Schriftgröße: + -
Home > Welt > Jesus Camp

"Jesus Camp" von Heidi Ewing und Rachel Grady - 20. September um 20.15 Uhr auf ARTE

Der Film zeigt ein evangelikales Sommerlager in Amerika, das Kinder im Grundschulalter mit radikal-christlicher Propaganda indoktriniert. Ein eindringlicher Film mit beängstigender Wirkung.

> Das Kind, eine strategische Waffe

"Jesus Camp" von Heidi Ewing und Rachel Grady - 20. September um 20.15 Uhr auf ARTE

Der Film zeigt ein evangelikales Sommerlager in Amerika, das Kinder im Grundschulalter mit radikal-christlicher Propaganda indoktriniert. Ein eindringlicher (...)

"Jesus Camp" von Heidi Ewing und Rachel Grady - 20. September um 20.15 Uhr auf ARTE

19/09/11

Schrecken und Schuldgefühle – die verheerenden Erziehungsmethoden der Sektenführer

von Isabelle Foucrier


Kinder spielen in Sekten oder sektenähnlichen Organisationen eine strategisch wichtige Rolle. Abhängigkeit und leichte Manipulierbarkeit machen sie zu idealen Nachwuchsadepten, die man mit besonderem Eifer heranzieht. Dieser Aufgabe widmet sich die pfingstlerische Kinderpfarrerin Becky Fischer. Doch wie reagieren Kinderseelen auf die frühzeitige Konditionierung?

Becky Fischer ist eine Rampensau. Gekonnt schiebt sie ihre imposante Gestalt über die Bühne, hebt dröhnend die Stimme, um sie gleich darauf wieder zu senken, runzelt die Stirn und erfüllt mit ihren weiten Gesten den ganzen Raum. Die Kinder folgen ihren Bewegungen wie betäubt. Fischer gibt eine Live-Vorstellung der Manipulationstechnik, mit der sie die Sprösslinge der Sektenmitglieder zu vollwertigen Anhängern ihrer Doktrin machen will. Ihre Methode folgt dabei einem universellen Schema, wie Philippe-Jean Parquet, Psychiater und Mitglied des Orientierungsausschusses der Organisation MIVILUDES*, erklärt: „Kinder wie Erwachsene müssen zunächst mit ihren alten Werten brechen. Dann werden nach und nach die neuen Ideen, Theorien und Überzeugungen eingeprägt, bis die manipulierte Person die jeweilige Doktrin bedingungslos angenommen hat. Von diesem Moment an ist die Person dem Guru völlig ausgeliefert, und dieser kann in ihr großen Schaden anrichten.“

„Einem jungen Menschen zwischen sieben und neun Jahren kann man alles weismachen, was man will, und ihn so für sein ganzes Leben prägen“, erklärt Becky Fischer freimütig und skrupellos. Das stimme so nicht, widerspricht Philippe-Jean Parquet, denn „mit der richtigen Manipulations- und Konditionierungstechnik macht man auch einem 95-Jährigen noch alles weis, was man will!“ Muriel Salmona, Psychiaterin und Mitglied des französischen Instituts für Traumaverarbeitung und Opferkunde, meint hingegen, dass „Kinder in diesem Alter bereits ausreichende intellektuelle Fähigkeiten besitzen, um einem Erwachsenen kritisch zu begegnen, und in der Lage sind, wahr und falsch voneinander zu unterscheiden.“ Allerdings wird der erste Schritt der Manipulationsstrategie – der Bruch mit der Vergangenheit – im Falle der Sektenkinder übersprungen: Da schon ihre Eltern der fundamentalistischen Doktrin anhängen, können sie den von Becky Fischer vermittelten Lebenswelt kein Alternativmodell gegenüberstellen. Sie sind Gefangene des einzigen Wertesystems, das sie von klein auf kennen und erlebt haben.

Selbst wenn ihr Gehirn also bereits weit genug entwickelt ist, um ihrer Umwelt kritisch zu begegnen, so ist ihnen dies aufgrund eines mangelnden Gegenmodells unmöglich. Zudem nutzen die Sektenmitglieder Abhängigkeit und Liebesbedürfnis der Kinder auf grausame Weise für die manipulativen Zwecke aus. Erwachsene Bezugspersonen sind für die geistige und körperliche Entwicklung eines Kindes extrem wichtig. Werden diese Bezugsperson jedoch als „Angreifer“ wahrgenommen, erklärt Camille Raoul-Duval, Kinderpsychiaterin bei der Vallée-Stiftung, „so macht sich das Kind lieber Werte und Weltsicht dieser Person zu eigen, als ihre Angriffe als solche wahrzunehmen. So wird unbewusst der Bruch mit der jeweiligen Bezugsperson vermieden.“ Aus Angst, die Verbindung zum geliebten Erwachsenen zu verlieren, lassen die Kinder sich also nach den kriegerisch-christlichen Vorstellungen der Guru-Dame formen.

