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Arte Journal - 04/04/12

"Schwarzer Tag für die Zivilbevölkerung"

Der Afrika-Experte Ulrich Delius von der deutschen Gesellschaft für bedrohte Völker spricht im Interview mit ARTE Journal über die Auswirkungen des Militärputsches in Mali.

Carolyn Höfchen, ARTE Journal: Welche Auswirkungen wird der Putsch auf das Land haben?
Ulrich Delius, Afrika-Experte: Alle Bemühungen um Frieden im Norden des Landes werden damit erst einmal zunichte gemacht. Der Soldatenrat wird sagen: „Wir setzen nur auf die militärische Karte". Das heißt, dass die Tuareg-Bewegung militärisch zerschlagen werden soll. Das haben sie im Februar schon angekündigt und gesagt, im April gibt es die nicht mehr. Jetzt nähern wir uns dem April und die Rebellen kontrollieren ein Drittel des Staatsterritoriums. Das ist also Wunschdenken. Militärisch gibt es natürlich keine Lösung, erst recht nicht gegen Tuareg-Rebellen. Das hat die ganze Geschichte der Rebellion der Tuareg seit den 60er Jahren gezeigt, sie sind einfach Kenner des Territoriums, man wird sie nie richtig zerschlagen können. Also kann es nur eine friedliche Lösung irgendwo am Verhandlungstisch geben.

Arte Journal: Inwieweit ist eine friedliche Lösung realistisch?
Ulrich Delius: Die wird es eben gerade jetzt nicht geben. Denn dieser Soldatenrat ist jetzt angetreten, die Würde der Soldaten wieder herzustellen, sprich: „Auf in den Kampf“. Das ist natürlich mit einer Armee, die demotiviert und unwillig ist zu kämpfen, eine sehr heikle Mission. Eigentlich war dieser Militärputsch vorprogrammiert. Die Armee wollte mehr politische und finanzielle Zuwendung vom Staat. Das ist haarsträubend als Begründung. Es geht es vor allem darum, von diesem Desaster abzulenken. Denn es geht ja nicht nur um den Verlust von Staatsterritorium. Es sind in den letzten Monaten auch tausende Soldaten desertiert, in Algerien sind sehr viele dieser Deserteure angekommen. Es geht darum, davon abzulenken und einen Sündenbock zu präsentieren. Das ist dieser Präsident, der gerade mal noch einen Monat regieren würde. Das ist eine billige Lösung, aber absolut keine Lösung für das Land.

Arte Journal:Was bedeutet die Entwicklung für die Bevölkerung?
Ulrich Delius: Das ist ein schwarzer Tag für die Zivilbevölkerung. Denn das wird bedeuten, dass sich der Massenexodus aus dem Norden des Landes mit Sicherheit noch verschärfen wird, weil mit diesem Soldatenrat erst einmal kein Frieden zu erwarten ist. Die Appelle der Oppositionsbewegung, die seit Wochen einen schnellen Waffenstillstand fordert, sind nun in weite Ferne gerückt.

Arte Journal: Sind die Wahlen Ende April in Gefahr?
Ulrich Delius: Ja, die sind in großer Gefahr, weil der Soldatenrat in einer schwierigen Situation ist. Er will jetzt einfach erst einmal, nach der Demütigung der Soldaten und ihrer Familien in letzter Zeit, die Würde des Militärs in der Gesellschaft wieder herstellen. Unter diesem Gesichtspunkt kann ich mir nicht vorstellen, dass das Militär in fünf Wochen die Macht abgeben wird und freie Wahlen zulässt.

Arte Journal: Sollte das Ausland jetzt handeln?
Ulrich Delius: Es wäre überhaupt an der Tagesordnung, dass sich die Europäische Union mal etwas mehr für diese Region interessiert und das nicht nur Frankreich als ehemaliger Kolonialmacht überlässt. Natürlich gibt es da auch immer Interessenkollisionen. Es wäre jetzt eigentlich an der Zeit, dass Europa ein deutliches Zeichen abgibt und zeigt, dass eine Kooperation mit einem Soldatenrat nicht ohne weiteres geht.

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Erstellt: 22-03-12
Letzte Änderung: 04-04-12