreisewilligen durchlassen. Doch sie haben die Situation nicht im Griff.

Um 22h45 dann die Tagesthemen: "Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen." Zu diesem Zeitpunkt können die Soldaten den Ansturm nicht mehr bewältigen und öffnen tatsächlich den ersten Grenzübergang. Um 0h02 sind alle Grenzübergänge in Berlin geöffnet. Zehntausende DDR-Bürger können in dieser Nacht erstmals seit 1961 den Westteil der Stadt frei betreten. Am nächsten Morgen überlegt das Politbüro noch, ob die Kontrolle über die Grenzen mit militärischen Mitteln zurückzugewinnen sei. Doch die Deutschen haben ihr Schicksal längst in die Hand genommen.

Erstellt: 12-11-08
Letzte Änderung: 16-05-12


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