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Cannes 2006 - Offizieller Wettbewerb - 17/09/08

Selon Charlie

Ein Film von Nicole Garcia


Enttäuschungen, Einsamkeit und Bestürzendes machen einen Film noch nicht gleich zu einem beeindruckenden Werk...
Blicken Sie jetzt in die ARTE-Sterne!

(2006, Frankreich, 2’10)
mit Jean-Pierre Bacri, Vincent Lindon, Benoît Magimel, Benoît Poelvoorde, Patrick Pineau…

Synopsis: Eine Stadt am Atlantik. Man sagt, jeder begegne einmal im Leben seinem Schicksal. Doch woher soll man wissen, wann der Augenblick gekommen ist? Drei Tage lang begegnen sich sieben Männer – sie streifen sich im Vorbeigehen oder prallen regelrecht aufeinander, glauben, sich retten zu können und sehen sich plötzlich mit ihrem Schicksal konfrontiert. Und das alles unter den Augen von Charlie.

Kritik: Eigentlich glaubte man den Episodenfilm seit dem Erscheinen einiger Meilensteine und das Genre voll ausschöpfender Werke vom Aussterben bedroht – auch dreizehn Jahre nach seinem Kinostart ist Robert Altmans „Shortcuts“ immer noch die Messlatte, an der sich neue Filme dieser Machart zu orientieren haben. Nicole Garcia versucht sich dennoch an einem neuen Werk, und mit Beginn der bedrückenden und fast beunruhigenden Einleitungssequenzen, die in einer von Forschern besiedelten Polarregion spielen, macht sich Unbehagen breit. Mathieu (Patrick Pineau), ein angesehener Forscher, hat in der Gegend die Überreste eines vor Tausenden von Jahren gestorbenen Jägers gefunden. Dieser war allein und von seinem Stamm verstoßen in weiter Ferne unter Todesgefahr aufgebrochen. Sein Schicksal spiegelt sich in anderen, diesmal in Frankreich beobachteten Formen der Einsamkeit und anderen kühnen Lebenswegen. Pierre (Benoît Magimel), den Mathieu bei einer schwierigen Expedition verließ, hat alles Hab und Gut und damit auch alle Hoffnung verloren. Er beginnt sich selbst zu verachten, überträgt dieses Gefühl auch auf seine Frau und entfernt sich zunehmend von ihr. Joss (Benoît Poelvoorde) wird bedingt aus der Haft entlassen und spürt die Verachtung seiner Umwelt, ist aber nicht bereit, seine Haltung zu ändern.

Charlie seinerseits ist ein Kind, das sich gegen die Lügen dieser Erwachsenen wehren will, die nicht in der Lage sind, sich in die Augen zu blicken und mit sich selbst ins Reine zu kommen. Er konfrontiert sie mit ihrer eigenen Kindheit, mit ihren verblichenen Träumen, ihren Niederlagen, ihren Enttäuschungen und vor allem mit ihrer Zerbrechlichkeit. Es sind die bekannten Muster (nach denen beispielsweise der Lehrer Pierre sein Selbstbewusstsein wiederfindet und sich daraufhin plötzlich nicht mehr hinter seinen Brillengläsern versteckt) und die wie Maskenträger eingesetzten Schauspieler (ein schweigsamer Jean-Pierre Bacri, ein dusseliger Benoît Poelvoorde, ein autoritärer aber verletzlicher Vincent Lindon), die den Film zum Opfer des Drehbuchs werden lassen. Und zwar eines Drehbuchs, das es ganz einfach verabsäumt, die Quintessenz aus diesen kleinen Geschichten zu ziehen, die sicher gut ins Zeitgeschehen passen, aber zu akademisch daherkommen und wie ein Eingeständnis der Ohnmacht wirken. Dennoch beweist die Regisseurin Nicole Garcia einmal mehr ihre Kompetenz und erfreulichen Ambitionen. Es wäre wünschenswert, dass sie sich wie in „Der Gegner“ („L’Adversaire“) aus dem Jahr 2000 auch weiterhin in einem schärfer umrissenen Genre wie dem Film Noir betätigt, anstatt mühsam ihren Weg (und das ausgerechnet in den gezierten Verstrickungen einiger krisengeschüttelter Menschen) zu suchen.

Julien Welter

Erstellt: 21-05-06
Letzte Änderung: 17-09-08