Diese spielt zusammen mit den bereits manipulierten Eltern geschickt mit den kindlichen Ängsten. Furcht vor Einsamkeit, Liebesverlust, Strafe und dem Bösen im Allgemeinen treiben die Kinder in die Arme ihrer Peiniger. Catherine Picard, Präsidentin der Organisation UNADFI**, erklärt: „Zu Beginn ihrer Predigten erzählt Becky Fischer häufig vom Teufel. So sorgt sie erst für eine beklemmende Stimmung, um den Kindern dann zu vermitteln, dass sie hier beschützt werden.“ Wie alle Kinder empfinden die Sprösslinge des Jesus Camps Schuldgefühle. Doch hier ist niemand bereit, ihnen dieses selbstzerstörerische Gefühl zu nehmen, denn es bildet die Grundlage ihrer kindlichen Manipulierbarkeit.
Ist es vielleicht auch ein Grund für die heißen Tränen, die so oft über die Wangen der Kinder rollen? Nicht unbedingt, meint Sonya Jougla: „Dass die Kinder so oft weinen, kann auch daran liegen, dass man ihnen erzählt, Tränen seien ein Zeichen für die Präsenz Gottes in ihren Körpern. Oder sie werden vom Weinen anderer angesteckt, denn Kinder sind unübertreffliche Nachahmer.“ Vielleicht handle es sich aber auch um echte Trance-Zustände, fährt Jougla fort – „oder um die perfekte Imitation von Szenen, deren Zeuge die Kinder eines Tages geworden sind. In diesem Fall wollen sie den anderen nun beweisen, dass sie selbst besonders beflissene Anhänger sind.“ Denn Pflichteifer und Elitedenken festigen Gruppenstrukturen, besonders bei Kindern.

Die Art der Konditionierung, wie sie im Jesus Camp praktiziert wird, hat fatale Folgen. Sie verhindert die psychische Entwicklung des Kindes: „Es ist, als fehle den Kindern die Wirbelsäule. Ohne Becky Fischer würden sie zusammenbrechen“, erklärt Sonya Jougla. Sie zeigen keine Gefühle mehr, sind schrecklich ernst – die perfekten Nachwuchsadepten. Sie sprechen von Leben und Tod, sind patriotisch, und Gottes Urteil erscheint ihnen wichtiger als das der Menschen. Sie haben keine Persönlichkeit und keine Fantasie: eine Zeichnung des kleinen Rachaels zeigt nichts als ein großes braunes Kreuz.

Aus dem Gefängnis, zu dem die zur einzigen Wahrheit erklärte Doktrin für sie geworden ist, können sie allein nicht mehr ausbrechen. Zu Beginn der Pubertät wage ein Sektenkind zwar noch einmal einen zaghaften Ausbruchsversuch, erklärt Sonya Jougla. Es entdecke seine Individualität und äußere vorübergehend Zweifel an dem ihm vermittelten Weltbild. Doch die Sektenführer kennen diese Gefahr und verstärken die Manipulation zu diesem Zeitpunkt besonders. Doch es gibt eine ebenso überraschende wie wirkungsvolle Lösung: Wenn sich ein Jugendlicher in jemandem „von draußen“ verliebt, kann ihn diese Liebe dem Einfluss der Sekte entziehen. Doch auch dann sind die psychischen Folgeschäden beträchtlich, wie Muriel Salmona*** betont: „Diese Menschen leiden oft noch ein Leben lang unter Depressionen, Panikattacken, Sucht, Angstvorstellungen, akustischen Halluzinationen und ständiger emotionaler Unsicherheit.“
Isabelle Foucrier




* MIVILUDES: „Mission interministérielle de vigilance et de lutte contre les dérives sectaires“, im Jahr 2002 von der französischen Regierung gegründete Organisation zur Beobachtung und Erforschung sektenähnlicher Organisationen

UNADFI: „Union nationale des associations de défense des familles et de l'individu victimes de sectes“, Dachorganisation französischer Organisationen zum Schutz von Sektenopfern

*** Muriel Salmona ist Präsidentin der Organisation für Traumaverarbeitung und Opferkunde „Mémoire Traumatique et Victimologie“.

_____________________________________

JESUS CAMP
Ein Dokumentarfilm von Heidi Ewing und Rachel Grady
USA - 2006
Produktion: LOKI FILMS, A&E INDIEFILMS

Nominierung für die Oskar-Verleihung 2007 in der Kategorie Bester Dokumentarfilm


Erstellt: 05-04-11
Letzte Änderung: 19-09-11