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ARTE Journal - 22/06/12

"Schnell noch zum Arzt gehen"

Drachme oder Euro? Bei der Parlamentswahl am Sonntag geht es in Griechenland um weit mehr als nur die Neubildung des Parlaments. Von ihrem Ergebnis hängt ab, ob Griechenland weiterhin den von der EU verordneten Sparkurs fahren wird oder ob das Land vielleicht sogar zu seiner alten Währung zurückkehren muss. Schon vor sechs Wochen hatten die Griechen ihr Parlament gewählt. Die Parteien konnten sich jedoch nicht auf eine gemeinsame Regierung einigen.

Nun müssen die Hellenen ein zweites Mal an die Urnen. Prognosen zufolge scheint sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Gegnern und Befürwortern des Sparpakets abzuzeichnen. Experten zufolge hängt von dieser Entscheidung ab, ob Griechenland in der Eurozone bleiben wird oder nicht. Muss das Land die gemeinsame Währung wirklich verlassen, könnte das die gesamte Eurozone und damit die Weltwirtschaft erschüttern. Die Folgen wären unvorhersehbar, denn einen solchen Fall hat es noch nie gegeben. Nun wartet Europa gebannt auf das Ergebnis.

Unsere Sonderkorrespondentin Anja Waltereit hat mit den Menschen in Griechenland über ihre Ängste und Sorgen gesprochen. Im Interview erzählt sie uns von der Stimmung im Land und was die Griechen wirklich befürchten.

Carolyn Höfchen, ARTE Journal: Wie ist denn die Stimmung im Land, so kurz vor den alles entscheidenden Wahlen?

Anja Waltereit: Die Leute hier sind schon sehr besorgt. Es ist eine große Unruhe da, eine große Unsicherheit und Ungewissheit, wie es denn jetzt weitergehen soll nach der Wahl. Genau diese quälende Ungewissheit macht den Leuten auch zu schaffen. Man merkt, dass ihnen das wirklich an die Nieren geht. Das merkt man schon im ganz praktischen Leben, was für Konsequenzen das hat. Es gibt Gerüchte, dass viele Leute tatsächlich ihr Geld von den Banken holen. Andere Leute erzählen, dass sie zum Beispiel lieber jetzt schonmal einen Termin beim Arzt abmachen, weil sie sich nicht sicher sind, ob in vier oder fünf Wochen die Krankenkasse dann überhaupt noch die Behandlung bezahlt.
Es gibt eben zwei verschiedene Stimmungen im Land. Es gibt zum Einen die Leute die sagen, wir wollen jetzt lieber auf Nummer sicher gehen, wir wählen also die alten Politker, obwohl wir sie nicht mögen und wir wählen die Nea Dimkratia noch einmal. Dann gibt es diese andere Strömung, die sagt: jetzt erst recht, Syriza ist so stark gewesen letztes Mal, da wählen wir sie dieses Mal sowieso nochmal. Und diese haben eben auch Auftrieb bekommen.

Hat das Sparpaket überhaupt noch eine Chance bei der Bevölkerung?

Anja Waltereit: Alle Parteien, egal ob das jetzt Nea Dimokratia ist, Pasok oder die Syriza, die haben alle ihren Wählern mehr oder weniger gesagt: Naja, vielleicht können wir da nochmal ein bisschen was verhandeln und was für Griechenland rausholen, die Syriza geht da natürlich viel weiter und sagt, sie will das Sparprogramm überhaupt nicht. Aber es ist schon die Hoffnung vieler Griechen da, vielleicht kann man ja doch nochmal irgendwas machen. Allerdings gibt es natürlich schon die Angst, dass man sich mit der Einschätzung, viel daran ändern zu können, geschnitten hat. Die Leute gehen eigentlich schon davon aus, dass die EU sich da nicht weich klopfen lässt - zumindest die, die nicht die Syriza wählen - und dass man nicht darum herum kommt, dieses Sparprogramm durchziehen zu müssen.

Liegt nicht auch eine Chance in einem Euro-Austritt?

Anja Waltereit: Falls es jetzt tatsächlich so kommen sollte, was aber im Moment keiner so wirklich glauben mag, dass Griechenland pleite ist, aus dem Euroraum ausscheren muss und zur Drachme zurückkehrt, da ist das Szenario schon da, dass es dann als erste Reaktion wahrscheinlich zu einem sogenannten Run auf die Banken kommt, die Leute versuchen schnell, ihr Geld da raus zu ziehen und das könnte natürlich sehr schnell das Bankensystem hier im Land zusammenbrechen lassen. Das heißt, damit wäre auch die Wirtschaft im Land zu Ende und man weiß natürlich auch nicht, was das international für Konsequenzen hat.
Aber ich habe auch mit einigen Wirtschaftsexpterten gesprochen und die sagen: Klar, auf kurze Sicht, auf die ersten ein, zwei Jahre gesehen, ist es dann wahrscheinlich auch wirklich so, dass erstmal die Wirtschaft in Griechenland am Boden liegt. Aber langfristig - sprich nach einem Zeitraum von zwei oder drei Jahren - hätte die griechische Wirtschaft auch dann wieder die Chance, auf die Beine zu kommen. Denn wenn die Drachme wieder im Land ist, bieten sich dadurch bessere Exportbedingungen für die Unternehmen und auch die Binnennachfrage im Land würde dann wieder stärker werden. Das könnte dann dazu beitragen, dass sich auch die Wirtschaft im Land langfristig wieder erholt.


Was ist die größte Angst der Griechen?

Anja Waltereit: Die Leute klammern sich natürlich daran, dass diese schlimmsten Befürchtungen nicht eintreten. Und der Großteil der Leute hier, die wollen den Euro behalten, die wollen nicht die Drachme wieder haben. Natürlich will jeder das glauben, was für ihn vorteilhaft ist. Die Leute sagen eigentlich schon: Wir brauchen endlich wieder eine Regierung, ganz egal wer das ist. Aber diesen Stillstand, den können wir uns nicht länger leisten. Das ist eigentlich die größte Angst der Menschen, dass es die Politiker noch nicht einmal, so wie bei der letzten Wahl, schaffen, eine Regierung zu bilden. Denn das würde bedeuten, dass diese Hängepartie weitergehtn und das täte dem Land überhaupt nicht gut.

Was befürchtet man im Land selbst, welche Konsequenzen könnte eine "falsche" Wahl im schlimmsten Fall haben?

Anja Waltereit: Also wenn es jetzt wirklich so sein sollte, dass der Sparplan kippt, dass Griechenland Ende des Monats pleite ist, dass es kein neues Geld gibt, dann ist schon vorstellbar, dass es soziale Unruhen geben könnte. So wie man sie seit Jahrzehnten in Europa nicht mehr gesehen hat. Es gibt hier wirklich diese Furcht, dass sich die Wut auf der Straße Bahn bricht.


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Erstellt: 16-06-12
Letzte Änderung: 22-06-12